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04.03.2012 / Menschen in Schöneberg

Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift

„Ein Kind, das eine jüdische Mutter hat, bittet seine Freundinnen immer wieder angstvoll: Kommt bald wieder, meine Mutti ist sehr nett. Ein anderes bittet die Mutter fortzugehen, damit die Freundinnen sie nicht sehen.“ (...)
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Aus Schweden ist zu Anfang einmal das vernichtende Wort berichtet worden: ‚Die Deutschen haben einen neuen Gott, das ist die Rasse, und diesem Gott bringen sie Menschenopfer.’ Wer wagt, dies Wort Lügen zu strafen?“
Die Frau, die dies 1935 schrieb, hieß Elisabeth Schmitz. Im Gegensatz zu den meisten Menschen im nationalsozialistischen Deutschland empörte sie sich, als die Judenverfolgung begann und sah nicht weg. Ganz im Gegenteil.

In seinem Buch „Mir aber zerriss  es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz“ zeichnet der Berliner Historiker Manfred Gailus das Bild einer eher unauffälligen Frau. Zunächst deutete nichts in ihrer Biographie darauf hin, dass sie eines Tages mutiger als die meisten Menschen in der evangelischen Kirche sein würde. Aufgewachsen als Tochter eines Hanauer Gymnasiallehrers konnte sie das Gymnasium besuchen und 1914 ihr Abitur ablegen. Sie begann – zunächst in Bonn – ein Studium der Germanistik, Geschichte und Theologie, das sie ab 1915 in Berlin fortsetzte. Im evangelischen Wohnheim in der Auguststraße in Mitte hatte sie ein möbliertes Zimmer mit Kochgelegenheit.

Nach ihrer Promotion in Geschichte begann sie mit dem schulischen Vorbereitungsdienst. Über verschiedene Stationen gelangte sie schließlich 1935 an das Auguste-Sprengel-Mädchenlyzeum in Lankwitz. An diesem Ort steht heute die Beethoven-Oberschule, an der letztes Jahr eine Gedenktafel für Elisabeth Schmitz angebracht wurde. Zwei Jahre zuvor war Elisabeth Schmitz endlich in eine eigene Wohnung in der Luisenstraße in Mitte gezogen. Im selben Haus wohnte ihre Freundin Martha Kassel. Durch die jüdische Freundin bekommt Schmitz schon sehr früh mit, welche Auswirkungen die Machtergreifung für „Nichtarier“ hatte. Das Gesetz zum Berufsbeamtentum vom April 1933 sorgte für die Entlassung Kassels. Juden durften nicht mehr verbeamtet sein.

Schmitz verstand sich als engagierte Christin und suchte den Kontakt zu kirchlichen Gruppen. Bald schon war sie Mitglied in der „Bekennenden Kirche“, einer Gruppe der evangelischen Kirche, die sich gegen Gleichschaltung und Vereinnahmung wehrte – im Gegensatz zu den „Deutschen Christen“, die sich dem Nationalsozialismus ideologisch annäherten. Doch auch viele Mitglieder der „Bekennenden Kirche“ waren zögerlich, wollten sich und die Kirche lieber schützen und kein Risiko eingehen. Schmitz dagegen verfasste eine Denkschrift, die sie 1935 einem Pfarrer in Berlin überreichte.

In dieser ihrer Denkschrift beschreibt sie in klaren und einfühlsamen Worten die alltägliche Diskriminierung von Juden, die Folgen der Nürnberger „Rassengesetze“, die Aufhetzung der öffentlichen Meinung und auch die Haltung der Kirche. Besonders empört zeigte sie sich, dass viele Täter Mitglieder der Kirche waren. Sie hatte die Hoffnung, dass die Kirche „anerkennt, dass es sich um ein Gebiet handelt, das sie angeht und dass sie meine Arbeit in irgendeiner Form als einen ihr erwiesenen Dienst annimmt.“ Doch obwohl sie 1936 die Denkschrift noch um einen Nachtrag erweiterte und in ihrer Wohnung vervielfältigte, wurde ihre Hoffnung nicht erfüllt. Sie sah, wie Martha Kassel und andere jüdische Freunde emigrieren mussten und Hetze und Gewalt zunahmen.

1940 schloss sich Schmitz der Friedenauer Gemeinde „Zum Guten Hirten“ um Pfarrer Wilhelm Jannasch an. Er gehörte zur Bekennenden Kirche. Bis 1942 übernahm sie Hausbesuche in sogenannten „Judenwohnungen“, eine äußerst gefährliche Aufgabe, durch die sie noch mehr Einblick in das Elend der jüdischen Bewohner und deren ständige Bedrohung bekam. Sowohl in ihrer Wohnung als auch in dem von Kassel übernommenen Wandlitzer Häuschen nahm sie Verfolgte auf. 1943 zog Schmitz endgültig zurück in ihr Elternhaus in Hanau. Sie war aus medizinischen Gründen frühpensioniert worden. Der Widerspruch zwischen ihrem christlichen Menschenbild und den in der Schule propagierten rassistischen Auffassungen war ihr untragbar geworden.

Einige Jahre nach dem Krieg begann Schmitz, wieder als Studienrätin zu arbeiten. Im Jahre 1950 – zu einer Zeit, da am liebsten nicht mehr über die nationalsozialistische Vergangenheit gesprochen wurde – hielt sie eine mutige Rede über die Opfer des Faschismus. 1958 wurde sie endgültig in den Ruhestand versetzt. Über ihr Leben in den 60er und 70er Jahren ist wenig bekannt. 1977 starb sie im Alter von 84 Jahren. Erst im Jahre 1999 wurde durch eine ehemalige Schülerin bekannt, dass Elisabeth Schmitz die Verfasserin der Gedenkschrift und damit eine der mutigsten Frauen innerhalb der evangelischen Kirche war. Sie war eine Frau, die sich keine Denkverbote auferlegen ließ.

Isolde Peter

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