Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

9.09.2017

Feuer im Kopf

Besprechung von Ottmar Fischer zum Buch: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin, von Ingeborg Gleichauf.

Buchcover

Irgendwie stehen alle vor einem Rätsel und erklären sich das unfassbare Geschehen damit, dass die „gute“ Gudrun durch fremde Einflüsse irgendwann zur „bösen“ Gudrun umgedreht worden sei.  Denn sowohl die Gleichaltrigen in Kindheit und Schule als auch die Erwachsenen ihrer frühen Umgebung schildern sie im Rückblick als menschheitstauglich: verständnisvoll und freundschaftlich im Umgang, sportlich und musikalisch, geistig aufgeschlossen und keineswegs eigenbrötlerisch. Einem solchen Mädchen müssten sich die Türen zur Welt ganz von allein öffnen. Und dann gibt es da plötzlich diesen Absturz in die Gewalt und eine Selbsttötung mit 37 Jahren.

Die Mutter vermutet als Schuldige die beiden Männer, die einander als Partner der jungen Frau ablösen, der erste „schuldig“ wegen seiner kindischen Haltlosigkeit, der Nachfolger „schuldig“ wegen seines pubertären Trotzes. Im Chor der Deutungen in Filmen und Büchern wird dagegen am liebsten auf das protestantische Pfarrhaus verwiesen, es müsse dort zu streng und daher schädigend zugegangen sein. Doch in Wirklichkeit wird dort ein weltoffenes Haus geführt, lesen wir in einem neuen Buch. Die Freunde und Freundinnen der Kinder gehen dort ebenso selbstverständlich ein und aus wie die Gäste der Eltern. Und das gemeinschaftliche Kinderspiel vor der Tür oder im Garten ist in weit größerem Maße möglich als für die heutigen Kinder unter Aufsicht ihrer karrierebewussten Hubschrauber-Eltern in der Großstadt. Denn die ersten Lebensstationen sind zuerst dörflich auf der Schwäbischen Alb und sodann kleinstädtisch in Tuttlingen, bevor es erstmals großstädtisch wird in Stuttgart-Cannstadt. Was also ist passiert?

Ingeborg Gleichauf ist in ihrer hochinteressanten Biografie „Poesie und Gewalt“ dieser Frage nachgegangen, indem sie vorwiegend die Spur im Kopf verfolgt. Dabei geht sie sowohl den eigenen Zeugnissen Gudrun Ensslins nach, als auch jener Spur, die sich gewissermaßen passiv aus all dem ergibt, was sie gelesen hat und womit sie sich geistig beschäftigt hat. Und das von der Biografin zusammengetragene Material ist tatsächlich überwältigend. Es gelingt ihr durchweg, die unverwechselbare Stimme ihrer Protagonistin hörbar zu machen, gerade in dieser Zusammenschau, sogar noch aus jener Zeit, als für die geschockte Öffentlichkeit nur die terroristische Wir-Stimme der „Roten Armee Fraktion“ vernehmbar war.

Die Gedanken sind frei

In der Oberstufe ihrer Stuttgarter Schule schreibt Gudrun Ensslin einen Aufsatz über Thomas Manns Erzählung „Tobias Mindernickel“. Sie stellt darin fest, der Autor habe, wie so oft, auch hier wieder ein leidendes Wesen zur Hauptfigur gemacht, und diesmal sogar jemanden, der alles Gesunde und Frohe hasse, der sich nur dann anderen Menschen zuwenden könne, wenn diese leiden. Und zum Schluss stellt sie eine Frage, die aufhorchen lässt: Ob denn der Autor nicht auch solchen Menschen begegnet sei, die eine solche Schwäche überwinden und gesund werden? Diese literaturkritische Äußerung mit der existenziellen Fragestellung am Schluss erstaunt, denn sie zeigt uns bereits die ganze Gudrun Ensslin in der schicksalhaften Ernsthaftigkeit ihrer Auseinandersetzung mit der Welt und mit sich selbst. Aufgabenstellung: Froh werden im Kreise froher Mitmenschen! Die Biografin teilt uns eine Szene mit, die dieses Problem veranschaulicht: Die Mutter hat sich beim Bügeln verletzt, auf ihre Klagerufe stürzt der Vater aus dem Nebenzimmer herbei, nimmt die Verletzte mitfühlend in den Arm und tröstet sie. Ist dies nun ein Beleg für die Empathie des Vaters, wie die Autorin meint, oder sehen wir hier den Vater als Urbild für den Tobias Mindernickel, so wie die Schülerin ihn in ihrem Aufsatz deutet? Dem Leiden christlich zugewandt, der natürlichen Fröhlichkeit aber nicht? Unfähig zum Frohsein und daher selbst der Heilung bedürftig?

In Tübingen studiert sie Germanistik mit dem Ziel Lehramt und bewältigt mit der ihr eigenen Zielstrebigkeit ein gewaltiges Pensum. In ihren Gedankenkreis treten Hölderlin, Nietzsche und Her-der. Es folgt eine Einführung in die Existenzphilosophie (Sartre, Camus, Beauvoir), und sie hört den 77-jährigen Ernst Bloch, dessen berühmtes „Prinzip Hoffnung“ mit den Sätzen beginnt: „Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“ Wie diese Lektüreliste zeigt, geht es ihr immer um die existenzielle Frage, ob der eigene Lebensentwurf mit all den daraus folgenden Handlungen höchstinstanzlich Bestand haben kann. Sowohl wenn es den Gott gibt, der sein Geschöpf in der Ungewissheit darüber lässt, ob es in seiner Gnade ist, wie es die protestantische Theologie lehrt, als auch wenn es ihn nicht gibt, wie es der Existenzialismus vertritt: In beiden Fällen ist der handelnde Mensch mit seiner Verantwortung allein. Ihr ganzes kurzes Leben lang wird sie in der Gewissenserforschung bleiben, ohne den ersehnten Frohsinn finden zu können.

Im berühmten Donnerstagskolloquium für neuere deutsche Literatur von Walter Jens lernt sie ihren ersten Partner kennen, einen jungen Mann mit starken Selbstwertzweifeln, Durch ihn wird sie auf Hans Henny Jahnn aufmerksam, von dessen Hauptwerk „Fluß ohne Ufer“ sie sich so sehr angesprochen fühlt, dass sie es später zum Thema ihrer Dissertation  machen wird. Es geht darin um ein zukünftiges Leben ohne die Einschnürungen durch rationale Setzungen. Alle Widersprüche sollen sich in einem unbegrenzten Fließen wechselseitig aufheben und dadurch den paradiesischen Frieden ermöglichen. Und sie liest den verlockenden Satz: „Man sollte Gedanken und Gefühle nur dann zu packen versuchen, wenn sie heiß aufquellen.“ Dazu hat sie nun Gelegenheit. Sie zieht mit Bernward Vesper zusammen, erwägt mit ihm eine Verlagsgründung. Es findet sogar eine hochoffizielle Verlobung statt, und später wird auch ein Kind geboren. Doch ist dies keine romantische Liebe, urteilt die Biografin, und zieht einen Tagebucheintrag heran. Darin deutet sich Gudrun Ensslin als vom Wolf gerissenes Lamm, aber auch als Beute greifendes Heupferd, also als jene Riesenheuschrecke, deren gleichförmiger Sehnsuchtsgesang die Sommerabende verzaubert und deren kleine Verwandte so unglaublich weit springen können.

Erleuchtung als Tun

Mit ihrem Sprung nach Berlin im Jahre 1964 nimmt ihr Leben eine ungeahnte Wende. Sie hat ihr Lehramtsstudium abgeschlossen und arbeitet nun an ihrer Dissertation. Um den verstörenden Eindruck zu illustrieren, den diese geteilte und hochpolitische Stadt auf sie gemacht haben muss, zitiert die Biografin Ingeborg Bachmann: „Die Beschädigung von Berlin, deren geschichtliche Voraussetzung ja bekannt ist, erlaubt keine Mystifizierung und Überhöhung zum Symbol. Was sie jedoch erzwingt, ist eine Einstellung zur Krankheit.“ Und Gudrun Ensslin fühlt sich auch hier zur Heilung herausgefordert. Es ist die Zeit der Auseinandersetzung mit der Notstandsgesetzgebung und dem Vietnam-Krieg. Sie springt aus der Literatur in die politische Aktion, in die Friedenauer Niedstraße, zu Günter Grass und das von ihm gegründete „Wahlkontor“, in dem Schriftsteller wie er für die SPD werben, um der bis dahin konservativ geprägten Bundesrepublik zu einem Modernisierungsschub zu verhelfen. Die alltagstaugliche Gudrun Ensslin gibt die Sekretärin. Doch dabei wird es nicht bleiben. Sie wird weiter springen.

Am 2. Juni 1967 stirbt der Student Benno Ohnesorg durch den Pistolenschuss eines durchgeknallten Zivilpolizisten am Rande einer Demonstration gegen den Schah von Persien. Es kommt zu einem Aufschrei des Entsetzens in der Studentenschaft und zu offenem Aufruhr. 8 Tage später versammeln sich trotz Demonstrationsverbots acht Studenten auf dem Ku‘damm. Sie tragen weiße T-Shirts mit jeweils einem Buchstaben versehen, die zusammen gelesen den Namen des Innensenators ergeben, der für das blutige Vorgehen der Polizei haftbar gemacht wird: A-L-B-E-R-T-Z. Und hinter dem Z folgt auf einem weiteren Hemd noch ein Ausrufezeichen. Denn auf der Rückenseite der Hemden steht ein Wort mit einem Buchstaben mehr als auf der Vorderseite: A-B-T-R-E-T-E-N. Die Trägerin des Hemds mit dem Ausrufungszeichen ist Gudrun Ensslin. In ihrer Wohnung findet am Abend eine Nachbesprechung statt. Hierbei trifft sie zum ersten Mal auf Andreas Baader, jenen politisierenden Abenteurer, mit dem sie in den Abgrund springen wird.

Das empfehlenswerte Buch ist im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet 22 Euro:
Ingeborg Gleichauf,
Poesie und Gewalt.
3. Druckaufl. 2017, 350 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Abbildungen
ISBN: 978-3-608-94918-6

Ottmar Fischer

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