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29.04.2015

Ein Stück Autobahn

Der belgische Künstler Lodewijk Heylen baut im Schöneberger Hans-Baluschek-Park einen Meter Autobahn. Warum?

Zeichnung: Lodewijk Heylen

Foto: Arnd Moritz

Foto: Philipp Külker

Lieber Leser, kennen Sie den Hans-Baluschek-Park? Nein? Als ich mich auf den Weg dorthin machte, kannten ihn mindestens 23 Befragte und 1 Taxifahrer auch nicht. Aber der Priester-Pape-Park ist Ihnen ein Begriff? Sicher, denn so hieß der Hans-Baluschek-Park früher und liegt zwischen den S-Bahnhöfen Südkreuz und Priesterweg. Leicht zu erreichen vom Westausgang des S-Bahnhofes Südkreuz in Richtung Kleingartenkolonie. Der heutige Namensgeber des Parks war Maler und Schriftsteller der Berliner Secession, einer Künstlergruppe.

Wie dem auch sei, der bekannteste Park Berlins ist der Hans-Baluschek-Park sicher nicht. Aber vermutlich wird er es bald sein. So bekannt wie der verhüllte Reichstag von Christo und Jeanne-Claude, zum Beispiel. Denn der Park wird ein Stück Autobahn in sich aufnehmen und die Bauarbeiten beginnen Mitte April.

Doch: Es wird ein kurzes Stück Autobahn sein. Länge: ein Meter. Und das ist nicht der Anfang. Es wird sicher keine Protestbewegung geben! Denn es ist ein Projekt, das am 2. Mai der Öffentlichkeit im Rahmen einer Vernissage präsentiert wird.

Das Projekt heißt "Concrete Evidence: 1 m" und ist ein Kunstprojekt des belgischen Künstlers Lodewijk Heylen, der während seines Studiums in Belgien für ein Jahr am Institut für Kunst und Kontext der Universität der Künste Berlin studiert hat.

Der Eröffnungstermin von "Concrete Evidence: 1 m" fällt mit dem einhundertsiebzehnten Jahrestag der Gründung der Berliner Secession zusammen. Da mag ein Zusammenhang bestehen.

13 Millionen Meter ungefähr umfasst das gegenwärtige Bundesautobahnnetz. Einen davon reproduziert der Konzeptkünstler Lodewijk Heylen am Rande des Schöneberger Südgeländes auf freiem Feld des Hans-Baluschek-Parks.

Warum? Was hat sich der Künstler dabei gedacht?

In zweieinhalb Metern Abstand vom Rande des Gehweges wird das Kunstobjekt aus Asphalt und Beton seinen Betrachtern diese Fragen stellen, denn es wird sie beeindrucken mit seiner Länge der Autobahnbreite von 36 Metern und der genannten Breite von einem Meter.

Ja, beeindrucken. Ein Stück Autobahn. Auf der Wiese. Das alleine könnte schon Antwort sein, denn 13:000 Kilometer Autobahn tun es nicht. Und genau das ist das Ding Lodewijk Heylens.

Das menschengeschaffen Gigantische übersteigt mit seinen zeitlichen und räumlichen Maßen den Menschen selbst und löst technologische und intellektuelle Entwicklungen aus, die ihrerseits zeitliche und räumliche Veränderungen urbaner Landschaft bewirken und damit Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft beeinflussen.

Ein weites Feld für ein einzelnes Thema, das zudem auch politisch ist!  Zumal das Thema "Autobahn" ein architektonisch-politisches Thema in Deutschland schlechthin ist.
Der belgische Konzeptionist jedoch entzieht sich der Politik. Sein Projekt "Concrete Evidence: 1 m" wird ein wertneutrales Jahresangebot an den Betrachter sein, dem Spiel der Gedanken beim Betrachten eines archetypischen Stückes Autobahn den freien Lauf zu lassen, der beim Betrachten des Gesamten so erst gar nicht in Gang kommen würde.

Das "Gesamte", also das Autobahnnetz, ist ein wachsender Prozess, der immer wieder Eingriffe in die Umwelt fordert und dem Individuum ständiges Neudenken abverlangt. Lodewijk Heylen fokussiert das "Gesamte" auf einen einzelnen Meter. Und wer mehr erfahren möchte, sei auf die Homepage des Künstlers verwiesen. Zudem bemüht sich die Stadtteilzeitung um ein Interview mit Lodewijk Heylen. Kuratiert wird "Concrete Evidence: 1 m" von Frederiek Weda, und in Zusammenarbeit mit den Museen Tempelhof-Schöneberg wird es realisiert.

Lodewijk Heylen
"Concrete Evidence: 1 m"
Hans-Baluschek-Park
(öffentlich zugänglich)
03.05.2015 - 03.05.2016
Eröffnung 2. Mai 2015
www.ce1m.lodewijkheylen.be
ce1m(at)lodwijkheylen.be

Arnd Moritz

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