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03.05.2016 / Orte und Plätze

Es schreibt sich gut in Friedenau

Schöneberg war schon immer ein begehrter Bezirk für Berliner Künstler. Und hier war nun Friedenau besonders beliebt.
Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und Kiezführerin Gudrun Blankenburg. Foto: Hartmut Ulrich.

Wer nicht gerade in einem Haus wohnt, an dessen Wand eine Gedenktafel an den jeweiligen Künstler erinnert, der ist sich vielleicht gar nicht darüber im Klaren, welche Berühmtheiten, speziell welche Schriftsteller, in seiner Nähe einst gelebt hatten. Wie viele Leute sich aber doch für dieses Thema interessieren, zeigte sich im Februar, als die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler in Begleitung der Stadtführerin Gudrun Blankenburg zu einem Kiezspaziergang durchs literarische Friedenau einlud.

Die Niedstraße ist wohl die für ihre Schriftsteller bekannteste Straße in Friedenau. In der Hausnummer 5 wohnte die Sekretärin von Erich Kästner. Obwohl er selbst erst in Wilmersdorf und später in Charlottenburg wohnte, hielt er sich regelmäßig hier auf, um mit ihr an seinen Büchern zu arbeiten. Nachdem er im Krieg ausgebombt war, hat er sogar eine zeitlang bei ihr gewohnt.

Das alte Landhaus in der Niedstraße 13, das noch aus der Zeit der Gründung Friedenaus um 1871 steht, hatte der Schriftsteller Günter Grass 1963 gekauft, nachdem sein Roman „Die Blechtrommel“ zum Bestseller geworden war. Er lebte hier mit seiner Frau und seinen vier Kindern. Auf der Terrasse im Vorgarten soll Günter Grass oft mit seinen Schriftsteller-Kollegen zusammengesessen und diskutiert haben. Das alte Friedenauer Haus wird heute noch von einem seiner Söhne und dessen Familie bewohnt.

In das benachbarte große Haus in der Niedstraße 14 war 1953 der Schriftsteller Uwe Johnson eingezogen. Ihm war diese Wohnung vom Wohnungsamt zugewiesen worden, als er aus der DDR nach West-Berlin kam. Johnson wohnte hier, bis er 1966 nach Amerika ging. Nach seiner Rückkehr zog es ihn auch wieder nach Friedenau, dann aber in die Stierstraße 3.

In der Sarrazinstraße 8 bezog 1972 Max Frisch seine Wohnung, Der Schweizer Schriftsteller wollte lieber in Berlin als in der Schweiz leben. In einem seiner Romane beschreibt er seine neue Friedenauer Wohnung, und an einer anderen Stelle schreibt er ausführlich über den Einzug und wie wohl er sich hier bereits fühlte, obwohl in den Zimmern noch die unausgepackten Kisten standen. Seine Witwe lebt heute noch in dieser Wohnung.

Aber abgesehen von diesem Zentrum der benachbarten Schrift-steller wohnten auch vor dieser Zeit viele bekannte Dichter in Friedenau. Hier seien beispielhaft nur zwei genannt:
1878 bis 1879 wohnte Rainer Maria Rilke in der Rheingaustraße 8.
1920 bis 1924 wohnte Kurt Tucholsky in der Bundesallee 79.
Und heute? Ist Friedenau auch in der jetzigen Zeit noch anziehend für die schreibende Zunft?
Bernd Schroeder ist wieder nach Berlin gekommen und wohnt in der bekannten Niedstraße.

Julia Franck wohnt jetzt mit ihren Kindern in Friedenau.

Herta Müller, die 2009 den Literatur Nobelpreis erhielt, wohnt in der Menzelstraße. Vor fünf Jahren, als sie ein DAAD-Stipendium (Deutscher Akademischer Austauschdienst) erhalten hatte, wohnte sie schon einmal in Schöneberg, damals in der Wielandstraße.

Und noch eine Nobelpreisträgerin hält sich gerne in Friedenau auf. Swetlana Alexijewitsch, die den Literatur Nobelpreis 2015 erhalten hat, wohnte anlässlich der Preisverleihung im Literaturhotel in der Fregestraße. Auch sie hatte während ihres DAAD-Stipendium 2012 in der Wielandstraße gewohnt und dabei das Friedenauer Literaturviertel kennen gelernt. Seitdem quartiert sie sich bei ihren Berlin-Besuchen gerne in dem kleinen Hotel ein, sicherlich auch, weil sie sich mit der Leiterin des Hauses problemlos auf russisch unterhalten kann.

Wenn auch schon seit Paul Lincke aller Welt bekannt ist, dass die Luft über Berlin etwas ganz besonderes ist, so muss nun festgestellt werden, dass die Luft über Friedenau literarisch besonders inspirierend ist.

Christine Bitterwolf

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