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2.07.2017

Geburtstagstorte für John F. Kennedy

Zahlreiche Honoratioren und Gäste, unter ihnen die einladende Bürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg Angelika Schöttler, der Regierende Bürgermeister Michael Müller, Stefan Böltes als Vertreter der BVV Tempelhof-Schöneberg, der Gesandte-Botschaftsrat der US-Botschaft Jeffrey Hovenier, Helen Gibson von der Freien Universität und auch eine A-capella-Gesangsgruppe der John-F.-Kennedy-Schule, hatten sich am 29. Mai vor dem Rathaus Schöneberg versammelt, um den 100sten Geburtstag von John F. Kennedy zu feiern und damit an seine große Bedeutung für unsere Stadt und Deutschland zu erinnern.

Kennedy-Double Caspar Phillipson wiederholt die Kennedy-Rede vor dem Rathaus Schöneberg. Foto: Pressestelle TS

Foto: Hartmut Ulrich

„Ich bin ein Berliner“; diesen Satz hat wohl jeder in Erinnerung, und um dies noch einmal ins Bewusstsein zu rufen, war Caspar Phillipson, ein schauspielerndes Double von Kennedy aus Amerika, engagiert worden, der dessen Rede vom 26. Juni 1963 noch einmal mit eindringlicher Stimme zelebrierte. Wer auf die glorreiche Idee kam, diese Rede mit ihren scharf prononcierten antikommunistischen Worten noch einmal zu replizieren, ist nicht bekannt. Peinlich genug war sie jedenfalls in ihrem übertriebenen deklamatorischen Pathos. Zur Überwindung der gegenwärtigen internationalen politischen Spannungen war sie (m.E.) auch nicht besonders zielführend.

Heute wissen wir dank der Zugänglichkeit der Archive mehr über die Hintergründe des damaligen Berlin-Besuchs fast zwei Jahre nach Errichtung der Mauer. Kennedy hatte sich mit dem Bau der Mauer abgefunden: „Keine angenehme Lösung, aber immer noch besser als Krieg“. Dafür hatte er aber am 3. Juni 1961 auf dem Wiener Gipfeltreffen dem sowjetischen Ministerpräsidenten Chrutschschow Garantien für die Freiheit und Selbstbestimmung  der Bürger von West-Berlin, die Freizügigkeit der westlichen Alliierten und ihre freien Zugangsrechte nach West-Berlin, sowie den Erhalt des Besatzungsstatus von Berlin entsprechend dem Potsdamer Abkommen abgerungen. „Ostdeutschland  entgleitet Chrutschschow. Das kann er nicht zulassen. Er muss etwas tun, um den Flüchtlingsstrom einzudämmen - vielleicht eine Mauer. Und wir werden nichts dagegen tun können. Ich kann die Allianz aufrechterhalten, um West – Berlin zu verteidigen. Aber ich kann Ost – Berlin nicht offen halten,“ äußerte sich Kennedy bereits im Sommer 1961 seinem Berater Walt Withman Rostow gegenüber.

Bedauernswert an der Gedenkfeier war allerdings, dass kein Wort über die psychologisch so wichtige umgehende Entsendung seines Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson am 19. August 1961 (also sechs Tage nach Errichtung der Mauer) nach Berlin verloren wurde. In seiner Rede vor einer Riesenmenge von Westberlinern  vor dem Rathaus Schöneberg bekräftigte er im Beisein von Willy Brandt und Lucius D. Clay (dem „Vater“ der Luftbrücke) unter großem Jubel die Bereitschaft der USA zur Verteidigung von West-Berlin und kündigte weitere Entsendung amerikanischer Truppen an. Leider wurden auch keine würdigenden Worte über die großen innen- und außenpolitischen Leistungen Kennedys gesprochen. Er war der erste Präsident, der mit dem Programm „Neues Grenzland“ in den USA u. a. die Aufhebung der Rassentrennung und die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung, einen Mindestlohn, die gesetzliche Krankenversicherung und einen verbesserten Verbraucherschutz einführen wollte, ein Programm, das unter dem Namen „Große Gesellschaft“ nach der Ermordung Kennedys schließlich von Präsident Johnson umgesetzt wurde.

Außenpolitisch war seine sicherlich größte Leistung die fast unkontrollierbare und die Welt vor einem atomaren Desaster rettende nichtmilitärische (wie von der „Falken Fraktion“ im Beraterstab Kennedys gefordert), sondern die politische Bewältigung der Kuba-Krise gemeinsam mit Chruschtschow.* Beide zogen aus dieser „Beinahe-Katastrophe“ wichtige Konsequenzen für die Zukunft: Es wurde der „Heiße Draht“ (das „rote Telefon“) zur direkten Kommunikation zwischen beiden Ländern eingerichtet. Chruschtschow und Kennedy führten den „Atomkoffer“ mit einem geheimen Code ein, der nur ihnen die Befehlsgewalt über den Einsatz von Atomwaffen ermöglichte. Atomtests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser sollten verboten werden. Ein Vertrag zur Abrüstung, Kontrolle und Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen sollte ausgearbeitet werden. 1963 beschlossen die Sowjetunion, USA und Großbritannien als atomwaffenführende Staaten den Atomwaffen-Sperrvertrag, der am 1. Juli 1968 von zahlreichen weiteren  Staaten unterzeichnet wurde. Deutschland trat diesem Vertrag 1969 bei, Frankreich und China 1992. Heute haben 195 Staaten außer Indien, Pakistan und Israel diesen Vertrag unterschrieben. Nordkorea trat 2003 aus. Wegen der ständigen Verletzung des Atomwaffen-Sperrvertrags durch zunehmende provokative Atom- und Raketentests beschloss der UN-Sicherheitsrat im Juni 2017 scharfe Sanktionen gegen Nordkorea.

Donald Trump twitterte als Präsidentschaftskandidat im Dezember 2016: „Die USA müssen ihre nuklearen Fähigkeiten erheblich verstärken, bis die Welt in Sachen Atomwaffen zur Vernunft kommt.“, ein klarer Verstoß gegen die im Sperrvertrag fixierte Forderung nach Abrüstung des Atomwaffenpotentials!

Hartmut Ulrich

* Tony Judt stellt detailliert Fakten und Hintergründe der Krise in seinem Buch „Das vergessene 20. Jahrhundert“ in der Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010 dar.

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