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1.03.2020

Ein Wettbüro in Schöneberg

Von Christine Bitterwolf Berlin ist nicht nur die Hauptstadt von Deutschland, sondern auch die Hauptstadt der Sportwetten. Hier finden sich fast alle Buchmacher, die in der Bundesrepublik aktiv sind.

Eines von vielen. Allein drei davon in Schöneberg. Foto: Thomas Protz

Es gibt etwa ein halbes Dutzend große Wett-Anbieter, die ihre Geschäftsstellen natürlich auch in Berlin haben. Einzelne Buchmacher, die ganz persönlich ihre Wetten anbieten und die Quoten noch selbst  ausrechnen, sind nicht mehr zu finden.

Bereits 676 v. Chr, bei den alten Griechen, wurde gewettet. Bei den Olympischen Spielen wurden Geld und anderes Vermögen eingesetzt. Auch bei den Römern wurde im Circus Maximus auf den Sieger im Streitwagenrennen gewettet.

Heute noch wird meistens auf sportliche Ereignisse gewettet; entweder live und vor Ort, zum Beispiel direkt an der Trabrennbahn Mariendorf oder in einem Wettbüro. Viele Wettbüros sind mit Spielautomaten-Hallen verbunden. Der Wettanbieter Tipico hat allerdings auch Geschäftstellen, die nur Wetten anbieten, zum Beispiel in der Rheinstraße 56. Dort ist hinter weißverglasten Fenstern ein heller Raum in dem für Tipico typischen rot-weißen Stil eingerichtet. An den Wänden hängen reihenweise große Bildschirme, über die die Sportereignisse verfolgt werden können, darunter stehen Wett-Terminals, an denen der Kunde wie an einem Automaten seine Wette eingeben und seinen Wetteinsatz einwerfen kann. Hinten im Raum steht ein junger Mann hinter der Kasse und nimmt die persönlichen Wettscheine der Kunden an. In der Mitte des Raumes stehen weiße Tische mit Wett-zetteln und den Tages- und Wettprogrammen, die sämtliche Sportereignisse auflisten, auf die gewettet werden kann, mit dem Quotenschlüssel.

Tipico beschäftigt im Hintergrund zahlreiche Buchmacher, die auf Grund verschiedener Faktoren die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses berechnen. Da-nach werden die Quoten festgelegt.

Ein Wettbüro gilt rechtlich als Vergnügungsstätte. Für den Betrieb muss eine Erlaubnis vom Land Berlin vorliegen, entsprechend dem Glückspielstaatsvertrag. Tipico betreibt in Berlin über 40 Wettbüros, davon allein 3 in Schöneberg.
Es werden Sportwetten für mehr als 30 Sportarten angeboten. Zielgruppe sind Menschen, die Sportwetten als Freizeitangebot und Entertainment sehen und ihre Gewinnchancen und Verlustrisiken realistisch einschätzen können.
Der Mindesteinsatz beträgt 1 Euro auf Einzelwetten und 25 Cent auf Kombiwetten. Seit 2012 müssen Gewinne aus Glücksspielen und Wetten mit 5% versteuert werden. Beim Wetten im Tipico Shop wird die Steuer direkt einbehalten und an den Fiskus abgeführt.

Neben den Bargeld-Einsätzen bietet Tipico seinen Gästen auch eine Kundenkarte an. Auf diese Karte kann der Wetter Geld einzahlen, von der dann der Spieleinsatz jeweils abgebucht und auf die der Spielgewinn dann raufgebucht wird.  

Auch wenn Online-Wetten inzwischen zugelassen sind, setzt Tipico weiter schwerpunktmäßig auf das Wettgeschäft in Shops, wo sich häufig befreundete Wetter zusammenfinden, um ein Sportereignis gemeinsam zu verfolgen.

Interessant wäre es zu erfahren, wie sich der Kundenkreis in einem Wettbüro zusammensetzt. Sind es mehr weibliche oder mehr männliche Spieler? Sind es mehr junge Leute, die auf den großen Reichtum hoffen, oder mehr ältere Menschen, die ihre Rente aufbessern wollen? Sind die meisten Spieler Stammkunden oder lebt das Geschäft mehr von der Laufkundschaft? Hierzu hält sich Tipico jedoch mit Auskünften leider sehr zurück und äußert sich im Interesse seiner Kunden nicht zu deren Spielgewohnheiten und persönlichen Hintergründen.

Wetten, überhaupt Glückspiele mit Geldeinsatz, sind verpönt. Sie gelten auch heute noch bei vielen Menschen als unmoralisch. Das kommt natürlich daher, dass beim Wetten öfter Geld verloren wird als gewonnen. Man „verspielt“ Geld nicht, da-für ist es zu viel wert. Und wenn wirklich mal jemand viel Geld gewinnt, so wird auch das nicht geachtet, weil es nicht mit „ehrlicher“ Arbeit erworben wurde.
Das Spiel mit Geld kann zur Sucht werden. Der Spieler, der lange Verluste hinnehmen musste, spielt weiter, weil er auf einen baldigen Gewinn hofft. Der Spieler, der bereits mehrfach gewonnen hat, spielt weiter, weil er davon überzeugt ist, die Glückssträhne würde unendlich anhalten. Manchmal wurde ein ganzes Vermögen verspielt und die Familie ruiniert.

Schon im Mittelalter wurde versucht, das Glücksspiel zu verbieten. Aus Sicht der Kirche war es ein Spiel des Teufels. Aber auch vom englischen König Richard Löwenherz gab es im 12. Jahr-hundert einen Erlass, wonach man wenigstens ein Ritter sein musste, damit man um Geld würfeln durfte.
Und auch in heutiger Zeit ist der Staat um das Wohl seiner Bürger sehr besorgt. So hat das Landgericht in Köln 2011 entschieden, dass Hartz IV-Empfänger keine Sportwetten abschließen dürfen. Allerdings wurde dieses Urteil anschließend vom Oberlandesgericht wieder aufgehoben.
Also wird weiter darauf vertraut, dass jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Deshalb ist in dem Wettbüro an der Rheinstraße auch der Hinweis zu finden, dass Wetten süchtig machen kann. Es liegen Flyer aus mit Informationen, woran man Spiel-sucht erkennen kann und wo man sich Hilfe holen kann. Im Zweifelsfall kann tipico eine Spielersperre aussprechen. Daneben gibt es aber auch die Möglichkeit einer Selbstsperre zum eigenen Schutz, d.h. der Spieler kann den jeweiligen Geschäftsleiter bitten, ihn in seinem Geschäft zu sperren, falls er doch einmal beim Vorbeilaufen der Versuchung nicht widerstehen kann.
Der Wettanbieter Tipico wirbt mit dem Slogan „Das Risiko in sicheren Händen“.

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