Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.06.2018

Eine „Löwin“ macht Hoffnung

Bundesweite Aktion gegen Weibliche Genitalverstümmelung: Michael Noack und Meryem Celik lasen in der Galerie „Freiraum“ vor.

Miteinander und auf Augenhöhe, so ist die Vorgehensweise der Mitarbeiterinnen im Fulda-Mosocho-Projekt, für das sich auch Ehrenamtliche aus Berlin engagieren, wie jüngst in einer Lesung in der Galerie Freiraum. Foto: Center for PROFS

Nicht Kunst, sondern ein entwicklungspolitisches Thema stand im Mittelpunkt  einer Lesung in der Galerie „Freiraum 64“ in Schöneberg. Künstlerin Heide Hübener engagiert sich ehrenamtlich im gemeinnützigen Verein Lebendige Kommunikation (LebKom), der sich mit seinem  Fulda-Mosocho-Projekt seit 15 Jahren erfolgreich für ein Ende der Genitalverstümmelung (FGM) bei Mädchen und Frauen in Kenia einsetzt. Sie konnte Galeristin Kristine Scholz-Gamp als Gastgeberin für diese Veranstaltung im Rahmen der bundesweiten Vorlese-Aktion mit dem Titel „Wüstenblume muss nicht sein – die Kisii, das Wissen und der Wandel“  gewinnen.
„Ich kenne die Initiatorin des Fulda-Mosocho-Projektes, Professorin Dr. Muthgard Hinkelmann-Toewe, und bin begeistert davon, was sie auf die Beine gestellt hat“, erklärt die Künstlerin. Dass seit 2002 mit Hilfe des Projektes in der Region Mosocho die Beschneidungsrate von 98 auf weit unter 20 Prozent gesenkt werden konnte,  bedeutet laut Pressemitteilung des Vereins, dass  30.000 Mädchen vor dem menschenrechtsverletzenden Eingriff mit lebenslangen schmerzhaften Folgen bewahrt wurden. 
Mit der Lesung wollen die ehrenamtlichen LebKom-Mitarbeiterinnen Heide Hübener und Silke Sewing darauf aufmerksam  machen, dass eine nachhaltige Beendigung dieser Sitte in Afrika trotz jahrtausendelanger Verwurzelung möglich ist. Die Aktion, die mit Bundes- und hessischen  Landesmitteln gefördert wird, startete im vergangenen Jahr mit Vorlesungen in 18 Orten in ganz Deutschland; die Veranstaltung in Berlin ist bundesweit die bislang  achte in diesem Jahr.

Auch Silke Sewing besitzt einen persönlichen Bezug zum Fulda-Mosocho-Projekt: Die Schwiegermutter ihrer Schwester  gehört zu den Mitarbeiterinnen vor Ort in Kenia. Bereits 2012 hatte sie gemeinsam mit einer weiteren Ehrenamtlichen zu zwei Lesungen in Berlin eingeladen, damals mit Erlebnisberichten von Menschen aus der Region Mosocho. Inzwischen ist das Projekt auf die Nachbarregionen Marani und Kisii South ausgeweitet worden. In den aktuellen Texten kommen Menschen aus den neuen Gebieten zu Wort. Der professionelle Sprecher Michael Noack las vor einem kleinen, dafür sehr interessierten Publikum einen siebenminütigen Beitrag, in dem ein Vater beschreibt, wie er durch Zufall von dem Projekt erfuhr, sich begeisterte, seine Tochter vor der Beschneidung rettete und sich jetzt aktiv für den Schutz aller Mädchen einsetzt.

Noack hatte auch schon während der ersten Lesung vor sechs Jahren Textpassagen vorgetragen,  genau wie Radiomoderatorin Meryem Celik, welche nun die Erfahrungen einer Großmutter vorlas, die zum Schutz ihrer Enkeltöchter mutig gegen Konventionen verstieß und seitdem „die Löwin“ genannt wird.

„Ich habe eine Gänsehaut bekommen, weil die Vorlesenden die Verzweiflung und die Freude der Erzählenden so überzeugend dargestellt haben“, fasst Silke Sewing zusammen. „Es gibt nur wenige gute Nachrichten auf der Welt, und diese aus der Kisii-Region haben mir Hoffnung gegeben“, begründet Noack seine wiederholte Unterstützung der Aktion. 
Vorgetragen von Meryem Celik, führt die langjährige FGM-Fachkraft des Fulda-Mosocho-Projekts Kerstin Hesse aus, wie sich zunächst die Menschen nach dem 2001 erfolgten staatlichen Verbot der weiblichen Genitalbeschneidung „im Spannungsfeld zwischen gesetzlichem Auftrag und kultureller Erwartung befanden“.  Innovativ ausgerichteter Sexualkunde-Unterricht habe geholfen,  eine positive Einstellung zum weiblichen Körper zu entwickeln.  Die Schulungen für die Bevölkerung umfassen zahlreiche weitere Aspekte, beispielsweise  das gleichwertige und gewaltfreie Aufwachsen von Jungen und Mädchen. Das Fulda-Mosocho-Projekt (FMP) basiert auf einem  von Professorin Hinkelmann-Toewe entwickelten Konzept, dem „Wert-Zentrierten Ansatz“.   

Den Zuhörern wurde durch Hesses Bericht bewusst: Je mehr Angebote sich das Projekt „leisten“ kann, desto mehr Menschen können an den stark nachgefragten Schulungen in den kenianischen Nachbarregionen von Mosocho teilnehmen.  So erwuchsen aus dem Abend sogleich erste Ideen zur finanziellen Unterstützung: Gastgeberin  Scholz-Gamp beispielsweise kündigte an, bei einer in Kürze in der Galerie stattfindenden Kleiderbörse eine FMP-Spendenbüchse aufstellen zu wollen.

Sandra Limpert

Allgemeine Information:
Der gemeinnützige Verein „Lebendige Kommunikation“ (LebKom) mit Sitz in Fulda engagiert sich seit über 30 Jahren für die Gleichstellung und Gleichbehandlung von Mann  und Frau. Ein Schwerpunkt hierbei ist das Fulda-Mosocho-Projekt, das 2002 auf Anregung kenianischer Frauen nach der Weltfrauenkonferenz in Nairobi von der Fuldaer Professorin Dr. Muthgard Hinkelmann-Toewe ins Leben gerufen wurde und seitdem nachhaltig für den Schutz afrikanischer Mädchen vor Genitalverstümmelung (FGM) eintritt.
FGM gilt international als schwere Menschenrechtsverletzung und wird in 29 afrikanischen Staaten und einigen asiatischen Ländern ungeachtet der gesetzlichen Verbote praktiziert. Über 200 Millionen Frauen und Mädchen sind weltweit davon betroffen. So wie in Kenia, wo die Beschneidungsrate in der Region Mosocho, der Heimat der Kisii-Ethnie, bei 98 Prozent lag. Mithilfe von Wissenstransfer und Schulungseinheiten, basierend auf dem „Wert-zentrierten Ansatz“, konnte ein beeindruckender Bewusstseinswandel in der Bevölkerung und ein Rückgang der Rate auf weit unter 20 Prozent bewirkt werden. Beim Wert-Zentrierten Ansatz handelt es sich um eine wissenschaftliche Strategie, mit der auf Augenhöhe mit den teilnehmenden Männern und Frauen ein neues Bewusstsein für die Gleichberechtigung der Geschlechter als individueller und gesellschaftlicher Wert erarbeitet wird. Dadurch blieben bislang 30 000 Mädchen vor FGM und den daraus resultierenden lebenslangen Einschränkungen bewahrt und sind in ihren Familien nun sicher. Mittlerweile ist das Projekt auf die Nachbarregionen Marani und Kisii South ausgeweitet worden. Laut einer UNICEF-Studie aus dem Jahr 2010 zählt es zu den fünf weltbesten Projekten weltweit, die an der Abschaffung von weiblicher Genitalverstümmelung arbeiten. Informationen unter www.fulda-mosocho-project.com
Die Vorlese-Aktion ist Teil des bundesweiten entwicklungspolitischen Projektes „Weibliche Genitalverstümmelung – mehr Engagement für bedrohte Frauen und Mädchen in Afrika! Ehrenamt stärken, Jugend erreichen, Entscheidungsträger erreichen“ und wird von ENGAGEMENT GLOBAL im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem Hessischen Wirtschaftsministerium (HMWEVL) gefördert.