Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

10.06.2013

Falsche Papiere können Leben retten

Adolfo Kaminsky erzählt die politischen Konflikte des 20. Jahrhunderts aus der Sicht eines Meisterfälschers: »Wach bleiben, so lange wie möglich. Die Müdigkeit niederringen. Die Rechnung ist einfach: In einer Stunde kann ich 30 falsche Ausweise herstellen. Wenn ich eine Stunde schlafe, sterben 30 Menschen …« Lesung am 13. Juni im Literaturhotel.

Foto: Literaturhotel Berlin

Als wir von Adolfo Kaminsky zum ersten Mal lasen, waren wir wie elektrisiert. Aus dem Nichts, aus altem Papier, zusammengesuchten Farben und selbsthergestellten Chemikalien soll er Pässe hergestellt haben, und damit Tausenden von Menschen das Leben gerettet? Kann man so genial sein? Kann man so klug und vorsichtig sein, während der vielen Jahre nie einen Fehler zu machen, niemals aufzufliegen? Kann man so couragiert sein, sein Leben zu riskieren, wenn man, einen Koffer voller falscher Pässe unterm Arm, die Adressen von Menschen in Gefahr aufsucht, die man vorher auswendig gelernt hat? Kann man so unbestechlich sein, niemals Geld zu nehmen, aber dafür unabhängig und frei zu bleiben?

Kann man tatsächlich im Schlaf auf die Formel für das Papier des Schweizer Passes kommen? Kann man so verrückt sein, die Liebesbeziehungen scheitern zu lassen, weil man ja nicht erzählen kann, dass man Nachts nicht zu anderen Frauen, sondern ins Labor geht, um illegal Pässe zu fälschen? Kann man so entschlossen und engagiert sein, für die Gerechtigkeit, die Freiheit, das Leben zu kämpfen?

Seit wir Adolfo Kaminskys Geschichte kennengelernt haben, lautet die Antwort auf alle diese Fragen: Ja. Man kann.

1943 beginnt Adolfo Kaminsky, für die französische Résistance gefälschte Papiere herzustellen – Ausweise, die Tausende von Juden vor Deportation und sicherem Tod bewahrten. Der siebzehnjährige Färberlehrling und geniale Autodidakt, der selbst aus einer russischstämmigen jüdischen Familie kommt, weiß damals noch nicht, dass er eine Lebensentscheidung getroffen hat. Denn auch nach dem Krieg wird Kaminsky 30 Jahre seines Lebens im Untergrund verbringen und die großen Widerstandsbewegungen des 20. Jahrhunderts mit falschen Papieren und Identitäten versorgen, immer auf der Flucht vor der Entdeckung, gehetzt von seinem Gewissen – und ohne je Geld für seine Arbeit zu nehmen. Vom Algerienkrieg und den südamerikanischen Befreiungsbewegungen bis zu den Aufständen gegen Diktatoren wie Salazar, Franco, die griechischen Obristen und der südafrikanischen Anti-Apartheidsbewegung: Kaminsky hat sie, aus Überzeugung und mit technisch immer ausgefeilteren Methoden, alle mit falschen Papieren unterstützt.

Heute ist er 87 Jahre alt, lebt in einer kleinen Wohnung in der Nähe des Eiffelturmes in Paris. Dank seiner Tochter Sarah, die ihren Vater zum Erzählen gedrängt hat, ist das Buch Adolfo Kaminsky – ein Fälscherleben entstanden.

Wir haben die beiden nach Berlin eingeladen. Und sie kommen!
Am Donnerstag, (bitte beachten Sie den für Veranstaltungen im Literaturhotel ungewöhnlichen Wochentag) dem 13. Juni um 20 Uhr werden Adolfo und Sarah Kaminsky im Uwe-Johnson-Salon des Literaturhotels lesen und erzählen. Angela Spizig, die Bürgermeisterin von Köln, wird moderieren und übersetzen. Auch werden Textstellen aus dem Buch von Isabelle Moog, Linda Moog und Wiebke Rennert auf Deutsch gelesen.

Die Veranstaltung wird am Samstag, dem 15. Juni wiederholt und dann im Jüdischen Museum Berlin stattfinden. Sie sind herzlich eingeladen! Voller Freude sehen wir dem Abend entgegen.

Linda, Isabelle und Christa Moog vom Literaturhotel Berlin


Adolfo Kaminsky:
Ein Fälscherleben
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Kunstmann; 19,90 Euro
3. Auflage (29. August 2011)
ISBN 978-3-88897-731-2

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden