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25.06.2022 / Orte und Plätze

Erdbeereis und Erinnerungen

Von Sigrid Wiegand. Bald ist die Erdbeerzeit vorbei für dieses Jahr, schnell noch ein Kilo in Karls Erdbeerbude am Walther-Schreiber-Platz geholt. Die hat bereits geschlossen, um 17 Uhr! So ein Pech. Von weitem sehe ich Erdbeerbecher mit Eis und Sahne im Straßencafé vorm Forum Steglitz, Trost winkt! Gerade wird ein Tisch frei. Mit dem Abnehmen kann ich ja später beginnen ...
Titania-Palast, Bornmarkt, Kaufhaus Held. Foto: Archiv Steglitz-Museum

Während ich auf meine Köstlichkeit warte, beginnt das ehemalige Rheinstraßenkind in mir zu überlegen: wie hat es früher hier ausgesehen? Direkt hier, wo ich sitze, befand sich ein Wochenmarkt, der Bornmarkt – wahrscheinlich sitze ich zwischen Obst und Gemüse in der ersten Reihe. Mir gegenüber rasselte die Straßenbahn vorbei zwischen Potsdamer Platz und Rathaus Steglitz und zurück. Rechts der Titaniapalast steht schon seit 1927 da, also vor meiner Zeit. Damals war er noch ein Kino, der die Bezeichnung Palast zu recht führte mit der breiten Eingangstreppe direkt an der Ecke Schloßstraße. Es lohnt sich, alte Bücher mit Bildern von ihm anzuschauen: die große Kinoorgel über der Bühne, die bunt angeleuchtet wurde und vor Beginn der Filmvorführungen das Publikum mit ihrer Musik unterhielt. Dem kleinen Mädchen von damals dröhnte sie bedrohlich in den Ohren. Seit damals mag ich keine Orgelmusik. Die bunte Bauhausbemalung der Wände in den Gängen gefiel mir da schon besser. Das Kino in verkleinerter Form gibt es noch heute, aufgeteilt in mehrere kleine Kinosäle, der Eingang an die Seitenfront in der Gutsmuthsstraße verlegt.

Wenn ich nach links sehe, fällt mein Blick aufs SSC, abgekürzt von Schloßstraßencenter. Diese Namensgebung hat mich vor Jahren sehr geärgert, denn die Schloßstraße beginnt genau genommen hier, wo ich sitze: das ist die Nummer 1 der Schloßstraße! Das SSC gehört eigentlich zu Friedenau. Was soll's, Schnee von gestern. Ich überlege: was hat eigentlich früher hier gestanden? Kaufhaus Held natürlich! Aber ganz früher, das wurde ja erst nach dem Krieg gebaut, diese ganze Ecke war zerbombt worden, ein Trümmerfeld, als ich ein junges Mädchen war. Zuerst wurde hier ein Markt aufgebaut, ein kleines Karussel stand da. Aber in meiner Kindheit in den frühen Dreißigern? Ich brauche eine Weile, ehe es mir einfällt: von der Bornstraße bis zur Lefèvrestraße gab es eine Reihe von modernen Wohnhäusern mit großzügigen Wohnungen und Arztpraxen, unten eine Reihe kleiner Läden, ein Kino, das Thalia. Meine Freundin Herma wohnte dort. Hinter dem Rheineck, das jetzt Walther-Schreiner-Platz heißt, beginnt die Rheinstraße, der Spielplatz meiner Kindheit mit Roller und Puppenwagen, Hopse und Triesel. Spielen die Kinder heute das eigentlich noch? Ich habe es lange nicht mehr gesehen.

Da wird mein Eisbecher gebracht: Schluss mit den Erinnerungen, er beansprucht und verdient meine ganze Aufmerksamkeit!

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