Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.11.2011 / Projekte und Initiativen

Eine Illusion zerplatzt

Es wird einem immer schwerer gemacht, ein „guter Mensch“ zu sein. Auch wenn ich schon immer Zweifel am Sinn der Mülltrennung hatte – so schien doch bisher der Gang zum Altkleidercontainer eine gute Tat zu sein. In mehrfacher Hinsicht. In erster Linie natürlich, weil die ausrangierten Kleider Bedürftigen zugutekommen würden, gleichzeitig war das „Verklappen“ der Textilien in den Container ein ritualisierter, aktiver Beitrag zum Umweltschutz und außerdem war endlich mal wieder Platz im Kleiderschrank.
Foto: Ulrike Götting

Die Illusion einer heilen Welt zerplatzte am 30.10. kurz vor der Tagesschau durch einen Beitrag der Abendschau. Oliver Schworck, Bezirksstadtrat, stand vor 20 abgeschobenen Illegalen und hielt eine kämpferische Rede. Nicht das, was Sie jetzt denken, aber genau das habe ich auch gedacht: die armen Illegalen. Zu Ihrer Beruhigung: Es ging nicht um Menschen, es ging um 20 illegal aufgestellte Altkleidercontainer! Sie waren auf Schworcks Anweisung hin aus dem Verkehr gezogen und auf einem Werkhof zwischengelagert worden.

Es war für mich ein Schock zu erfahren, dass keiner der 500 in Tempelhof-Schöneberg aufgestellten Container legal aufgestellt ist. Alle illegal! Wie bedrohlich die Lage ist und wie blind ich bisher durch die Gegend gelaufen bin, wurde mir erst am nächsten Tag so richtig klar. 9 Altkleidercontainer zählte ich auf dem Weg zur U-Bahn. Alle illegal. Wo die aber auch überall stehen! Und was sich alles um sie herum angesammelt hat! Sessel, Sofas und kaputte Kühlschränke sind neben den Containern drapiert. Die Ordentlichkeit des Abstellens deutet zumindest noch auf Reste von schlechtem Gewissen hin. Aber Schmutzecke bleibt Schmutzecke und trägt zur Verwahrlosung des städtischen Raumes bei. Ganz schön frech ist folgende Beschriftung: Der Diebstahl der Kleider wird strafrechtlich verfolgt. Illegal und dann auch noch frech werden!

Erst jetzt sehe ich die Ohnmacht der Verwaltung. Kann denn in Berlin jeder machen, was er will? Was steht hier eigentlich noch alles illegal herum? Wie gut, dass endlich mal jemand tapfer den Kampf gegen dieses Unwesen aufgenommen hat. Oliver Schworck - ein wahrer Kämpfer. Dabei sind die Wahlen doch schon vorbei.
Gut, das illegale Aufstellen der Container ist ein Problem und deutet zumindest schon die unlauteren Absichten der Aufsteller an. Mit der Verwertung von Altkleidern kann man anscheinend viel Geld verdienen. Darum wirtschaften zahlreiche Unternehmen unter Vortäuschung eines wohltätigen Zwecks vor allem in die eigene Tasche. Alles ziemlich dubios, wo was hinkommt und wer was daran verdient. Und all das hatte ich unterstützt! Dabei hätte mich der Blick auf den Aufkleber meines Lieblingsaltkleidercontainers stutzig machen müssen. Auch hier war ich offensichtlich blind. Es handelt sich um eine Organisation, von der ich noch nie gehört habe.
Aber was mache ich künftig mit abgetragenen Kleidungsstücken? Der Container war meine Rettung, aber das geht natürlich nicht mehr. Vor einigen Jahren noch hatte ich aufgetragene Kleidung meinen Freunden und Bekannten aufgedrängt. Kein Besuch, der in meine Wohnung kam, verließ mich ohne eine Plastiktüte mit einem Kleidungsstück, einem Buch und oder einer CD oder sonstigen Gegenständen, die ich nicht mehr benötigte. Das ging so lange gut, bis der Widerstand der Beschenkten aggressive Züge annahm. Wahrscheinlich zu Recht, denn ich lasse mir meinerseits schon lange keine „Geschenke“ mehr geben.

Eine gute Tat zu vollbringen, ist jetzt mühseliger. Man muss sich informieren, und die guten von den schlechten Anbietern trennen, Sammelstellen ausfindig machen und dann die Textilien direkt in der Einrichtung abgeben. Aber das ist eben Demokratie: Immer auf der Hut sein und alles selber machen.

Nachtrag.: Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, meinen Artikel mit einem Foto der 20 abgeschobenen Altkleidercontainer zu illustrieren. Ich wurde auf dem Werkhof von mehreren misstrauisch und finster blickenden Männern empfangen. Sie wiesen mir den Weg zum Dienststellenleiter. Ich trug mein Anliegen vor. Ich müsste doch wissen, dass ich ohne Genehmigung nicht fotografieren dürfte. Nein, wusste ich nicht. Aber zumindest weiß ich jetzt, dass die restlichen 480 Altkleidercontainer nicht auf diesen Werkhof abgestellt werden. So viel Platz ist da nicht.

Ulrike Götting


Die Redaktion kann Ihnen vertrauensvoll folgende seriöse Sammelstelle für Altkleider, aber auch Haushaltsgegenstände, Lebensmittel, Kinderspielzeug, Bücher, Briefmarken und eventuell auch Möbel empfehlen:
Diakonieladen Rubensstraße 87
Tel. 70 72 05 49
Spendenkonto: Ev.Phil-Nath-Kg
Kto: 3 780766
Bank: EDG, BLZ: 210 602 37
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