Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

8.10.2013

Es steht ein Pferd auf der Flur

Wer das Friedenauer Postgebäude an der Handjerystrtaße verlässt, kann entweder im Kreis um den angrenzenden Platz herumlaufen oder aber ihn mittig queren, was unweigerlich zu einer Begegnung der besonderen Art führt, denn hier steht bei echtem Gras ein Fohlen aus Bronze, als ob hier noch das alte Rittergut existierte.

Manche halten es für einen respektlosen Umgang mit denkmalgeschütztem Kulturgut, andere haben ein ganz persönliches Verhältnis zu ihrem Denkmal. Jetzt, wo die Nächte schon kälter werden, sorgen sie sich liebevoll um das Wohlergehen des bronzenen Fohlens, Kinder bringen regelmäßig Salat oder Möhren und dürfen im Gegenzug behutsam ausreiten. Erlaubt ist das nicht!

Der treue Freund Hans Siemsen der Schöpferin Renée Sintenis war als lebenslanger Bewunderer ihrer zumeist kleinformatigen Tierplastiken der festen Auffassung, dass diese „in den Park gehören“. Er wäre also sicher hochzufrieden mit dem für diese Plastik gefundenen Standort. Und dass mitunter Karotten zu Füßen des Fohlens  liegen, deutet darauf hin, dass es auch heute große und kleine Bewunderer gibt, die sich hier eine naturbelassene Futterstelle für Pferde vorstellen können.

Die große Zeit der Sintenis waren die goldenen zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als ihre Plastiken in alle Welt gingen und  ihre eigene äußere Erscheinung das emanzipierte Frauenbild einer neuen Zeit kurzhaarig verkörperte. Dabei war die überschlanke Künstlerin  eigentlich eher scheu wie ein Reh. Hans Siemsen schrieb 1928 in einem Zeitungsartikel: „Renée Sintenis ist eine in unsere Zeit und noch dazu nach Preußen verschlagene Diana, die ihre geliebten Tiere nicht mehr jagt, sondern in Kunstwerken festhält – und befreit.“ Und weiter: „Gott hat es gewollt, dass sie auch aussieht wie eine in unsere Zeit verschlagene Diana. Wie richtig, gerecht, heidnisch-unsentimental, unvoreingenommen und ohne moralisches Urteil sie sehen kann und sieht, das können wir, die wir die Tiere weder so lieben noch so gut kennen, wie sie, am deutlichsten aus ihren Menschen-Porträts erkennen.“

Und in der Tat gibt es erstaunliche Büsten von ihr, etwa die von ihrem engen Freund Joachim Ringelnatz. Aber auch ein graphisches Werk ist entstanden, in dem sie eigenwillig auf jeden malerischen Effekt verzichtet. Licht und Schatten kommen darin nicht vor, ihr reichen deutbare Linien. Doch ihr eigentliches Wesen offenbart sich in ihren Tierplastiken, die denn auch ihren Weltruhm begründeten. Wenn wir uns fragen, was diese Seele bewegte, damit sie so schwesterlich die Seele ihrer geformten Gestalten wiedergeben konnte, so müssen wir einen Gang in die Geburtsstadt Theodor Fontanes tun. Unser Blick fällt auf die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, die Zeit des Abschieds vom alten Preußen und der Heraufkunft eines ganz neuen Deutschlands.

Wie es anfing

In dieser Zeit bewohnte in der aufstrebenden Kleinstadt Neuruppin der am dortigen Landgericht als Jurist tätige Vater mit Frau und drei Kindern ein Vorderhaus der Gerichtsstraße. Der eingedeutschte Name Sintenis hatte das französische Saint-Denis ersetzt, denn die einstige hugenottische Flüchtlingsfamilie, die inzwischen Pfarrer und Politiker hervorgebracht hatte, war in der neuen Heimat Brandenburg angekommen. Das galt auch für die Vorfahren mütterlicherseits: Bereits die jüdischen Großeltern hatten sich von ihrem Glauben abgewandt und waren protestantisch geworden. Über das Kopfsteinpflaster der meist staubigen und kotigen Straßen rumpelten eisenbereifte Holzkarren. Das Infanterieregiment Nr. 24 bebilderte die Stadt und hier stand die Landesirrenanstalt. Doch während Mutter und Schwester am Bechstein-Flügel die Eintönigkeit des Lebens mit Wagners Musik aufzuladen sich mühten, wendete Tochter Renate den Blick zu den rückwärtigen Ställen, deren Tore auf weitläufige Koppeln hinausführten.

„Ich war in frühester Jugend immer zwischen erdhaften Gebundenheiten, als ob ich ein Stück Erde selber wäre,“ sagte sie im Rückblick. „Schon als Kind sog ich den Duft des Bodens mit innerstem Behagen auf und fühlte mich am wohlsten in der Natur. Bei unserem Hause war ein Stall, in dem ich leidenschaftlich gerne herumgekrochen bin, wo ich auch oft genug im Heu geschlafen habe. Dabei war ich ein unendlich schüchternes Kind, und es war mir unmöglich, mich vor Menschen zu äußern, mit ihnen zu sprechen oder mich vor ihnen sehen zu lassen. Daher gehörte es zu den größten Qualen meiner Kindheit, wenn ich bei Besuch aufgefordert wurde: Sag mal guten Tag. Ich hätte mich dann am liebsten in ein Mäuseloch verkrochen.“
Doch bei Tieren fand sie Zuflucht und Heimat: „Immer hatte ich mindestens drei Kaninchen in der Schürze und ein paar junge Hunde unter dem Arm, wenn ich durch die Felder zog. Ich schleppte sie zeitweilig in meinem Puppenwagen herum. Das war keine Kleinigkeit, den ganzen Wurf der Kaninchen hineinzubekommen. Ich bettete sie meist quer, wie Brote, und legte eine Decke darüber.“ Und es gibt  eine besondere Liebe: „Im eigentlichen Sinne des Wortes lebt in meinem Herzen vor allem anderen eine beinahe abgöttische Liebe und Anbetung für Pferde. Diese Pferdeverehrung in mir erscheint mir immer von neuem als von geheimnisvoller Bedeutung erfüllt. Mit meinem Verstande kann ich das nicht erklären, es liegt das jenseits der mir möglichen Verstandesgründe, fast möchte ich sagen, dass es eine metaphysische Angelegenheit ist.“ So wundert es nicht, dass sie in ihrer späteren Zeit in Berlin ein eigenes Pferd unterhielt.

Im Alter von 15 Jahren zieht sie mit der Familie nach Stuttgart, wo der Vater eine Stellung als Syndikus einer Versicherungsfirma an-tritt. Doch es gefällt ihr dort nicht in der verwinkelten Butzenscheibenstadt. Sie vermisst die stumme Zwiesprache mit den Tieren und der Landschaft ihrer Kindheit und spürt einen wachsenden Abstand zwischen sich und der Welt: „Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, so ist es mir, als sei ich durch alle meine Erlebnisse wie durch einen Traum hindurchgegangen, und zwar so, als ob mich das Leben, das ich zu führen hatte, irgendwie gar nicht anginge.“ Ihre Schule ist jetzt ein Nonnenstift, in dem das uniforme Tragen bodenlanger dunkelblauer Röcke unter Velourshüten Pflicht ist. Es wird gebetet und nachgebetet: „Drinnen waltet die züchtige Hausfrau“, wie es in Schillers Glocke heißt. Aber auch in dieser Not gibt es Trost: Die Familie stellt eine blutjunge französische Gouvernante ein, die dem verstörten Kind Schutz und Nähe bietet. Ihr kann sie sich anvertrauen, und so will sie fortan französisch Renée heißen, was wie die italienische Urform ihres Taufnamens Renate „Wiedergeborene“ bedeutet. Und jetzt beginnt sie, als Siegel der Hoffnung auf eine Wiedergeburt ihres Kindheitstrostes, liegende, grasende, galoppierende Pferde in ihre Hefte und Schulbücher zu malen. Es ist dieser Blick des Trostes und des Tröstens, der uns noch in ihrem grasenden Fohlen zu Friedenau so bewegt.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe: Der Weg zur Kunst in Berlin

Ottmar Fischer


Vielleicht haben Sie im März die Lesung von Silke Kettelhake aus ihrem Buch „Renée Sintenis: Die sensible Amazone“ in der Popart Galerie mitbekommen. Wir können Ihnen dieses Buch wärmstens empfehlen:
Renée Sintenis: Berlin, Boheme und Ringelnatz, erschienen im Osburg Verlag, Sept. 2010, 477 Seiten, ISBN-10: 394073151X

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