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28.05.2020

Eine freie Stimme der freien Welt

von Christine Bitterwolf Nach Kriegsende im Mai 1945 hatten die Sowjetsoldaten gleich in den ersten Tagen das Haus des Rundfunks in Charlottenburg besetzt und dort den Berliner Rundfunk eingerichtet.

Gebäude des RIAS und von Deutschlandradio Kultur in Berlin-Schöneberg 2012. Foto: Andreas von der Au, avda-foto.de

Die sowjetische Besatzungsmacht verfügte damit über ein Rundfunkmonopol, das sie nicht mehr aus der Hand gab. Selbst als die Stadt in vier Sektoren geteilt war, lehnte sie einen gemeinsamen Radiosender mit den anderen Besatzungsmächten ab, und sie war auch nicht bereit, ihnen eine eigene Sendezeit im Berliner Rundfunk zu überlassen.

Als Folge befahl das US-Hauptquartier im November 1945 einen eigenen Rundfunksender als unabhängige Gegenstimme zum sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunk zu errichten. Mangels anderer Sendeleitungen wurde das Drahtfunksystem über Telefonleitungen wieder aktiviert. Deshalb startete der neue Sender aus dem Fernmeldeamt in der Winterfeldtstraße in Schöneberg. Hier standen ihm im 3. Stock einige kleine Räume zur Verfügung.

Am 7. Februar 1946 sendete der DIAS (Drahtfunk im Amerikanischen Sektor) sein erstes Programm. Allerdings war der DIAS anfangs keine große Konkurrenz zum sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunk, denn er erreichte höchstens 1.500 Hörer.
7 Monate später installierten die Amerikaner mit Hilfe eines fahrbaren alten Truppensenders aus der Army einen Mittelwellensender, und damit gab es endlich den Rundfunk im Amerikanischen Sektor: RIAS.

Erst am 6. Juni 1948 zog der Sender in das heute für den RIAS bekannte Haus mit der runden Ecke an der Kufsteiner Straße. Die Straße selbst gehört auch zum Bezirk Schöneberg, das Haus aber steht bereits auf Wilmersdorfer Grund. Es wurde sehr sachlich mit einer schmucklosen Fassade erbaut. Auch innen sind die zwei Seitenflügel klar strukturiert, sogar das Treppenhaus wurde wie ein runder Turm im Winkel des Hauses an die Rückwand gebaut. Ursprünglich wurde der Bau für die Bayerischen Stickstoffwerke errichtet, deren Vermögen die Alliierten nach dem Krieg beschlagnahmt hatten. Da nur die Außenwände massiv gebaut waren, konnten innen die einzelnen Räume leicht umgebaut werden. So wurden aus den ehemaligen Chemie-Laboren schnell Studios und Redaktionszimmer. Der Raum für Betriebsappelle in der Nazizeit konnte zum großen Sendesaal werden. Die ersten Möbel für den Sender wurden direkt aus den USA importiert. Das Studio 5 ist heute noch im Original-Zustand erhalten.
In den folgenden Jahren bekam das Haus einen Anbau in der Fritz-Elsas-Straße. Seit 1984 gibt es 11 Aufnahmestudios im dem Funkhaus.

Für Berlin war es der erste freie unzensierte Sender seit 1933. Allerdings vertrauten die Alliierten den deutschen Journalisten anfangs doch nicht so ganz, deshalb mussten die Nachrichtentexte einem Kontrollgremium vorgelegt werden. Einer der Kontrolloffiziere war Harry Frommermann, der mit anderen 1928 die Comedian Harmonists gegründet hatte, dann, weil er Jude war, nach Amerika geflohen und nun als amerikanischer Offizier wieder in Berlin zurückgekommen war.

Während der Berliner Rundfunk neben einem guten Kulturprogramm nur kommunistische Propaganda ausstrahlte, wollte der RIAS als „freie Stimme der freien Welt“ auch für die Bürger der DDR senden und ihnen aktuelle Informationen und Trends aus dem West-Berliner Teil der Stadt vermitteln. Die meisten Rundfunksender hatten in den 50er Jahren einen Nachrichtenanteil von 15 % in ihrem Programm, der RIAS sendete fast 35 % seiner Zeit politische Nachrichten. Für viele Menschen in der DDR war der RIAS die einzige unabhängige Informationsquelle.

Nachdem der RIAS im November 1949 einen Mittelwellensender in Hof übernommen hatte, konnte er seine Sendungen in der gesamten sowjetischen Besatzungszone hörbar machen.  Die DDR verbot daraufhin ihren Bürgern, den  RIAS zu hören und installierte Störsender. Bald wurden alle RIAS-Nachrichten als Falschmeldungen und Zeitungs-Enten bezeichnet. Es ging sogar soweit, dass in einigen Schulen und Jugendverbänden Enten gebastelt wurden, die die Kinder den Eltern auf das Radio stellen sollten.

1955 führte die DDR ein Strafverfahren gegen fünf Ostberliner Bürger, weil sie den RIAS mit Informationen versorgt hatten. Der Prozess endete mit hohen Haftstrafen und einem Todesurteil.

Natürlich entwickelte der RIAS auch einen umfangreichen Musik- und Kulturteil. Der Kammerchor und das Symphonie-Orchester, waren weit über Berlin hinaus bekannt. Später kam noch das RIAS-Tanzorchester dazu.

Günther Neumann wurde mit seinem Kabarett „Die Insulaner“ bundesweit bekannt. Die erste Sendung lief mitten in der Berliner Blockade am 25. Dezember 1948. Die Insulaner waren im RIAS 15 Jahre lang regelmäßig jeden Monat zu hören. Sie waren bei den Berlinern so beliebt, dass der Trümmerberg am Schöneberger Priesterweg  1951 nach ihnen benannt wurde.

Einer der ersten Mitarbeiter im RIAS Berlin war Hans Rosenthal. Er führte hier schon durch Quizsendungen, so wie er später im Fernsehen mit seinen Rate-Shows bekannt wurde. Im März 1965 führte er die Rate-Sendung „Das klingende Sonntagsrätsel“ ein. Dabei war sein Hintergedanke, über die Antwortpost zu erfahren, wie viele Zuhörer der RIAS in der DDR tatsächlich hatte. Zum Dank für sein vielseitiges Engagement für den Sender wurde 1993 der Platz vor dem RIAS-Haus nach ihm benannt.

1952 wurde ein zweiter Sender im Programm eingerichtet, der RIAS 2.
1988 stieg der RIAS ins Fernsehprogramm ein. Mit dem RIAS-TV initiierte er das erste Frühstücksfernsehen.

Nach dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung wurde das RIAS TV von der Deutschen Welle übernommen, der RIAS 2 wurde privatisiert, und RIAS 1 wurde vom Deutschlandradio übernommen. Die letzte Sendung des RIAS lief am 31.12.1993.

Was geblieben ist, ist das Geläut der Freiheitsglocke vom Schöneberger Rathaus und der Freiheitsschwur jeden Sonntagmittag um 12.00 Uhr, jetzt im Deutschlandradio Kultur.

Das Funkhaus an der Kufsteinerstraße steht heute unter Denkmalschutz und damit auch der weit sichtbare große Schriftzug „RIAS“ auf dem Gebäude.

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