Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

15.08.2011 / Menschen in Schöneberg

Eine ungehaltene Rede

Liebe Politikerinnen und Politiker, bevor Sie sich wieder in den Wahlkampf stürzen, möchte ich Ihnen einige Worte des Dankes mit auf den Weg geben, und auch ein paar Ratschläge, wie Sie unser Herz gewinnen könnten. Sie meinen, Sie brauchen nicht unser Herz, Sie wollen nur unsere Stimme? Nun, darauf komme ich noch.

Zunächst der Dank. Glauben Sie mir – aber vielleicht wissen Sie es schon: Kein vernünftiger Mensch möchte mit Ihnen tauschen. Dieses ewige Gezerre um Positionen! Dieser Fraktionszwang! Diese Schlammschlachten! Dieser Zeitdruck! Diese Fülle von Terminen! Diese Rumfahrerei! Dieses Dauerlächeln! Schrecklich, einfach schrecklich. Ich bin wirklich froh, dass Sie diese Sachen für uns übernehmen. Allerdings haben Sie wohl auch bemerkt, dass es nicht häufig vorkommt, dass jemand aus dem Wahlvolk Ihnen gegenüber diesen Dank äußert. Sicher fehlt Ihnen die Zeit sich zu überlegen, woher das eigentlich kommt. Das möchte ich Ihnen erklären.

Damals, Sie wissen schon, 1948, da fing das alles ja sehr hoffnungsvoll an. Wir hießen noch nicht Wahlvolk, wir hießen Bürgerinnen und Bürger. Einige von uns boten sich an, die anstehende, schwierige Regierungsarbeit zu übernehmen, und gingen in die Politik. Wir anderen waren uns der Verantwortung bewusst, die wir damit übernahmen, aus dem Kreis jener Politiker die für uns richtigen auszuwählen. Es war unser Recht, dies zu tun, und wir hielten es auch für unsere staatsbürgerliche Pflicht, es zu tun. Wir beteiligten uns zunehmend rege an den Wahlen.

Sie merken schon, da hat sich etwas geändert. Wo sind die Bürgerinnen und Bürger in der Politik? Liebe Politikerinnen und Politiker, Ihr seid Bürger wie wir! Ihr regiert nicht nur uns, Ihr regiert auch Euch selbst! Wir wollen die unabhängig denkenden, ihrem Gewissen verpflichteten Abgeordneten, die auch mal den Mund aufmachen und Dinge erklären! Die sagen: „Ja, das ist jetzt total schief gegangen, und wir haben Schwierigkeiten. Dies und das muss getan werden, das wird wahrscheinlich hart werden. Deshalb danken wir Euch, dass Ihr so viel Vertrauen zu uns habt...“ Solche Worte gewinnen unser Herz. Ohne Herz kein Vertrauen. Ohne Vertrauen gehen wir nicht zur Wahl.

Wir wollen sehen, dass Ihr mit Würde und Respekt Euer Amt bekleidet. Wir wollen nicht, dass Ihr mit Fingern auf Eure politischen Gegner zeigt wie die Kleinkinder. Macht Euch nicht lächerlich, auch nicht gegenseitig! Wir wollen Euch ernst nehmen – gebt uns die Chance dazu! Ihr seid unsere Vertreterinnen und Vertreter – wir haben manchmal das Gefühl, das habt Ihr vergessen.

Es ist ja gar nicht so, dass wir nicht sehen könnten, wie schwierig es ist, ein Land zu regieren. Wir sehen den Schweiß, wir sehen die Schulden. Es sind ja UNSERE Schulden! WIR sind es, die sie abtragen müssen - obwohl wir nicht mal genau wissen, wofür diese Schulden gemacht werden.

Also besinnt Euch. Es geht nicht um einen Tag im September. Es geht um die nächsten Jahre. Und zwar mehr als nur fünf.
Danke, dass ich so zahlreich zu Ihnen sprechen durfte.

Ihre Sanna v. Zedlitz
(Mutter, Hausfrau, Dienstleisterin, Steuerzahlerin, Konsumentin, Ehrenamtliche, Arbeitgeberin, Krankenversicherte, Handwerkergattin...)

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