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11.04.2016 / Orte und Plätze

Friedrich-Wilhelm-Platz - ein Kinderparadies ?

Wie sieht die Zukunft des zentralen Friedenauer Platzes aus?
Fotos: Mueseen Tempelhof-Schöneberg

"Friedenaus Schmuckplätze - jeder kennt sie. ... Und der Friedrich-Wilhelm-Platz! Ein Kinderparadies! Die jungen Mütter mit dem Wagen, im dem das 'Kleinchen' sitzt; die älteren Kinder, die im Sand spielen." ... (Aus dem "Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger" vom November 1924)

Man kann sich das ja gar nicht mehr vorstellen, wie Friedenau zur Zeit seiner Gründung - 1871 - ausgesehen hat: Wiesen und Kornfelder weit und breit, einzelne Wohnhäuser, ein paar Gehöfte, irgendwo ein kleiner Pfuhl. Die von Berlin nach Potsdam führende Chaussee - auf dem späteren Friedenauer Gebiet die Haupt- und Rheinstraße -  war allerdings schon seit 1793 gepflastert, sicher zu Heereszwecken.

Der Großgrundbesitzer Carstenn, der seine Güter Giesensdorf, Lichterfelde und Deutsch-Wilmersdorf verbinden wollte, ließ 1872-74 die Kaiserstraße (später Kaiserallee, heute Bundesallee) anlegen und  mit Rüstern bepflanzen. Diese Straße könnte man als die "Keimzelle" Friedenaus bezeichnen. Ohne alten Siedlungskern wurde Friedenau  mitten in den Feldern des Gutes Deutsch-Wilmersdorf auf einem Areal von 40 Morgen angelegt, etwa eine Stunde (Gehminuten, Pferdebahn- oder Bahnminuten?) vom damaligen Mittelpunkt Berlins entfernt - und natürlich „weit vor den Toren Berlins" (ein anderes Dokument nennt eine Entfernung von 4,5 km). Auf einem sog. "Situationsplan von dem Wilmersdorfer Oberfeld" von 1872 sieht man die "Urform" von Friedenau und auch des Friedrich-Wilhelm-Platzes, der wohl als zwei getrennte Anlagen im Zuge der Kaiserstraße geplant war, auf deren einer, der südlichen, später die Kirche zum Guten Hirten errichtet wurde.

Mit dieser Straße und ihren Anlagen, die später zum Friedrich-Wilhelm-Platz erweitert wurden, hat es also angefangen, so dass man den Platz durchaus als das "Herz von Friedenau" bezeichnen könnte; er liegt sozusagen in der Mitte der alten "Kolonie Friedenau". Sie war von Carstenn als Landhaussiedlung geplant, als "grüne Lunge der Großstadt", wie er es nannte. Die Änderung der Bauordnung, die auch viergeschossige Häuser zuließ, vereitelte sein menschenfreundliches Vorhaben. Der Bau großer Mietshäuser mit zum Teil preiswerten Wohnungen zog auch sogenannte "kleine Leute" nach Friedenau, was nicht immer auf Gegenliebe der Villenbesitzer stieß.
1887 wurde der Friedrich-Wilhelm-Platz dann gärtnerisch gestaltet und vom sogenannten "Verschönerungsverein" instand gehalten, und 1888 wurde er nach dem damaligen Kronprinzen Friedrich-Wilhelm benannt. (Eine 1945 vorgeschlagene Namensänderung in "Engelsplatz" wurde vom Berliner Magistrat nicht bestätigt.) Seit Anfang der 1880er Jahre war über den Bau einer evangelischen Kirche für die Friedenauer Bürger nachgedacht worden, nachdem in den vergangenen Jahren die Gottesdienste in verschiedenen Provisorien abgehalten werden mussten. Der Friedrich-Wilhelm-Platz bot sich als Bauplatz an, das Projekt wurde "höhern Ortes" protegiert, von Kaiserin Auguste Viktoria, respektlos auch "Kirchen-Juste" genannt, weil ihre Vorliebe für Kirchenbauten in Berlin bekannt war, die die Arbeiter von Kneipen und Gewerkschaftsversammlungen fernhalten sollten. 1891 wurde mit dem Bau der Kirche begonnen, 1893 wurde sie als "Kirche Zum Guten Hirten" eingeweiht. Ihre Glocken läuten den Friedenauer Bürgern und Bürgerinnen nunmehr seit über hundert Jahren den Feierabend und die Sonn- und Feiertage ein.
 
An der Ecke Kaiser- (Bundes-)allee/ Goßlerstraße entstand das neue Gemeindehaus in der Form, wie wir sie auch heute kennen. 1901 wurde auf dem nördlichen Ende des Friedrich-Wilhelm-Platzes als besonderes "Schmuckstück" ein Sandsteinbrunnen mit Spenden von Friedenauer Bürgern gebaut und im Oktober 1901 mit vaterländischem Pomp eröffnet, der sogenannte Kaiser-Wilhelm-Brunnen, auf dem die Kinder mehrerer Generationen herum kletterten. (Sein Abriss in 60ern ging eher sang- und klanglos vonstatten). Im Heimatmuseum Schöneberg befinden sich noch einige Relikte: ein rotes Sandsteinrelief mit Löwenkopf und das Friedenauer Friedensengelwappen auf einer Halbsäule.

Nach und nach wuchs der Friedrich-Wilhelm-Platz zu einer schön gestalteten Anlage heran; mit hohen Bäumen und Blumenrabatten wurde er einer der Friedenauer "Schmuckplätze", von denen das Zitat aus dem Lokal-Anzeiger von 1924 spricht. Nach einer Kartoffel- und Gemüsephase in der Nachkriegszeit wurde er wieder mit Blumen bepflanzt. Bis in die 60er Jahre hinein umrundeten die Straßenbahnen wie eh und je den Platz auf ihrer Fahrt vom Zoo nach Steglitz und zurück - anfangs als Dampf-, ab 1898 als elektrische Straßenbahnen. Dann wurden die Schienen ausgebaut, und Busse übernahmen ihre Aufgabe, später die U-Bahn. Den endgültigen Garaus aber machte der "autogerechte" Ausbau dem Friedrich-Wilhelm-Platz. Wegschaffen konnte man ihn nicht, da war die Kirche vor; so hat man ihn zusammengestutzt, hat einen Teil der Anlagen auf der östlichen Seite in zwei weitere Fahrbahnen verwandelt, auf denen die Autos in beiden Richtungen ihren Weg nehmen. Für die Kinder wurde ein Eckchen mit Sandkasten und vergittertem Ballplatz reserviert, der heute kaum noch benutzt wird. Kleine Fontänen sprudelten aus mehreren Kunststeinplatten, die einen recht hübschen Eindruck machten, ehe der immer weniger angenommene Platz zu verwahrlosen begann. Und damit änderte sich auch sein Publikum: Schule schwänzende Jugendliche findet man auf den wenigen Bänken, und diejenigen, denen der Platz zum Wohnzimmerersatz geworden ist und die dort Notgemeinschaften bilden, aus denen sie menschliche Wärme ziehen. Der Platz ist zu einer Durchgangsstation geworden, pausierende Bus-fahrer, die dort ihre Endhaltestellen haben, laben sich an der Imbissbude, ehe sie ihn wieder verlassen. Mehr als einen flüchtigen Blick in verwildertes Grün wirft man dem Friedrich-Wilhelm-Platz heute nicht mehr zu.

Sigrid Wiegand

Do 14. April 2016, 18:00 Uhr
Kirche zum Guten Hirten
Kiezgespräch
RUND um BAHN und PLATZ
Gestaltung Friedrich-Wilhelm-Platz

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