Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

8.10.2013

Endlich mal zuhören!

Dieses Jahr lese ich nicht selbst, ich kann also endlich auch mal zuhören! Mach mir gleich ein volles Programm, fünf Lesetermine stehen auf meinem Spickzettel. Ich wandere durch eine der letzten lauen Spätsommerabende, hol mir im Ganzkörperschuh mein Eintrittsbändchen, das es für die Autoren der letzten Nächte umsonst gibt, sozusagen als Belohnung. Dankeschön.

Krista Birkner liest im U-Bhf. Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto: Eric Pawlitzky

Die Leseorte wieder bizarr, ich fange im U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz an. Ein Grüppchen hat sich nahe der Treppe zum Bahnsteig versammelt zum Thema: „Heil Hitler - bei mir nicht!“. Wir hören Texte und Gedichte aus dem literarischen Berlin der Vor- und frühen Hitlerzeit, von Irmgard Keun, Walter Mehring, Ödön von Horváth und anderen Nazigegnern, hervorragend vorgetragen von einer schönen Frau, deren Namen ich nicht im Programm finde. Es ist eine eindrucksvolle Lesung, gedacht als Beitrag zum Themenjahr „Zerstörte Vielfalt - Berlin im Nationalsozialismus“. Vorbeigehende stutzen, hören rein, gehen weiter. Die Züge scheinen viel häufiger durchzurauschen, als wenn man auf sie wartet. Das stört schon, passt aber auch irgendwie.

Szenenwechsel. Ich finde mich wieder auf der Empore des lpg-Biomarktes in der Hauptstraße. Das letztemal war ich hier oben, als es noch der Rang des Roxy-Kinos war, na, das ist lange her ... Ich mache eine Bekannte, die ich getroffen habe, auf die Kinodecke mit dem seltsamen Muster aufmerksam, da staunt sie: ein Kino war das? Sie ist nicht von hier. Es duftet lecker nach Salami und Bergkäse, das passt zu Bernd Schroeders Geschichte vom Biohuhn, deren Ende ich nicht mehr mitbekomme, aber ahne, denn ich muss weiter. Ich könnte das Buch ja kaufen, wenn ich denn noch Bücher kaufen würde. Ich weiß nicht mehr, wohin mit den Büchern, was ich lesen möchte, leihe ich mir in der Bücherei aus. Also Titel notieren.

Weiter zum KommRum in der Schnackenburgstraße, auch so ein alter Erinnerungsort aus den Achtzigern (muss ich jetzt 1980ern schreiben? Nee, glaub ich nicht, ist doch klar.) Das waren die Jahre der Anti-Psychiatrie und der Psycho-Kurse dort, interessant und hilfreich. Wie ich mir dachte, gibt es immer noch ein Café hier, ich kann mich stärken. Der Kaffee ist ein bisschen dünn, die Apfeltorte dafür hervorragend. Carola Wolff liest aus ihrer Geschichte von einer Schriftstellerin mit Schreibblockade und Selbstmordversuch, aus dem ein sogenannter Gentleman-Einbrecher sie rettet. Hier habe ich den Anfang verpasst. Auch ein Auszug aus ihrem Buch, das man kaufen kann, gleich mit Autogramm (siehe oben).

Weiter zum nächsten Leseort in der Bundesallee. Ich treffe allenthalben Grüppchen mit Südwestpassage-Programm, von hier nach dort, von dort nach hier, man winkt sich zu, man lächelt sich an, wie Verschwörer gehen wir unsrer Wege. In der Buchhandlung Thaer haben sie die Lesung in den Garten im Hinterhof verlegt, wegen der milden Witterung. Sehr schön! Es ist duster, die Mülltonnen hören mit, stören aber nicht. Ich lerne Klaus Bittermann kennen, dessen Kreuzberger Geschichten ich schon aus der taz kenne, einige jedenfalls, sehr witzig und treffend. Lustig, wenn er mit seiner fränkischen Grundmelodie berlinert!

Inzwischen ist auch meine Freundin eingetroffen, die im Enkel-Einsatz war und nicht früher konnte.  Wie lange noch bis zum nächsten Termin? Im Ganzkörperschuh gerappelt voll, nicht ganz so heiß wie im vorigen Jahr, aber da war auch gerade eine Hitzewelle. Der Krimi-Marathon befindet sich noch in der ersten Runde, noch eine Stunde bis zur nächsten. Ab in die nächste Kneipe, man kann immer noch draußen sitzen, sagenhaft. Wir erzählen uns eins, und ruckzuck ist die Stunde um. Bisschen früher hin, bloß nicht stehen müssen. Bis es los geht, schaue ich mir noch die Schuhe an, könnte auf Anhieb gleich drei Paar mitnehmen. Schicke Mode dieses Jahr, und hier besonders. Es gibt Wein und leckere Häppchen.

23.30 Uhr, ich werde müde. Drei Krimi-Geschichten mit Zeitrückgriffen, ich blicke nicht mehr ganz durch. Zum Schluss muss ich mir erklären lassen, wer eigentlich die Leiche war, die da in der Tierverwertungsanlage verbrannt worden ist. Meine Freundin ist noch fitter.

Wie immer, hätte man gern noch mehr gehört. Aber manchmal ist weniger mehr.

Nächstes Jahr bin ich wieder dabei – und natürlich bei der langen Galerienacht jetzt im Oktober!

Sigrid Wiegand

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