Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

25.11.2015

Friedrich Wilhelm Underground

Zu den Umbaumaßnahmen der BVG am U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz.

Visualisierung: (c) Ing.-Büro Dipl.-Ing. H. Vössing GmbH

Die Geschichte beginnt bekanntlich nicht mit der zuletzt gewählten Regierung, doch der jeweilige Zeitgeist räumt gerne ab, was ihn stört. Das gilt im besonderen Maße für das schnellfüßige Berlin, und auch das einst stolze Friedenau musste sich beugen, zum Beispiel an seinem ehemals schönsten Platz, der nicht nur von seinem Kaiser-Wilhelm-Denkmal befreit wurde, sondern durch zweimalige Amputation auch von seiner Schönheit. Das eine Mal im Zuge der Begeisterung für eine autogerechte Stadt, das andere Mal durch die Begeisterung für möglichst viele Zugänge zum neuen U-Bahnhof. Denn time is money, hat der Berliner von Amerika gelernt. Der von den Gründungsvätern Friedenaus einst mit Bedacht gewählte Name ist allerdings erhalten geblieben.  Namenspatron ist Friedrich Wilhelm III., der Modernisierer des preußischen Staatswesens in den Jahren 1807-1815, wodurch eine Erinnerungslinie an eine fast schon vergessene Zeit fortbesteht.

Daran will die BVG nun anknüpfen, gewissermaßen um den durch sie selbst angerichteten materiellen Schaden über der Erde wenigstens auf ideelle Weise und unter der Erde wieder gut zu machen. Denn soeben ist ihr Sanierungsprogramm für den 1971 fertiggestellten U-Bahnhof Friedrich- Wilhelm-Platz unter Einschluss seiner sämtlichen sechs Zugänge angelaufen. Dabei soll auch der Bahnsteig ein ganz neues Gesicht erhalten. Von der weißen Decke werden aus eckigen Leuchten helle Granitplatten angestrahlt, die mit dunklen Blindenleitstreifen versehen sind.

Und dieser Modus von hellen und dunklen Kontrasten bildet überhaupt die Grundeinheit des Designs, vom fugenweiß gegliederten Antrazit der Pfeiler bis zum rhythmisch schwarz unterbrochenen Weiß der Decken und seiner Leuchten. Das macht nicht nur einen eleganten Eindruck, das entspricht auch den schwarz-weißen Farben Preußens in der Regierungszeit des Namenspatrons. Der soll denn auch mitsamt seinem dynastischen Umfeld auf Reproduktionen an der einen Wand des Bahnhofs wiedergegeben werden, während an der gegenüberliegenden Wand auf historischen Fotos die ehemalige Schönheit des oberirdischen Platzes wieder auferstehen soll.

Die Baumaßnahmen sollen sich bis Mitte 2017 erstrecken, wobei der laufende Verkehr nicht unterbrochen werden soll, weswegen auch die Eingänge, die entgegen anderslautenden Gerüchten alle in ihrer jetzigen Form erhalten werden sollen, Zug um Zug saniert werden. Da die im Durchschnitt alle sechs Jahre eintreffende Friedenauer Sintflut auch die hiesigen U-Bahneingänge regelmäßig unter Wasser setzt (noch!), haben sich feine Risse an Treppen und Wänden gebildet, die allerdings auch auf den seinerzeit verwendeten minderwertigen Beton zurückzuführen sind. Jeder Zugang braucht daher zur Sanierung neun Monate. Zur Zeit finden die Arbeiten am Eingang Sarrazinstraße statt, der deswegen gesperrt ist.

Mitte nächsten Jahres sollen die Arbeiten auf dem Bahnsteig beginnen. Da der Verkehr nicht unterbrochen werden soll, müssen die Arbeiten an der Bahnsteigkante in den wenigen Nachtstunden des ruhenden Verkehrs durchgeführt werden, indem Stück für Stück vorgerückt wird. Doch gehört auch der Einbau eines Fahrstuhls zum Erneuerungsprogramm, dessen Standort die Mitte des Bahnsteigs mit dem Mittelstreifen der Bundesallee in Höhe der Niedstraße verbinden soll. Auch hier wieder muss wegen der Stahlbetonweise der Anlage mit zusätzlichen Herausforderungen gerechnet werden. Hochwasserschutz und Konstruktionssicherung gehen voraus. Und nach dreimonatigem Betonbau müssen durchweg noch einmal 28 Tage zum Trocknen eingeplant werden. „Das, was man nachher sieht, bauen wir in sechs Wochen“, sagte der leitende Bauingenieur Kutscher von der BVG bei der Präsentation des Vorhabens im Ausschuss für Verkehr der BVV.

Auch oberirdisch wird einiges zu sehen sein. Denn vom Fahrstuhl aus muss die Überquerung der Fahrbahn mit einer zusätzlichen Ampelanlage gesichert werden, was zunächst Widerstände bei der autofreundlichen Verkehrslenkung Berlin hervorgerufen hatte. Und die im Ausschuss anwesende BI Friedrich-Wilhelm-Platz ließ sich bestätigen, dass auch ein barrierefreier Zugang von jenseits des Platzes eingeplant ist, wozu Baustadtrat Krüger sowohl den von der BI seit langem geforderten Abriss der Platzmauer, als auch die Aufstellung von Laternen in Aussicht stellte. Vielleicht ist die BVG ja auch noch zu weiteren Maßnahmen bereit, die das zerstörte Erscheinungsbild des Platzes aufzubessern vermögen. Am Bayerischen Platz jedenfalls hat sie Geschick, Geschmack und Einsatzbereitschaft gezeigt.

Zum Schluss der Präsentation stellte der Bezirksverordnete Sielaff (CDU) die gute Frage, ob die teilweise sehr langen Tunnelgänge nicht ähnlich wie am Bay-erischen Platz durch historische Fotos von der Platzumgebung ästhetisch aufgewertet werden könnten? „Darüber haben wir im Detail noch gar nicht nachgedacht“, lautete die Antwort von Ingenieur Kutscher, „aber das ist eine interessante Idee, die ich gerne mit in unser Gremium nehme“. Auch wir von der Stadtteilzeitung halten das für eine gute Idee und haben deswegen unsererseits der BVG vorgeschlagen, mit uns gemeinsam unsere Leser zur Einsendung von historischen Fotos und Postkarten der weiteren Platzumgebung  einzuladen, um diese dann öffentlich vorzustellen, bevor sie ausgewählt werden.

Die BVG hat sich in Gestalt ihres Projektleiters Matthias Weber in-zwischen zurückgemeldet. Die Begeisterung für das vorgeschlagene Projekt ist beidseitig, hat er uns versichert,  sodass einer Verwirklichung nun nichts mehr weiter entgegensteht als Ihr eigener Eifer, liebe Leser. Bitte senden Sie Ihre Favoriten mit Friedenauer Erinnerungswert, also historische Postkarten oder historische Erinnerungsfotos, die selbstverständlich in Ihrem Eigentum verbleiben und von uns sorgsam behandelt werden, an die folgende Adresse:

Nachbarschaftsheim Schöneberg
Redaktion Stadtteilzeitung
Holsteinische Straße 30
12161 Berlin

Ottmar Fischer