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01.11.2011 / Orte und Plätze

Freude ist Pflicht

Einmal im Monat lädt Gerhard Moses Hess zu einer poetischen Führung auf den Alten St.-Matthäus- Kirchhof ein. Eine poetische Führung - das weckt Erwartungen. Die 20 Neugierigen, die sich am 24. September am Eingang Großgörschenstraße eingefunden haben, werden mit leiser Akkordeonmusik empfangen. Eine poetische Einstimmung. Aber was ist eigentlich Poesie?
Gerhard Moses Hess, der poetische Führer, September 2011. Foto: Ulrike Götting

Poesie, das sind wohl Momente, in denen vom Erlebten eine sich der Sprache entziehende Wirkung ausgeht. Poesie, das ist eine Stimme, die aus den unbekannten Tiefen der Seele zurückschwingt. Das ist schön gesagt. Und in der Tat. Worte, die vom Leben und Tod handeln, haben, auf einem Friedhof erzählt, ein Echo, das ganz anders nachhallt. Die Grabinschrift: Freude ist Pflicht, lässt einen beim Lesen für einen Moment stutzen, beeindruckt aber wohl nicht weiter. Wie anders reagiert man, wird einem dieser Satz umgeben von Grabsteinen laut vorgelesen.

Das Besondere des Alten St.- Matthäus-Kirchhofes erschließt sich dem einzelnen Besucher auch durch aufmerksame Betrachtung, nicht nur, weil auf ihm viele berühmte Personen begraben wurden und weil er durch seinen Baumbestand eine Oase ist. Hier gibt es immer etwas Neues, Interessantes zu entdecken. Der Friedhof lebt, nicht erst, seitdem 2006 der Förderverein EFEU e.V. und eine tolerante Friedhofsverwaltung ein Café, Kunstaktionen und eine unkonventionelle Grabgestaltung ermöglichen. Die Vorschriften auf deutschen Friedhöfen sind sehr reglementiert. Der Grabstein muss eckig sein, die Grabstelle auch und darf nur mit Steinen eingefasst werden. Es dürfen keine gefährlichen Objekte (z.B. Windräder) darauf stehen. Die neuen Gräber auf dem St.-Matthäus-Friedhof halten sich nicht daran. Sie sind irgendwie rund oder ganz ohne Begrenzung. Vieles ist hier möglich, das woanders nicht erlaubt ist. Sogar Fotos werden aufs Grab gestellt.

Der Erzähler, Herr Hess, weiß viel über die Personen, die hier begraben wurden. Es sind viele darunter, die Geschichte gemacht und Geschichten geschrieben haben. Was für Geschichten erzählt er? Unterschiedliche. Ein Wechsel von Märchen, nicht nur der Gebrüder Grimm, und „wahren“ Geschichten.

Gleich die erste Geschichte zeigt, dass man den Tod auch überlisten kann. Ein armer Mann geht einen Pakt mit dem Teufel ein, der seine Seele holen will, wenn alles Laub von den Bäumen gefallen ist. Zum Glück hat der Mann eine schlaue Frau. Sie rät ihm, den Teufel zu einer Eiche zu führen, die verliert erst dann ihr Laub, wenn die neuen Triebe da sind. So muss der Teufel unverrichteter Dinge abziehen. Wir stehen unter einer Eiche - wie passend. Gut, dass es die Eichen gibt. Ein Joker im Kampf mit dem Teufel. Das tröstet.

Der Unternehmer Strousberg, dessen Erbbegräbnis gerade mit öffentlichen Mitteln restauriert wurde, hatte offensichtlich keine schlaue Frau. Er hatte ab 1862 das deutsche Schienennetz aufgebaut. Gute Kontakte zur preußischen Regierung und zu britischen Finanziers ließen ihn reich werden. Später machten ihn seine Finanzierungspraktiken zum Exempel für unredliche Machenschaften; er wurde in Russland festgenommen und seine Unternehmen gingen darauf in Konkurs. Seine letzten Jahre verbrachte er unter wirtschaftlich sehr beengten Verhältnissen.

Sein Mausoleum dient auch als Beispiel für das Schicksal der meisten Erbbegräbnisse. Es gibt keine Nachfahren oder das Interesse ist erloschen. All die Hoffnungen, die sich mit dem gründerzeitlichen Pomp verbanden, sind zunichte geworden. Der unpersönliche Prunk der Mausoleen steht im starken Gegensatz zu der heutigen Grabgestaltung, die sich wohl am ehesten als liebevolle Individualisierung charakterisieren lässt.

Vor den Grabsteinen der Gebrüder Grimm sind keine Geschichten notwendig. Allein das stille Gedenken lässt Geschichten in mir wach werden. Wilhelm Grimm verstarb 1859. Er gehörte damit zu den ersten Personen, die auf dem 1856 eröffneten Friedhof begraben wurden. Vor der neuen Grabstelle von Rio Reiser endet der gemeinsame Rundgang. Herr Hess trägt den Text zu Rio Reisers Lied: „Wann?“, vor. Die erste Zeile lautet: „Du sagst, du willst die Welt nicht ändern?“, und endet mit dem Refrain: „Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?“.

In unserer Zeit, die an einem Überangebot an Informationen leidet, ist in Vergessenheit geraten, wie wirksam öffentliches, mündliches Erzählen sein kann. Die poetische Führung über den Alten St.-Matthäus-Kirchhof ist lebendige Kulturpflege.

Kontakt:
Gerhard Moses Hess
0163 / 3417053
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Ulrike Götting

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