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07.06.2016 / Menschen in Schöneberg

Friedenauer Wasserversenkung

Nach der Logik des statistischen Durchschnitts müsste es in diesem Jahr eigentlich wieder eine Überflutung der Friedenauer Senke rund um den Friedrich-Wilhelm-Platz geben.
Foto: Berliner Wasserbetriebe
Foto: Archiv edition Friedenauer Brücke

Und das wäre diesmal womöglich auch für zwei aktuell dort laufende Baumaßnahmen fatal. Denn während die Bewohner ihre Keller und Garagen inzwischen durch in Führungsschienen zu schiebende Bretterwehre vor der alle sieben Jahre wiederkehrenden Sintflut zu schützen gelernt haben, wird der  auch von vorherigen Überflutungen in Mitleidenschaft gezogene U-Bahnhof gerade saniert, derweil das neue Flutabwehrsystem noch installiert wird.
Doch der projektleitende Bauingenieur Jürgen Kreger der Berliner Wasserbetriebe (BWB) gibt Entwarnung: Bis zum jetzigen Zeitpunkt seien unterirdisch bereits 2.000 Kubikmeter Stauraum zusätzlich geschaffen worden.

Und diese sind über den Vorfluter unter der Handjerystraße/Varziner Straße an das Schöneberger Kanalsystem angeschlossen worden. Das hätte bereits ausgereicht, um die drei Regenfluten des Jahres 2013 aufzunehmen, deren Ausmaß allerdings unterhalb der Sintflut-Kategorie blieb. Doch leider kam das Wasser, bevor Ende des Jahres der Anschluss vollendet war, weswegen die Baugrube erst einmal absoff. Doch inzwischen sei die Gefahr durch die fortschreitende Erweiterung des neuen Regenüberlaufkanals weiter gesunken. Nach Abschluss der Bauarbeiten im nächsten Jahr soll mit der Fertigstellung des dann auf 2,3 km angewachsenen Systems die Gefahr schließlich ganz und gar gebannt sein. Das Stauvolumen werde dann 3.500 Kubikmeter betragen und die Friedenauer Senke zwischen Bundesplatz-Handjerystraße-Rheinstraße-Laubacher Straße-Südwestkorso zuverlässig vor der Sintflut schützen.

„Es wird einem wahrscheinlich was fehlen“, kommentierte ein Teilnehmer der Info-Veranstaltung am Schillerplatz unter der zustimmenden Heiterkeit der Umstehenden diese Aussichten. Etwa 30 Neugierige waren der Einladung von Dilek Kolat (SPD) gefolgt, die von ihrem Wahlkreisbüro in der Schmiljanstraße aus den Kontakt zum Wähler mit wechselnden Themen-Angeboten sucht. Der Schillerplatz ist zur Zeit Lagerplatz für Gerät und Material, weswegen die Verkehrsführung hier erhebliche Einschränkungen erfahren hat. Von hier aus geht es nun in die vorletzte Runde der Baumaßnahme, der leider die japanischen Kirschbäume vor Ort zum Opfer fallen mussten. Doch soll nach Abschluss der Arbeiten ein Ausgleich geschaffen werden, versicherten Direktor Simon und Bauleiter Kreger für die BWB, die neben der Vorstellung des aktuellen Standes auch einen Blick in Vergangenheit und Zukunft unternahmen.

Die Wasserzähmung

Beide dankten für das Verständnis der Bevölkerung, deren Geduld mitunter auf eine harte Probe gestellt werden musste, insbesondere was die durch die umfangreichen Arbeiten unvermeidliche  Erschwerung der in Friedenau ohnehin schwierigen Parkplatzsuche betrifft. Beide wiesen aber zugleich darauf hin, dass auch für sie als die Bauausführenden so manche harte Nuss zu knacken war. So sei der Baufortschritt bei der eigentlichen Rohrverlegung zwar gut erkennbar, sogar wenn die zylindrische Rohrvortriebsmaschine unterirdisch vorrücke und die ausgehobenen Böden nach hinten auswerfe, bevor sie oberirdische Haufen bilden. Oder wenn die tonnenschweren Rohrteile im Schacht vorgepresst werden. Doch vorauslaufend zum Rohrvortrieb seien stets ergänzende Arbeiten erforderlich. Und die sieht man nicht immer. Wohl etwa, wenn für den Maulwurf Start- und Zielgruben ausgehoben werden. Nicht aber, wenn Schwierigkeiten aufgetaucht sind.

So müssten beispielsweise stets Erkundungen zu vorgefundenen Medienleitungen angestellt werden. Manchmal seien die Leitungsinhaber gar nicht sofort zu identifizieren. Doch müsse vor Baubeginn über eine temporäre oder endgültige Umverlegung entschieden werden, was unvermeidlich zu Verzögerungen führe. Und beim kritischen Teil der Bevölkerung entstehe dann leicht der Eindruck, auf der Baustelle tue sich gar nichts. Dabei rauchten im Hintergrund und unsichtbar die Köpfe und die Telefone liefen heiß. Oder es gebe Überraschungen ganz anderer Art. So seien in der Peschkestraße über Jahrzehnte entstandene Hohlräume entdeckt worden, die durch eine marode Graugussleitung entstanden waren, die deswegen entfernt werden musste. Mehr oder weniger unbemerkt bleibe zudem die parallel zur Baumaßnahme durchgeführte Leitungsreinigung von Schacht zu Schacht.

Wie Bauleiter Kreger in einem ergänzenden Gespräch mit der Stadtteilzeitung erläuterte, hatte die Ende 2009 begonnene Baumaßnahme ihre technisch anspruchsvolle Aufgabe tief unter der Einmündung des Südwestkorsos in die Bundesallee. Dort war nämlich für den in Bau befindlichen Regenüberlaufkanal nicht nur der Autotunnel zu unterqueren, der hier den Durchgangsverkehr unter dem Bundesplatz hindurchführt. Denn noch unterhalb des Autotunnels verläuft die U-Bahn, so dass zur Unterquerung beider Anlagen beidseits zunächst eine 25m tiefe Grube ausgehoben werden musste, mochte das anwachsende Grundwasser darin dem Baggerfahrer auch die Zielsicht versperren. Anschließend wurde die Grube mit Schlitzwänden eingefasst. Dann folgte unter Einsatz von Tauchern der Einbau einer Unterwasserbetonsole zur Abs-cherung gegen das anstehende Grundwasser, welches schließlich nach dem Abbinden der Sole aus der Grube abgepumpt wurde. Dann erst konnte der Anschluss an den Kanal der jenseitigen Varziner Straße hergestellt werden, was durch die Installation eines nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren funktionierenden Dükers bewerkstelligt wurde, was man sich mit der Funktionsweise des Abflussknies unter dem häuslichen Abwasch-becken verständlich machen kann.

Wer dem Baugeschehen lieber auf mehr anschauliche Weise folgen will, hat dazu in den nächsten Wochen am Schillerplatz Gelegenheit. Die letzten 35m der Stubenrauchstraße werden von dort aus in offener Bauweise verlegt. Man kann dort also zusehen, wie die Gräben ausgehoben und wie die riesigen Stahlbetonröhren versenkt und angepasst werden. Nach Fertigstellung der Stubenrauchstraße wechselt das Geschehen auf das Gebiet südlich der Wiesbadener Straße. Bis 2017 soll  alles komplett sein. Dann kann die Probe kommen. Von oben.

Ottmar Fischer

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