Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

6.11.2021

Geheizt wird nicht!

Von Maria Schinnen. Jahr für Jahr, wenn Regen, Kälte und Sturm die letzten warmen Herbsttage ablösten und sich jeder gern in sein behaglich warmes Zuhause zurückzog, mussten sich die Friedenauer mit Heizungsproblemen herumschlagen.

Kachelofen Jugendstil um 1900. Foto: Privat

In schöner Regelmäßigkeit erschienen im November Artikel im Friedenauer Lokalanzeiger, in denen Mieter ihrem Ärger Luft verschafften und sich über die böswillige Renitenz mancher Vermieter beschwerten, die die Verpflichtung zum Heizen schlicht ignorierten und trotz lausigkaltem, feuchtem Wetter entschieden „Geheizt wird nicht!“ So terrorisierte eine Wirtin die Mieter ihrer verschiedenen Besitztümer in der Born- und der Büsingstraße. Sie lieferte weder Zentralheizung noch ein Minimum an heißem Wasser. Dabei war die Warmwasserversorgung durch die Verordnung der Kohlenstelle vom 2. September 1917 schon so weit eingeschränkt, dass die Bewohner höchstens alle 14 Tage in den Genuss kamen, ein warmes Bad zu nehmen. Um des lieben Friedens willen harrten die Mieter zunächst ohne Murren aus, doch irgendwann hatte ihre „Lammesgeduld“ ein Ende und sie zogen vor Gericht. Gerichte und Schiedsstellen kannten das Problem zur Genüge und drohten den Vermietern regelmäßig Strafen von täglich 100 bis 150 Mark für den Fall an, dass die vertragsgemäße Zimmertemperatur von mindestens 17-18 Grad und das Warmwasser nicht geliefert werden. Rechtfertigungen wie allzu strenge Kälte, plötzliche Schneefälle oder Schwierigkeiten beim Kohlentransport ließen sie nicht gelten.

Doch lag die Schuld nicht immer bei den Vermietern. Vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg herrschte chronischer Kohlenmangel. Daher hatten die Kohlenversorgungsstellen eine 20-pozentige Einsparung erlassen. Oft wurden die Häuser sogar nur mit 60 Prozent der benötigten Kohlenmengen beliefert, und die Wirte mussten zusehen, wie sie über den Winter kamen. So erreichten manche Wohnungen im Winter höchstens 12-15 Grad.

Da hatten es die Kachelofenbesitzer, die sich selbst einheizen konnten, vergleichsweise gut. Aber nur scheinbar, denn auch sie blieben von Heizproblemen keineswegs verschont. Immer wieder explodierten Kachelöfen in den Wohnungen und stürzten mit gewaltigem Gepolter bis auf das Gesims ein. Immer wieder kamen Menschen zu Schaden. Immer wieder wurde dann der Schwarze Peter hin und her geschoben. Die Mieter beschuldigten die Ofensetzer der unsachgemäßen Setzung, diese unterstellten den Mietern unsachgemäße Befeuerung. Ein Friedenauer Töpfermeister und Ofensetzer mochte die ewigen Klagen nicht länger hören und klärte die Friedenauer in einem Leserbrief über die Ursachen der Ofeneinstürze und das richtige Heizen auf. Explosionen, so schrieb er, entstünden vor allem zu Beginn der Heizperiode im Herbst, wenn der Ofen lange nicht beheizt worden sei und sich Stickluft und Explosionsgase angesammelt hätten. Da genüge eine Stichflamme, um das Gas zu entzünden und den Ofen zu Fall zu bringen. Um dies zu verhindern, müsse man helles Feuer mit Spänen und Holz anfachen, die Ofentür nicht zu früh schließen und kontrollieren, ob der Ofen auch richtig ziehe. So verschwinde langsam das angesammelte Gas.

Von Zeit zu Zeit gab auch der Friedenauer Lokalanzeiger Heiztipps, wie man mit dem „launigen Patron“ Kachelofen, der allzu gern qualme und stinke oder beharrlich kalt bliebe, auch wenn man ihn noch so sehr mit Brennmaterial füttere, auskommen könne. „Über das Feueranmachen“ hieß ein Aufklärungsartikel, der die Hausfrauen dazu ermunterte, ihre Kinder damit zu beschäftigen, Zeitungspapier in lange Bänder zu reißen, aus diesen Zöpfe zu flechten und die Zöpfe zu Kränzen zusammenzubinden. Mehrere solcher Kränze übereinander geschichtet ergäbe ein wunderbares hell aufflammendes Feuer. Die Verwendung abgebrannter Streichhölzer oder kleiner Späne befördere die Rauchverzehrung. Habe sich im Ofen Ruß gebildet, so werfe die Hausfrau eine Handvoll frischer Kartoffelschalen in die Glut, die beim Verbrennen den Ruß lösten und zum Schornstein hinaus beförderten. Selbst Hand anzulegen und den Schornstein zu reinigen, schien angesichts der chronisch unterbesetzten Schornsteinfegerstellen angeraten. Hier könne man sogar etwas Geld sparen. Der Winter koste sowieso genug und reiße tiefe Löcher in die Haushaltskasse. Mancher Ofen entpuppe sich nämlich als Moloch und fresse geradezu gierig das immer teurer werdende Brennmaterial. Doch die umsichtige Hausfrau, die imstande war, ein wenig nachzudenken und den Verbrennungsprozess zu verstehen, könne sogar bei sparsamer Feuerung ein Optimum an Wärme herausschlagen und so ihrem Gatten ein behagliches Heim bieten. Kein Wunder, dass die später eingebauten zentral betriebenen Dampf- oder Warmwasserheizungssysteme als purer Luxus empfunden wurden.  

Heutzutage erlebt der gute alte Kachelofen wieder eine Renaissance. Er bringt ein Stück Natur zurück, denn wir nehmen den natürlichen Brennstoff wieder in die Hand und machen selbst Feuer. Hören wir das Knistern und Krachen der Holzscheite, macht sich ein wohliges Gefühl breit. In den meisten Mietwohnungen herrschen jedoch die zentralen Heizungsanlagen vor, die mit fossilen Brennstoffen wie Öl- oder Gas betrieben werden. Viele Haushalte werden auch mit Fernwärme versorgt, die in Heizkraftwerken erzeugt und in Heizungsrohre eingespeist wird. Umweltbewusste Hausbesitzer bevorzugen alternative Heizmöglichkeiten, die auf natürlichen Energiequellen wie Erde, Luft, Wasser, Sonne und Biomasse (Holz) basieren. Dazu zählen die Wärmepumpen, die die Umgebungswärme aus Erde, Luft und Wasser nutzen, die Solaranlagen mit dem Energieträger Sonne und die Pelletheizungen, die mit Biomasse und Holz funktionieren.  

Am Anfang war das Feuer – so könnte die Geschichte des Heizens beginnen. Sie ist ein Stück Kulturgeschichte der Menschen, die zu allen Zeiten neuartige Heizsysteme kreierten. In Berlin- Schmargendorf verschwindet gerade ein Wahrzeichen dieser Kulturgeschichte, das die Stadtsilhouette der letzten 110 Jahre geprägt hat. Es ist das Heizkraftwerk Schmargendorf, das die Berliner mit Fernwärme versorgte. Es macht einer neuen, modernen Energieanlage Platz, mit der effizienter und klimaneutraler weiterhin Stadtwärme erzeugt wird. Welche Technik zum Zuge kommt, ist wohl noch nicht entschieden.

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