Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

1.07.2021

Erst gefeiert, dann verachtet

Von Maria Schinnen. Zum 190sten Geburtstag von Reinhold Begas.

Siegesalle um 1900, Postkarte

An einem stillen grauen Herbstvormittag des Jahres 1901 stapfte der Schriftsteller Julius Norden durch den menschenleeren Tiergarten in die Stülerstraße 4, wo der berühmte Bildhauer Professor Reinhold Begas in seiner italienisch anmutenden Villa residierte. Er wollte ihn für sein Werk „Berliner Künstler-Silhouetten“ gewinnen. Die fest verschlossenen Gitterpforten, die zugezogenen schweren Fenstervorhänge und die mächtige Bohlentür vermittelten dem Außenstehenden einen abweisenden Eindruck. Norden wurde von Begas Sohn Werner empfangen und zunächst in das teppichbelegte, mit edlen Möbeln, alten Bronzen und venezianischem Spiegelglas ausgestattete Vorzimmer geführt. Entschuldigend bemerkte er: „Papa ist schwer zu haben. Selbst Minister müssen antichambrieren.“

In der Tat hatte Julius Norden schon im Vorfeld viel Geduld aufbringen müssen, um überhaupt Zutritt zu dem wohl meistbeschäftigten Bildhauer Deutschlands zu erhalten. Endlich öffnete sich die Tür zum „Allerheiligsten“ und die hohe, schlanke Gestalt des „Künstlerfürsten“ trat ihm entgegen. Er trug einen leicht abgewetzten Tweed und grüßte aufs Liebenswürdigste.

Der inzwischen 70-jährige Grandseigneur wirkte höflich, aber distanziert. Die Etikette war ihm aufgeklebt. Sein schöner Kopf mit dem grau-gelben langen Bart und den oft träumerisch blickenden blaugrauen Augen war deutschlandweit bekannt. Er prangte sogar auf Kaffee- und Zigarettenwerbungen. Die Berliner Illustrierte Zeitung hatte ihn 1898 zum „bedeutendsten Deutschen des ausgehenden Jahrhunderts“ gewählt.

Im Juli 1831 war er in der Genthiner Straße in Schöneberg geboren. Sein Vater war königlich-preußischer Hofmaler und ließ alle vier Söhne zu Künstlern ausbilden. Da Reinhold schon als Kind gern kleine Objekte aus Wachs oder Ton formte, konnte man frühzeitig seine Begabung als Bildhauer erkennen. Er wurde Schüler von Ludwig Wilhelm Wichmann und Christian Daniel Rauch an der Berliner Kunstakademie. Als Stipendiat durfte er für einige Zeit nach Rom und lernte dort berühmte Bildhauer wie Arnold Böcklin und Anselm Feuerbach kennen. Zurück in Berlin bekam er Aufträge für Porträtbüsten und Kleinplastiken, schließlich auch für Großskulpturen und Denkmäler.

Bereits früh konnte er sich von seinen Vorbildern lösen und schaffte es, den zur Pose erstarrten Klassizismus mit seinen gradlinigen, klaren, oft kühlen Formen zu revolutionieren und seine Figuren sinnlich und mit natürlichen Bewegungen auszustatten. Die Beschaffenheit der Haut oder der Kleidung wurden so akribisch nachempfunden, dass der kalte Marmor lebendig zu sein schien. Als Beispiel sei hier die große Marmorfigur der „Susanna“ genannt (1869-1872, heute Alte Nationalgalerie): Hinter dieser Figur steht eine Geschichte: Susanna ist die Frau eines wohlhabenden Babyloniers. Sie ist wunderschön und sehr tugendhaft. Eines Tages wird sie beim Bade von zwei alten, voyeuristischen Richtern beobachtet, die sie bedrängen und zum Ehebruch verführen wollen. Um sich vor ihren zudringlichen, lüsternen Blicken zu verbergen, versucht sie rasch ein großes Tuch über ihren nackten Körper zu ziehen. Genau dieser Augenblick ist festgehalten. Wir werden Zeugen ihres Verhüllungsversuches und sehen den kurzen Moment ihrer Noch-Nacktheit. Reinhold Begas erlaubt uns einen letzten Blick auf ihren sinnlichen Körper und die komplizierte Körperhaltung, während sie sich wegzudrehen versucht.

Wilhelm II. schätzte Begas Stil und verschaffte ihm eine Reihe repräsentativer Projekte. Einige der Arbeiten sind bis heute in Berlin zu sehen: das Schiller-Denkmal auf dem Gendarmenmarkt von 1871, das Alexander-von-Humboldt-Denkmal vor der Humboldt-Universität von 1883, der Neptunbrunnen auf dem Alexanderplatz von 1891, die Friedrich Wilhelm-Büste im Zeughaus, die liegende Figur Kaiser Friedrichs III. auf seinem Sarkophag im Berliner Dom von 1892, das Bismarck-Standbild am Großen Stern von 1901.

Die zahlreichen lukrativen Aufträge des Kaisers beförderten zwar Begas’ Karriere, doch machten sie ihn zunehmend vom Kaiser abhängig. Und dieser scheute sich nicht, in die künstlerische Umsetzung seiner Aufträge einzugreifen. Die Denkmäler wurden pompöser, protziger und dienten immer stärker der Sucht des Kaisers nach Repräsentation und Verherrlichung der Hohenzollern-Monarchie. Dies wurde besonders bei dem vom Reichstag beschlossenen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal deutlich. Den ausgeschriebenen Bildhauer-Wettbewerb gewann, wie zu erwarten, der protegierte Reinhold Begas. Auf einem 12 Meter hohen Sockel schuf er die 9 Meter hohe Reiterstatue Wilhelms I., begleitet von der Friedensgöttin. An den Ecken des Sockels bewachten vier gewaltige Bronzelöwen die Siegestrophäen des Kaisers. Zusätzlich bewegten sich 22 halbnackte Frauen, 18 Männer, 12 Kinder und 157 Tiere auf dem Sockel. Nach der Enthüllung 1897 hagelte es Kritik. Als kolossalischer, hohler Neubarock und dekadenter Romantizismus wurde das Denkmal verschmäht und von vielen Sachverständigen abgelehnt.

Nicht besser erging es der Siegesallee durch den Tiergarten, ein Prachtboulevard mit 32 Denkmälern aus Marmor, die sämtliche Markgrafen und Kurfürsten Brandenburgs und Könige Preußens zwischen 1157 und 1888 darstellten. Reinhold Begas hatte auch hierfür die Bauleitung bekommen. Es entstanden Figuren mit „malerisch drapierten Mänteln, kühnen Helmsilhouetten, gebietenden Armbewegungen, bohrenden Blicken“. 1901 wurde die Allee eingeweiht, und seitdem nahm der Spott kein Ende. Sie wurde als „Panoptikum“, „Puppenallee“, „Marmorameer“ oder „Nippes-Avenue“ lächerlich gemacht. Als schließlich gar ein Lehrer einen Aufsatz von seinen Schülern schreiben ließ, bei dem sie von der Beinstellung der steinernen Herrscher auf deren Charakter schließen sollten, reichte es. Der Kaiser wollte die Kritik nicht länger auf sich sitzen lassen und machte Reinhold Begas dafür verantwortlich. Er fiel in Ungnade und bekam keine öffentlichen Aufträge mehr. Sein Ruhm ging verloren. Als er am 3. August 1911 in Schöneberg starb, war er fast vergessen. Doch nicht ganz. In Friedenau ist immerhin eine Straße nach ihm benannt und auch sein Grab befindet sich auf dem Zwölf-Apostel-Friedhof in Schöneberg.

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