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11.12.2016

Gärtnern aus Leidenschaft

Herr Kurz pflegt die Grünfläche rund um die St.-Matthias-Kirche am Winterfeldtplatz

Foto: Hartmut Becker

Jetzt im Winter ist es nicht so deutlich, aber Berlin ist eine grüne Stadt. Es gibt mehr als 2.500 öffentliche Grünflächen, die von den Bezirken und der Senatsverwaltung gepflegt werden, oder eben nicht gepflegt werden, weil kein Geld da ist. Dann gibt es gelegentlich einen Aufruf, um Freiwillige zu finden, die Laub harken oder Müll beseitigen. Oder es werden einfach keine Blumen mehr gepflanzt, wie am Viktoria-Luise-Platz im letzten Sommer.

In Schöneberg, rund um die St.-Matthias-Kirche am Winterfeldtplatz, gibt es ein musterhaftes Gegenbeispiel. Hier wird dauerhaft ehrenamtlich gepflanzt und gepflegt. Meik Kurz ist es, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Grünflächen rund um die Kirche gärtnerisch zu gestalten. Er wohnt seit über 15 Jahren im Winterfeldt-Kiez, und auf seinem Weg zur Arbeit geht er täglich an der Kirche vorbei. Da hatte er vor ein paar Jahren ein Schlüsselerlebnis: Ein Brautpaar, das sich glücklich photographieren ließ, ... und im Hintergrund wucherten zwei Meter hohe Brennnesseln. Entsetzlich!

Aber Herr Kurz steht auf dem Standpunkt, man soll nicht schimpfen und sich beschweren, wenn man selbst anpacken kann. Also ist er beim Grünflächenamt im Bezirksamt Schöneberg vorstellig geworden, um die gärtnerische Pflege rund um die Kirche ehrenamtlich zu übernehmen. Einfach war das nicht. Man sollte meinen, die Verwaltung wäre froh, wenn jemand sich anbietet, umsonst zu arbeiten. Aber der Bürokratie muss Respekt gezollt werden. Einige Jahre hat es gedauert, bis der Pflegevertrag ausgehandelt war, z. B. darüber, was er anpflanzen darf, wie hoch die Gewächse sein dürfen, und dass er haftet, falls er beim Umgraben ein Rohr oder eine Leitung beschädigt. Natürlich muss er die Grünanlage zurückbauen, wenn er den Pflegevertrag einmal beenden will. Zurück zu Brachland und Brennnesseln?

Herr Kurz hat ursprünglich Garten- und Landschaftsbau studiert, aber inzwischen hat er sich beruflich anderweitig orientiert. Er arbeitet jetzt als Verkäufer in einem Jeansladen. Heute ist die Gartenarbeit für ihn ein Ausgleich, so wie andere abends ins Fitness-Studio gehen.
Wer glaubt, im Winter sei nichts zu tun in so einer Anlage, der irrt. Da muss Laub geharkt werden, damit die Gräser nicht ersticken, woanders muss es angehäuft werden, um Pflanzen vor Frost zu schützen oder den Tieren in der Kälte Schutz zu gewähren, Einige Pflanzen müssen zurückgeschnitten werden. Blumenzwiebeln müssen rechtzeitig fürs nächste Frühjahr in die Erde gesetzt werden.

Außerdem überlegt Herr Kurz jetzt schon, wie er das Stückchen Brachland hinter der Kirche gestalten wird, auf dem zwei große Bäume gefällt werden mussten. So legt er Jahr für Jahr immer ein neues Stückchen Grün an. Erst waren es die Flächen neben der Kirche, dann die kleine Insel da-vor, im letzten Sommer entstand ein Meer von Sonnenblumen hinter der Kirche.

Herr Kurz legt bewusst keine Blumenrabatten und Stiefmütterchenbeete an. Er will eine Art Wild- und Landschaftsgarten gestalten. Seine Grünfläche soll jederzeit die Menschen und auch die Tiere erfreuen. Deshalb sorgt er einerseits dafür, dass immer irgendwo etwas blüht. Nach der Magnolie im Frühjahr kommen Tulpen und Narzissen, gefolgt von Rosen und Hibiskus. Im Sommer blühen  Margeriten und im Herbst Prunkwinden. Andererseits hat er einige Blumen speziell für Hummeln oder Wildbienen angepflanzt, er hat ein Insektenhotel aufgehängt, und neben der Kirche gibt es Goldfischteiche, die als Vogeltränke dienen.

Die Nachbarn aus dem Kiez danken ihm für sein Engagement. Wenn er nach Feierabend und am Wochenende dort arbeitet, wird er oft in Gespräche verwickelt. Einmal hat ihn eine Muslima angesprochen, es gäbe auch im Koran Verse, die sagen, dass Pflanzen Geschöpfe Gottes sind und deshalb gepflegt werden sollten. So kann seine Arbeit sogar religionsverbindend sein. Die Kirche honoriert seine Tätigkeit, in dem sie ihm einen Wasseranschluss gelegt hat und die Wasserrechnung bezahlt.

Andere Gemeinden sollen sich schon erkundigt haben, ob eine ehrenamtliche Pflege auch rund um ihre Kirche möglich ist.

Christine Bitterwolf

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