Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.07.2017

Friedenauer Lesenacht

Ich habe noch nie in einer Geigenwerkstatt einer fünfperspektivischen Geschichte über einen Pfau gelauscht. Genauso hat mir noch nie ein irr grinsender Kabarettist mit Hosenträgern in einem Schuhgeschäft einen Porno aus den 20er Jahren präsentiert. Bis zur Friedenauer Lesenacht.

Jo van Nelsen im Ganzkörperschuh. Foto: Eric Pawlitzky

Als ich mich spontan dazu entschloss, meinen Samstagabend der Gegenwartsliteratur zu widmen, hatte ich eine ziemlich präzise Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Ich erhoffte mir eine ähnlich amüsante Veranstaltung wie die „Dichterlesung“ in Loriots „Pappa ante Portas“, in der ein zerzauster Lyriker mit entsetzlich knarzender Lederjacke kryptische Aneinanderreihungen sinnloser Neologismen als Kunst verkauft (Zitat: „Kraweel, Kraweel! Taubtrüber Ginst am Musenhain! Trübtauber Hain am Musenginst!“). Dazu kommt noch, dass der Poet schon bald in einen bemitleidenswert intensiven Schluckauf (Zitat: „Humm!) verfällt, wodurch die Szenerie besonders absurd wird. Etwa so eine Bespaßung hatte sich die 16-jährige Friedenauer Loriot-Anbeterin erhofft. Und wurde enttäuscht.
Und zwar von einem reichhaltigen Angebot an anspruchsvollen, tragischen wie humorvollen Texten:
Von russischer Lyrik bis zur Mischpoke – ein Wort, das, richtig ausgesprochen, die gleiche unterschwellige Komik in sich trägt wie der gleichnamige Roman der Autorin Marcia Zuckermann, welcher hingegen auch ernsthafte Aspekte enthält.

Während die Lesung hierzu klassischerweise in der Buchhandlung Thaer stattfand, waren für die anderen Vorstellungen reichlich ungewöhnliche Veranstaltungsorte gewählt worden. Allein, dass ich den Kabarettisten Jo van Nelsen einmal im „Ganzkörperschuh“ statt in der Bar jeder Vernunft erleben würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Dessen Auftritt bestand in einer ausgesprochen unterhaltsamen Mischung aus Musik der 20er vom Grammophon, live vorgetragenen Kurt Tucholsky-Textausschnitten und passendem Filmmaterial. So bekam das Publikum nach Tucholskys satirischer Pornokritik ein originales Machwerk auf der Leinwand zu Gesicht – untermalt von der Wurlitzer Kinoorgel.

Weniger heiter, aber nicht minder interessant, ging es im Zauberberg zu, wo Senthuran Varatharajah seinen Facebook-Briefroman „Von der Zunahme der Zeichen“ vorstellte. In der anschließenden Diskussion äußerte er sich entschieden und nicht ganz vorwurfslos zu der Situation von Ausländern in Deutschland, insbesondere in Bezug auf den Literaturbetrieb. Sein Roman sei nämlich der erste von einem Nichtmuttersprachler, der im renommierten Fischer-Verlag veröffentlicht wurde.

Später am Abend fand ich mich in der Wilhelm-Hauff-Straße wieder, wo in einer Geigenwerkstatt die Autorin Slawica Klimkowsky ihre Kurzgeschichte namens „Der Pfau“ vorlas. Was ich mir als modernen „Hauptsache, das hat’s vorher noch nicht gegeben“-Irrsinn vorgestellt hatte, entpuppte sich als wirklich fesselnde Geschichte mit Humor und Tiefgang, die die Autorin ebenso angenehm vortrug.

Ich muss gestehen: Ich war angetan – und fühlte mich während des ganzen Abends mindestens so unterhalten wie beim Loriot-Film.

Milena Reinecke

 

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