Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

01.03.2011 / Menschen in Schöneberg

Emma ist verzogen? Nein: Emma ist verzogen!

Die Sirene der Straße nannte ich sie insgeheim. Jeden Wochentag wurden sie und ihr Bruder früh von der Mutter, meistens aber vom Vater in den Kindergarten/die Vorschule (?) gebracht. Ich schätzte sie auf 4, den Bruder auf 5 Jahre.

Emma war immer unüberhörbar. Der Bruder ein stiller Beobachter, der regelmäßig in ihrem Windschatten stoisch hinterher trottete.  (Allerdings  auch permanent in vermeintlich unbeobachteten Augenblicken bündelweise die Blätter der Heckenbepflanzung unserer Vorgärten ausriß und die Straße so auf seine Art recht üppig täglich begrünte.)

Das ganze Szenario begann immer direkt, wenn die Drei das Haus verließen. An 3 Hausnummern vorbei, Richtung Volkspark vollzog sich immer das gleiche Schauspiel: Emma protestierte! Der Abstand des voraus schreitenden Elternteils wurde immer größer, denn Emma protestierte verlangsamten Schrittes. Lautstark.
Jeden Tag. Da war nicht wehleidiges, nicht bittendes, nicht hilfeflehendes, nicht mäkelndes Geschrei zu vernehmen.
Nein. Das war einfach eine bemerkenswerte Willensstärke, wie ich sie eigentlich selten bei (!) Mädchen erlebe oder bisher erlebt habe.
Man hatte einfach das Gefühl, dass ihr Protest berechtigt war.

Ihre jeweils vorgetragenen „Argumente“ sind mir leider nicht mehr in Erinnerung. Egal, überzeugend klangen sie alle. (Vermutung: Zu hastig oder abrupt aus dem Schlaf geholt, gefrühstückt oder unbequeme Kleidung aufgezwungen bekommen, das Tempo zu zügig, ich weiß es nicht.)

Ich fand sie wunderbar. Dieses Mädchen wird sich sicher niemals „die Butter vom Brot“ nehmen lassen.
Sie wird sich bestimmt gut durchsetzen können im Leben. Da habe ich keine Zweifel, erinnere ich mich selbst noch gut an „meine“ 50er Jahre und an den eisigen Blick, der jedes Aufbegehren eines kleinen Mädchens im Keim erstickte. Ganz im Gegensatz zu dem 2 Jahre älteren Bruder, dessen lautstarke permanente „Beschwerden“ immer zu nachsichtigem, ja sogar stolzem Blickwechsel meiner Eltern führten. Kinder haben gute Antennen.
Emma, ich fand Dich toll. Kleine starke Minifrau, so selbstbewusst und mit diesem sichtlich großen Selbstwertgefühl ausgestattet, das nur entstehen kann, bist Du Dir der Liebe Deiner Eltern absolut sicher.

Du wirst Dir bestimmt nicht soviel (wie ich) gefallen lassen im Leben!
Gut, man könnte Deine Morgendarbietungen als rücksichtsloses Verhalten bezeichnen; in dieser Straße ist es zudem noch extrem hellhörig. Eine Vierjährige soll bewusst rücksichtslos sein? Das kann ich nicht unterschreiben.
Woher ich ihren Namen kenne? Nun, aus großer Entfernung rief der Vater schon mal über die immer größer werdende Distanz recht unleise: „Emma, Du nervst!“

Immer wieder bemerkte man dann morgendliche Struwwelköpfe an den umliegenden Fenstern, zu sehen, wer da so einen Lärm mache. Vielleicht sahen die Eltern deswegen immer diskret zur Seite, traf man sie mal nachmittags?

Mag sein, doch ich wünsche der kleinen Emma, dass sie weiterhin so gut und endlos geduldig geführt wird, wie es mir wirklich hier den Anschein hatte.

Nun ist Emma nicht mehr zu hören.
Die Familie ist weggezogen.
Mögen viele kleine starke Persönlichkeiten weiterhin heranwachsen.
Was aus der kleinen Emmasirene wird ? Das werde ich wohl leider nun nie erfahren.
Aber wer weiß?

Elfie Hartmann

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden