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26.11.2013

Ein Urgestein des Nachbarschaftsheims

Man könnte ihn auch als Urgestein des Nachbarschaftsheims betiteln - nach mehr als 30 Jahren verabschiedet sich Jürgen Kipp zum Jahresende vom Vorstandsvorsitz des NBH.

Jürgen Kipp. Foto: Hartmut Becker

Die Schilderung der Anfänge macht ihm sichtlich Spaß, obwohl es eigentlich zu der damaligen Zeit nicht gerade witzig zuging, sondern eher chaotisch.  

1976 zog Familie Kipp in die Cranachstraße und suchte eine Betreuung für den kleinen Sohn Jan. Jürgen Kipp engagierte sich in der Bürgerinitiative „Aktion Spielraum“, eine der ersten Bürgerinitiativen überhaupt. Die hatte sich übrigens, neben der Kiezarbeit, auch (bereits damals schon!) Konzepte für die Umgestaltung des Dürerplatzes auf die Fahnen geschrieben. Den gemeinnützigen Verein Nachbarschaftsheim (NBH) gab es bereits, einige Aktive der BI waren sowohl Mitglieder als auch Mitarbeiter des Vereins. Das NBH unterhielt  in den Räumen Rembrandtstraße 8 / Menzelstraße 1 einen Seniorentreffpunkt und eine Kinderbetreuungsgruppe, der kleine Jan wurde 1977 dort angemeldet.

Es war keine Kita im heutigen Sinne, es ging unstrukturiert zu, Erziehung fand statt oder auch nicht. Ganz im Sinne der antiautoritären 70er. Die Erzieher kamen, oder kamen morgens nicht oder zu spät – ein Albtraum für berufstätige Eltern. Lebhaft in Erinnerung geblieben ist Jürgen Kipp Edith, sie war eigentlich nur fürs Putzen zuständig, aber immer da, und sie musste dann eben notfalls die Betreuung der Kleinen übernehmen.

Die BI und das NBH waren in der Zielsetzung Stadtteilarbeit zwar vereint, Mitgliederversammlungen wurden gemeinsam abgehalten. Aber bei der Umsetzung der Ideen haperte es gewaltig, bei den Versammlungen ging es turbulent bis chaotisch zu, das Verhältnis zwischen Mitgliedern der BI und Mitarbeitern und Vereinsmitgliedern des NBH war konfliktbeladen, der BI fehlte es an Struktur und Organisation, im NBH waren Ansätze sichtbar, die reichten aber für eine Weiterentwicklung nicht aus. Jürgen Kipp vermutete im NBH zumindest hoffnungsspendende Grundideen und wurde Mitglied. Anfang 1978 stellte der damalige Vorstandsvorsitzende des NBH, Klaus Martin Groth, ein Richterkollege von Kipp, Georg Zinner als Geschäftsführer des Vereins ein. Kipp und Zinner waren sich anfangs nicht besonders grün, das gipfelte 1981 in der Wahl zum neuen Vorstandsvorsitzenden, als Groth sich zurückzog: Er schlug als seinen Nachfolger Jürgen Kipp vor. Es wurde ein Lagerwahlkampf: Kipp vertrat (immer noch) die Interessen der BI, Zinner favorisierte die Gegenkandidatin. Jürgen Kipp gewann, Georg Zinner war „angefressen“ -  keine idealen Arbeitsbedingungen.

Kaum vorstellbar, lässt man heute die jahrzehntelange, konstruktive und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung und Vorstand Revue passieren.

Georg Zinner verordnete dem Verein nicht nur professionelle Arbeitsstrukturen, sondern entwickelte vor allem auch Visionen, konnte dafür auch Konzepte entwickeln und strategisch umsetzen. Jürgen Kipp gewann erste zaghafte Sympathien für ihn. Und  bei der ersten Vorstandssitzung revidierten beide, Kipp und Zinner, ihre gegenseitigen Vorurteile: Sie verfolgten dieselben Ziele, stellten sie fest. Es wurde der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit.
 
Eine Anekdote aus den ersten gemeinsamen Tagen, eine äußerst unangenehme Aktion: Ein Entschuldigungsbesuch bei der Senatsverwaltung für Jugend und Sport. Anlass war ein Vorfall in der vom NBH betriebenen Jugendetage: Eine Pinkelattacke aus den oberen Fenstern direkt auf die Gemüseauslagen des im Erdgeschoss befindlichen Lebensmittelgeschäftes. Nicht nur peinlich, es ging auch um Streichung von Fördergeldern. Aber, die beiden hatten Erfolg: Die Jugendetage wurde weiter subventioniert.

In den mehr als dreißig Jahren seiner ehrenamtlichen Arbeit als Vorstandvorsitzender kann Jürgen Kipp jetzt auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken: Das NBH hat sich mittlerweile auf die Größe eines mittelständischen Betriebs gesteigert, heute arbeiten rund 1.000 festangestellte Mitarbeiter und ca. 1.800 ehrenamtliche Mitarbeiter in den verschiedenen Einrichtungen des NBH. Aber das spiegelt nur den an Zahlen messbaren Erfolg. Seine Fähigkeit, in ausufernden Diskussionen einen Konsens zu erwirken, seine Herzenswärme und Mitmenschlichkeit haben die Vorstandsarbeit geprägt, er hat die Basis für die positive Entwicklung des NBH mit geschaffen und die Projekte unter seiner Verantwortung gefördert.

Jürgen Kipps Antwort auf die Frage zur Motivation für sein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement und die Bereitschaft zu der mit dem Vorstandsvorsitz verbundenen Verantwortung:  „Meine ehrenamtliche Tätigkeit habe ich nie als Opfer empfunden. Ich habe dabei viel gelernt und Freunde gewonnen. Gerade die stadtteilbezogene Arbeit halte ich gesellschaftspolitisch für besonders wichtig, hier wird nicht nur Lokalpolitik gemacht, vom kleinen Kiez gehen großen Ideen aus und prägen die Gesamtgesellschaft. “

Dem bleibt nichts hinzuzufügen außer: Lieber Jürgen Kipp, herzlichen Dank für Ihr großartiges Engagement!

Rita Maikowski

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