Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

7.06.2017

„Festgemauert in der Erden …

ist die Form aus Lehm gebrannt. Heute soll die Glocke werden ...“ Und sie wurde es, besser noch sie wurden es: Die Glocken der Friedenauer Kirche zum Guten Hirten.

Glockenstuhl. Foto: Thomas Protz

Mit dem Psalm 118.17 „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkünden“, schickte Kaiserin Auguste Victoria am 10. November 1893 sie in den  blauen Himmel ihres Friedenauer  Glockenturms. Darüber berichtete in goldenen und erhabenen, literarisch bemerkenswerten Ausführungen die „Chronik der Kirchengemeinde zum guten Hirten Berlin = Friedenau 1871 = 1930“ von Julius Möller, S. 45ff:

„Nach dem Einweihungsgottesdienste verkündete lang anhaltendes Glockengeläut den Dank und die Freude der Gemeinde über die neue schöne Stätte der Andacht und Anbetung. Oft und regelmäßig haben die Glocken seitdem ihre Stimme erhoben. Anfänglich wurden sie noch von Menschenhand bewegt, aber seit dem Jahre 1906, in dem auch statt des Gaslichts die elektrische Beleuchtung eingeführt wurde, werden sie ebenso wie die Blasebälge der Orgel mit elektrischer Kraft bewegt.
Nur verhältnismäßig kurze Zeit haben die drei Glocken vereint die Gläubigen zur Andacht gerufen und die Toten zu Grabe geleitet. Schon nach 24 Jahren sind die beiden größeren dem am 1. August 1914 ausgebrochenen Weltkriege zum Opfer gefallen. Nicht, daß ein Feind sie geraubt hätte, nein, das Vaterland brauchte ihr Metall zur Herstellung von Geschützen, Munition und anderem Kriegsgerät zur Abwehr der Feinde. Im Juni 1917 wurden sie in luftiger Höhe zerschlagen, herabgeworfen und an die staatliche Metallsammelstelle für den Preis von 6925 Mark abgeliefert. Seitdem ließ die kleine Glocke allein ihre Stimme erschallen, die wie ein Klagelied anmutete, und aus dem Herzen aller Gemeindemitglieder kam sicher der Wunsch: „Hoffentlich bekommt sie bald wieder Gesellschaft.“
Pfarrer Görnandt widmete am Sonntag, dem 10. Juli 1917, im Hauptgottesdienst den scheidenden Glocken folgenden Nachruf:  „Das waren die ersten! Die prächtigen Jungen, die wir betend vom Herzen uns losgerungen, die, den Stahlhelm über weich flaumenden Wangen, singend in Schlacht und Tod sind gegangen. Als wir knieten mit ihnen an Altarsstufen, haben die Glocken die Losung gerufen: Fürs Vaterland!
Es kamen andere in dichten Reihen, Graubärte, und ließen zum Abzug sich weihen. Ihre Frauen umdrängten die brennenden Kerzen, die tapfer verschluckten Tränen im Herzen, und drüber hin tönten die Heimatglocken. Bald  klang es wie Weinen, bald wie Frohlocken – Fürs Vaterland“ (usw.usf.)
Das gleiche Schicksal wie die Glocken ereilte auch die Zinnpfeifen im Prospekt der Orgel; auch sie wurden zur Anfertigung von Kriegsbedarf abgegeben. Der Erlös von 1572,20 M. wurde aber sofort wiederverwendet – wenigstens zum großen Teil – zur Beschaffung von Ersatzpfeifen aus mit Aluminium überzogenen Zink, die einen Kostenaufwand von 1480 M. verursachten.“

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges, der Revolution und der erzwungenen Abdankung des „großartigen“ Kaisers Wilhelm II, durfte dieser seinen verbliebenen Familienbesitz aus 59 Güterwagen der Reichsbahn im niederländischen Exil in Doorn empfangen und im Deutschen Reich einen Scherbenhaufen hinterlassen. Die verarmte Kirchengemeinde brachte hingegen aus verschiedenen Quellen immerhin 130 000 Mark („in verschlechterter Währung“) zusammen, die für einen neuen Glockenstuhl und drei neue Glocken – diesmal aus Stahl – reichten. Diese wurden am 19. Dezember 1920 eingeweiht und willkommen geheißen, und die scheidende kleine Glocke dabei mit rührenden Worten des Kirchenältesten, Rechnungsrat Eichberg, verabschiedet:
„Heute scheidest auch du! Wer hat damals geahnt, dass in allem vergeblich der Sänger gemahnt? Er starb im Gram, als der Schild lag zerschellt, als der Feind uns den Fuß in den Nacken gestellt. Nun müssen auch dich wir vom Herzen uns ringen und gemeinsamer Not zum Opfer bringen. Wir hofften, die Schwestern dir wiederzugeben, statt dessen geht’s nun um dein eigenes Leben ! So lasse noch einmal zum Abschied dir sagen, wie schwer auch an deinem Geschick wir tragen. Wenn als letzte du nun gehst von euch drei Getreuen, woll’n wir eine Träne der Rührung nicht scheuen, Leb’ wohl.“

Und zu den drei Neuen gewandt, trug eine Konfirmandin den vom Friedenauer Mitbürger Freiherr von Stenglin gedichteten Gruß vor: „Da kommt nun ihr, und euer heller Klang. Er wird nun bald vertraut uns im Ohr klingen, im Frieden fröhlich und im Leide bang, wird er wie eine Mahnung zu uns dringen. Als Ruf von oben soll jahrhundertlang die Seelen er zum Guten neu beschwingen. Dankbaren Herzens seid ihr aufgenommen. Voll Hoffnung rufen wir euch zu:  W i l l k o m m e n !“  (Quelle: ebenda S. 55f.)

Die Erwachsenen stimmten danach das Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und sangen gemeinsam mit dem Kirchenchor „Süßer die Glocken nie klingen“ und „Aus heiligem Haus in den Sturm hinaus“.

Am 17. März 1962 hatten die „guten drei Stählernen“ ausgedient, und so wurden sie von drei neuen Bronzeglocken in der Stimmung d`-f`-a` abgelöst. Und so klingen sie auch heute noch, zur Freude und vielleicht auch zum Kummer mancher Friedenauer.  Aber es sollte die Freude überwiegen; schließlich gehören sie zu unserem Kulturgut!

Hartmut Ulrich

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