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26.05.2022 / Menschen in Schöneberg

Gedenken an Walther Rathenau

Von Maria Schinnen. Normalerweise drücken sich Menschen herzlich die Hand, bevor sie für eine längere Zeit auseinander gehen. Nicht so die Schöneberger Bezirksverordneten bei ihrer letzten Versammlung vor der Sommerpause im Juni 1922.
Walther Rathenau. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-L40010 / CC-BY-SA 3.0

Im Gegenteil: Sie hauten sich noch einmal kräftig allerlei Beschimpfungen und sonstige liebreizende Zurufe um die Ohren und heizten ihre Ferienstimmung so richtig an. Auslöser war die Anfrage eines Bezirksverordneten, warum der Versammlungsvorsitzende, Dr. Teufer, mit keinem Wort den „Meuchelmord“ an dem amtierenden Außenminister Dr. Walther Rathenau erwähnt hatte. Er habe erwartet, dass einem so hervorragenden Vertreter der Republik die Ehre eines Nachrufes erwiesen werde. Dr. Teufer beantwortete die Anfrage schlicht mit seiner Pflicht zur Neutralität. Damit war das Thema für ihn erledigt, doch die Hetzereien unter den Abgeordneten nahm weiter an Fahrt auf, bis schließlich alle ohne Abschied in die Ferien gingen.

Dieser Vorfall war geradezu typisch für den umstrittenen Politiker Walther Rathenau. An ihm schieden sich die Geister. In der Kunst, sich Feinde zu machen, war er außerordentlich erfolgreich. Es gab wohl kaum einen Politiker mit einer schlechteren Presse. Anlässlich seines Todestages vor 100 Jahren wollen wir diesen Politiker und die Hintergründe seiner Ermordung näher beleuchten. In einem weiteren Artikel wird er dann noch einmal als Privatperson mit seinen vielseitigen Talenten im Vordergrund stehen.

Walther Rathenau kam am 29. September 1867 in Berlin als ältester Sohn einer Industriellenfamilie zur Welt. Sein Vater, Emil Rathenau, hatte Maschinenbau studiert und arbeitete als technischer Berater bei den Borsigwerken. 1883 erwarb Emil die Edison-Patente für Deutschland und gründete die Deutsche Edison-Gesellschaft (DEG), die 1887 in AEG umbenannt wurde. Sie wuchs unter seiner Führung zu einem der größten Konzerne der Welt.

Für den Vater war klar, dass sein Sohn Walther in seine Fußstapfen treten sollte. Dieser studierte also Physik, Philosophie und Chemie, anschließend Maschinenbau, nachdem er über die „Absorption des Lichts in Metallen“ promoviert hatte. Dann aber entschied er sich, gegen den Willen seines Vaters, preußischer Offizier zu werden. Doch als Jude war ihm jegliche Karriere im Staatsdienst versperrt. Er galt als Mensch zweiter Klasse, obwohl er zur Elite gehörte. Diese schmerzhafte Erkenntnis begleitete ihn ein Leben lang. Notgedrungen musste er sich den Wünschen seines Vaters beugen, wurde zunächst Geschäftsführer der AEG-Tochter Elektrochemische Werke Bitterfeld und trat wenige Jahre später in den Vorstand der AEG ein. In kurzer Zeit saß er in etwa 100 Aufsichtsräten und Vorständen deutscher Industrieunternehmen und hatte einen immensen Einfluss auf die europäische Wirtschaft. Er galt als glänzender Organisator, handelte wirtschaftlich durchdacht, kritisch und durchschaute das Spiel der Kräfte des Markts. In seinen Schriften und Essays scheute er sich nicht, frank und frei seine revolutionären Gedanken und Visionen zur Führung eines modernen Staates zu äußern: effiziente Organisation und Verwaltung, Bereitstellung notwendiger Verkehrs- und Kommunikationsmittel, funktionierendes Rechtssystem, exzellente Bildung der Bevölkerung, Abschaffung des erblichen Reichtums, Beseitigung der Klassenunterschiede, soziale Verpflichtung der Großindustrie, staatliche Lenkung der Produktionsmöglichkeiten. Preußen sei weit davon entfernt, ein solch moderner Staat zu werden. Zu dessen Elite gehöre die alte Aristokratie, der es aber an geistiger Kompetenz und Weitsichtigkeit fehle, die für die Führung der modernen Welt erforderlich sei. Einzig das Bürgertum mit seiner Flexibilität, Wissbegierde, Rationalität habe sich als kompetent erwiesen, die Welt des Kapitalismus zu kontrollieren. Doch die geistige Oberschicht des preußischen Bürgertums habe bereits resigniert. Nicht nur Juden würden daran gehindert Führungspositionen zu übernehmen, das Bürgertum als Ganzes werde im Kaiserreich systematisch ausgeschlossen. Überall müssten die Fähigeren wegen der Vorherrschaft des Adels und der reaktionären Politik zurückstehen.
Diesen provozierenden Äußerungen gegen den preußischen Adel, folgten weitere. In seinem Artikel „Unser Nachwuchs“ sprach er von 300 Männern, die die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents leiteten. Antisemitische Leser sahen darin die 300 Weisen von Zion, also Juden, die das Land und sogar den Kontinent beherrschten und nach der Weltherrschaft strebten. Dies war für sie ein Indiz für die jüdische Weltverschwörung. In „Höre Israel“ empörten sich die Juden, als er ihnen Materialismus und den Widerwillen, sich bedingungslos zu assimilieren und zum Deutschtum zu bekennen, vorwarf. Kein Wunder also, dass er zwischen allen Stühlen saß und Feinde in allen Bevölkerungsschichten hatte.

Dann begann der Erste Weltkrieg und die AEG wurde zum zweitgrößten Rüstungsproduzenten im Deutschen Reich. Als Wirtschafts- und Finanzexperte war Rathenau in die Kriegsplanungen der Reichsregierung eingebunden und übernahm die Leitung der von ihm angeregten Zentrale zur Beschaffung und Bewirtschaftung kriegswichtiger Rohstoffe. Aus Enttäuschung, dass man ihm einen weiteren staatlichen Posten versagte, zog er sich aus der Kriegsrohstoffabteilung wieder zurück und konzentrierte sich auf sein Unternehmen. Nach dem Krieg arbeitete er als Wirtschaftssachverständiger und nahm 1921 an der Konferenz in Spa teil. Er versprach den Alliierten, die Reparationszahlungen möglichst vollständig zu leisten, wohl wissend, dass die deutsche Wirtschaft diese Zahlungen nur mit einer Geldentwertung würde leisten können. Diese Haltung brachte ihm viele Feinde ein, besonders unter den nationalen Kräften, die ihm „Ausverkauf der deutschen Interessen“ vorwarfen.

Dann stand eine Weltwirtschaftskonferenz in Genua an. Um hier als Wirtschaftssachverständiger wirken zu können, berief man Rathenau zum Außenminister. Am Rande der Konferenz gelang ihm ein Coup. Er vereinbarte mit Sowjetrussland den Rapallo-Vertrag zur gegenseitigen wirtschaftlichen Unterstützung und Verzicht auf Reparationsleistungen. Die Alliierten standen Kopf. Sie befürchteten, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden geächteten Staaten Deutschlands Abhängigkeit von den Westmächten verringere.

Rathenaus Alleingänge waren auch vielen Deutschen ein Dorn im Auge, und der antisemitische Ton gegen ihn wurde schärfer. Er habe als Jude kein Recht, die Angelegenheiten des deutschen Volkes zu vertreten. Die konservativen und nationalen Kräfte wollten den Friedensvertrag von Versailles revidieren und keinerlei Reparationen mehr leisten. Die Organisation Consul, eine terroristische Vereinigung, wollte darüber hinaus das demokratische System durch politische Morde destabilisieren und eine Militärdiktatur errichten. Walther Rathenau, „die gottverdammte Judensau“ stand als erster auf ihrer Liste. Rathenau wusste es, lehnte aber jeglichen Polizeischutz ab. Am Morgen des 24. Juni 1922 wurde er in seinem Auto von fünf Schüssen tödlich getroffen und starb binnen weniger Minuten.

Als die Todesnachricht im Reichstag bekannt wurde, kam es, ähnlich wie in Schöneberg, zu Tumulten unter den Abgeordneten. „Mörder, Mörder“ - Rufe wurden laut. Anders als in Schöneberg aber war der leere Stuhl Rathenaus mit Blumen bekränzt und auf seinem Tisch lag ein Strauß weißer Rosen. Reichskanzler Joseph Wirth sprach einen Nachruf auf den Ermordeten.

Die Ignoranz der Schöneberger Bezirksverordneten hatte kein Nachspiel.

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