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27.11.2012 / Projekte und Initiativen

Französisch als erste Fremdsprache?

Berlin ist international. Berlin ist vielsprachig. Auch die Berliner Schulen bieten unseren Kindern ein breites Angebot an Sprachunterricht. In den Grundschulen können bereits die Drittklässler wählen, ob sie Englisch oder Französisch als erste Fremdsprache lernen wollen.
Das Rheingau-Gymnasium in der Schwalbacher Straße 3-4. Foto: Thomas Protz

O.k., es werden wohl mehr die Eltern wählen. Natürlich schauen die dabei auch schon mal in die Zukunft, auf welcher weiterführenden Schule kann ihr Kind später mit der gewählten Sprache weiterlernen.
Und da gab es nun in Schöneberg ein Problem. Im Schulamt war entschieden worden, dass die Rheingau-Schule im nächsten Schuljahr Französisch nicht mehr als erste Fremdsprache anbietet. Die betroffene Schule war erstaunt, ihr An-gebot steht seit über 40 Jahren. Die Eltern der nahe gelegenen Stechlinseegrundschule wunderten sich, waren sie doch bisher davon ausgegangen, dass ihre Kinder am Rheingau-Gymnasium weiter Französisch lernen können.

Das Schulamt hatte jetzt erkannt, die Zahl der Französisch lernenden Grundschüler geht zurück. Man bezieht sich dabei auf die jetzigen Schulabgänger. Diese Zahl sollte immerhin schon seit 4 Jahren bekannt sein, damals fiel nämlich die Entscheidung der Kinder. Wenn dies der alleinige Grund ist, hätte man schon längst anders planen und organisieren müssen.

In Tempelhof-Schöneberg gibt es 7 Grundschulen und 5 Oberschulen, davon 3 Gymnasien, die Französisch als erste Fremdsprache anbieten. Dort werden die Schüler überall in kleinen Gruppen zusammengefasst. Und Kleingruppen kosten Geld, argumentiert die Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport,  Jutta Kaddatz. Sie brauchen zusätzliche Räume und zusätzliche Lehrer. Sparen wird überall großgeschrieben. Nur, die größte dieser Kleingruppen findet sich ausgerechnet an der Rheingau-Schule, in diesem Jahr gibt es hier 28 Schüler mit Französisch als 1. Fremdsprache, wogegen die beiden anderen Gymnasien nur jeweils 6 solcher Schüler haben. Und hier hat man Erfahrung damit, die Kinder in Gruppen zu unterrichten. Im Durchschnitt kommt für die Französischkinder eine Klassenstärke zusammen, doch da die Schule auch eine Musik-Klasse hat, in der Kinder sitzen mit unterschiedlichen ersten Sprachen, mussten die Klassen für den Sprachunterricht schon immer aufgeteilt werden.

Zwischendurch gab es auch mal die Idee, nur noch in der Musik-Klasse Französichsprachler aufzunehmen. Schade für die anderen Kinder, die sich für Musik besonders interessieren und mit Englisch angefangen hatten, und für die Kinder, die zwar Französisch, aber nicht unbedingt Musik zu ihrem Schwerpunkt machen wollten.

Warum gerade an dieser Schule den gut funktionierenden Französischzug auflösen? Theoretisch hat das Schulamt Recht mit der Überlegung. Wenn es nur noch zwei Gymnasien mit Französisch als 1. Fremdsprache  gibt, sollten diese für alle Kinder gleichermaßen erreichbar sein, also möglichst eins im Norden und eins im Süden des Bezirkes. Im Norden wäre es die Rückert-Schule, die gleichzeitig eine bilinguale Ausbildung in Deutsch und Französisch und auch das französische Abitur, das Baccalauréat, anbietet. Und im Süden ist es die Luise-Henriette Schule, die allerdings von allen die kleinste Gruppe der Französisch-Schüler hat. Möglicherweise werden aber die Kinder aus der Mitte des Bezirks dann lieber in die nahegelegenen Gymnasien in Wilmersdorf und Zehlendorf geschickt, so wie jetzt schon Schüler aus Steglitz in die Schöneberger Rheingau-Schule kommen. Dann würde Schöneberg noch weniger Französisch-Anfänger haben. Das sollte wohl nicht das erstrebte Ziel sein.
Die Proteste der betroffenen Schulen hatten Erfolg. Auch in der Bezirksverordnetenversammlung hatten einige Fraktionen angeregt, die Pläne noch einmal zu überdenken. Die Bezirksstadträtin hat sich mit der Gesamtelternvertretung zusammengesetzt, und es wurde ein Kompromiss gefunden. Für die nächsten vier Jahre läuft alles so weiter wie bisher. Dann sind die Kinder, die sich jetzt für Französisch als 1. Fremdsprache entschieden haben, in den Oberschulen angekommen.

In den nächsten vier Jahren soll nun berlinweit geprüft werden, wie weit die Zahl der Grundschüler mit Französisch als 1. Fremdsprache zurück-geht und ob und wo weitergehende Schulen einen Anschluss anbieten können. Der Gedanke ist grundsätzlich gut und wird dann sicher zu einer fundierten Entscheidung führen. Ein Konzept zur Prüfung und Bewertung muss allerdings erst noch erarbeitet werden.

Erstaunlich ist es schon, dass ein Problem, das anfangs nur für die Schöneberger Grundschulen und das Rheingau-Gymnasium bestanden hat, nun zu einem Problem in ganz Berlin wird.

Und jetzt sind natürlich auch alle Eltern der jetzigen Zweitklässler und der kommenden Jahrgänge, die ihre Entscheidung zur ersten Fremdsprache ihres Kindes treffen müssen, verunsichert. Wie sollen sie objektiv zwischen Englisch und Französisch abwägen, wenn nicht klar ist, auf welcher Schule das Kind später den eingeschlagenen Weg weitergehen kann? Sicher werden hier viele Entscheidungen zu Gunsten der englischen Sprache gehen.

So kann man natürlich langfristig den Rückgang der Zahlen auch steuern. Ist das tatsächlich politisch so gewollt?

Christine Bitterwolf

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