Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.08.2020

Ein Platz für die wilde Biene

Von Ottmar Fischer Wer weiß schon noch, woher die Bezeichnung Hundstage für die heiße Zeit im August eigentlich stammt? ... Wer kennt überhaupt noch die alte Bauernweisheit „Wenn der Mai ist kühl und nass, füllt‘s dem Bauern Scheun‘ und Fass?“ ...

Knautien-Sandbiene in der Wildbienen-Wiese in Schwedt. Foto: R.+H. Gille, NABU Schwedt

Kaum jemand. Vor dreitausend Jahren gehörte jedoch zum Standardwissen der alten Ägypter, dass der Sirius als der hellste Stern im Sternbild Hund ziemlich genau zu jenem heißen Zeitpunkt über dem Horizont aufging, zu dem im äthiopischen Hochland der unermessliche Monsunregen niederfällt und bis heute seine Fluten den Nil hinunter stürzt, sodass die dadurch  ausgelösten Überschwemmungen noch heute dem ägyptischen Tiefland zu jener Fruchtbarkeit verhelfen, die einst seinen Reichtum begründete und eine Jahr-tausende währende Kultur ermöglichte.

Doch während im alten Ägypten das Vorzeichen für die lebenspendende Wasserflut mit zeremoniellen Feierlichkeiten begrüßt wurde, nehmen wir naturabgewandten Großstädter es heute gelassen hin, dass die seit Jahren anhaltende Abwesenheit ausreichender Regenfälle auch dieses Jahr wieder zum Verlust von weit über 2.000 Stadtbäumen führen wird. Als ginge uns das gar nichts an. Nur eine kleine Minderheit folgt dem Aufruf der Stadtverwaltung zum Gießen der Straßenbäume vor der eigenen Haustür, um wenigstens das Schlimmste zu verhüten.

Wer kennt überhaupt noch die alte Bauernweisheit „Wenn der Mai ist kühl und nass, füllt‘s dem Bauern Scheun‘ und Fass?“ Und kann sich noch jemand an die darin besungenen und beschworenen, einst tagelang anhaltenden Landregen erinnern? Der dem Landleben entwöhnte Stadtbewohner unserer Zeit hat offenbar den Kontakt zur Herkunft von Speis und Trank ganz verloren. Dagegen war früher auch den nicht unmittelbar von der Landwirtschaft lebenden Einwohnern unserer Breiten stets bewusst, dass die ausgiebigen Regenfälle des Frühlings für jene durchnässten Böden sorgten, die nun mal die Grundlage des sommerlichen Pflanzenwachstums sind.

Der bequem gewordene Großstädter hat sich stattdessen den besorgten Blick des Landmanns zum Himmel abgewöhnt. Er glaubt sich sicher, mit einer leichten Drehung der Hand am häuslichen Wasserhahn jede beliebige Menge des kostbaren Nasses zu jeder beliebigen Zeit in jeder beliebigen Menge zur Verfügung zu haben. Doch täuschen wir uns nicht! Das Wasser kommt schließlich am Ende nicht aus der Leitung, sondern es fällt vom Himmel. Oder eben auch nicht. Und auch unsere Nahrung kommt nicht aus dem Kühlschrank oder vom Supermarkt, sondern am Ende aus unserer natürlichen Umgebung. Auch das scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Dabei ist sogar vor der städtischen Haustür zu erleben, wie Speis und Trank eigentlich durch das Zusammenspiel von Mensch und Natur entstehen, wobei den Kräften der Natur die bedeutendere Rolle zufällt.

An der Ecke Görresstraße des Friedrich-Wilhelm-Platzes hat die dort beheimatete Bürgerinitiative ein Stück wildwuchernder Natur geschaffen, das einen Einblick in dieses Zusammenwirken gewährt. Das dort aus duftendem Lavendel sowie weißen und roten Rosensträuchern bestehende Pflanzenreich kann natürlich nur überleben, wenn es ausreichend mit Wasser versorgt wird. Und da die diesjährigen Hundstage wieder mal die gewohnte Hitze, aber keinen Regen gebracht haben, ruhte die Wasserversorgung dieses Lavendelecks während der kritischen Jahreszeit besonders stark auf den Schultern der BI-Aktivisten. Erschwerend trat hinzu, dass mit der coronabedingten Schließung des direkt angrenzenden Hotels Klee auch die freundschaftlich bereitgestellte Wasseranschlussstelle ausgefallen war. Doch auch diese Schwierigkeit konnte überwunden werden. Nicht nur zur Freude der Pflanzen, sondern auch der in großer Zahl dort in hektischer Betriebsamkeit Nahrung suchenden Bienen. Und zwar der wilden Bienen, von denen manche in Kolonien siedeln, weitaus die meisten aber als Einzelgänger leben, und zu denen auch die Hummeln gehören.

Nun ist freilich der Lavendel eigentlich kein einheimisches Gewächs, sondern in den wärmeren Gegenden Südeuropas zuhause, vor allem in der südfranzösischen Provence. Und entsprechend ist er nur den Generalisten unter den einheimischen Nektarsammlern als Nahrungsquelle zugänglich. Es sind aber gerade die auf eine einzige Nahrungspflanze angewiesenen Spezialisten, die auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen. Sie sind es auch, die zum Erhalt der Artenvielfalt  den größten Beitrag leisten. Und gerade ihnen müsste daher auch die Hauptsorge der Stadtverwaltung gelten, wenn es darum geht, einen eigenen Beitrag zum Überleben der verschiedenen Bienenarten zu leisten. Denn sie sind als Pflanzenbestäuber letztlich auch die Garanten für unser eigenes Überleben.

Ein Bienenland entsteht

Und da ist nun erfreulicherweise auch am Friedrich-Wilhelm-Platz Land in Sicht, ein Stück Bienenland. Denn der Wettbewerbssieger für die Neugestaltung des verwahrlosten Platzes hat für einen gesonderten Bereich in der Nähe des U-Bahn-Eingangs an der Görresstraße eine Wildbienenwiese vorgesehen. Und dabei wird auf die sorgfältige Auswahl der Pflanzensamen besonderer Wert gelegt werden müssen. Denn unter den wilden Bienen gibt es nicht nur Generalisten und Spezialisten im Hinblick auf ihre Nahrungspflanzen, es gibt auch unterschiedliche Ansprüche an das Angebot von Nistmöglichkeiten. So gibt es unter den Wildbienen Arten, die im Boden nisten, andere bevorzugen Felsritzen, Mauerlücken oder Baumlöcher. Und es gibt sogar räuberisch lebende Arten, die sogenannten Kuckucksbienen. Deren Weibchen halten sich solange in der Nähe von Erdbienen auf, bis eine von ihnen die Beschickung ihrer Vorratskammer abgeschlossen hat. Noch bevor die Erdbiene den Zugang verschließt, legt die Kuckucksbiene ihr eigenes Ei in die Brutkammer, mit der Folge, dass die Larve der Kuckucksbiene alle Vorräte verspeist und die Larve der Erdbiene verhungert.

Das ist Natur pur. Und bei der Rückgewinnung von verlorenen Naturflächen, zur Wiederherstellung von Natur auch in städtischen Bereichen, kommt es gerade darauf an, auf Natur pur, wenn wir es ernst meinen mit unserem eigenen Überleben. Denn das hängt ab von einer intakten Artengemeinschaft sowohl in unserer ländlichen Umgebung als auch in geschützten Bereichen unserer Städte. Im brandenburgischen Schwedt ist ein beispielgebendes Projekt dieser Art zu besichtigen. Mitten im Stadtgebiet hat dort der NABU in Zusammenarbeit mit der Kommune unter fachwissenschaftlicher Anleitung eine artengerechte Wildblumenwiese angelegt.

Am Anfang stand die Erfassung der bereits vorhandenen Pflanzen, denn deren Verteilung erlaubt Rückschlüsse auf die Nährstoffverteilung im Boden, auf die unterschiedliche Feuchtigkeit und abweichende Kalkgehalte. Auch unter den Pflanzen gibt es schließlich Generalisten und Spezialisten. Auf einer Teilfläche wurde sodann der Boden abgefräst und eine an die Bodenverhältnisse angepasste Wildsamenmischung der darauf spezialisierten Firma „Wildsamen-Insel“ aus dem uckermärkischen Temmen ausgesät. Im Rahmen eines Kinder- und Jugendprojekts wurden Nistmöglichkeiten aus vorgebohrtem Totholz, aus Lehmwänden und Schilfrohr gefertigt. Und auf Stelltafeln wird seither auf die Schutzwürdigkeit dieser vor Ort zu beobachtenden Natur pur hingewiesen. Und es wird auf die Abhängigkeit der einzelnen Bienenarten von ihren jeweiligen Nahrungspflanzen aufmerksam gemacht. Denn das schärft das Bewusstsein für unsere eigene Abhängigkeit von einer intakten Artenvielfalt.

Der Erfolg dieser Maßnahme ist einzigartig. Mitten in der Stadt wachsen nun 42 Blütenpflanzenarten, und sogar 53 Wildbienenarten haben sich hier inzwischen angesiedelt, wovon 14 auf der Roten Liste stehen. Hoffen wir auf die nötige Einsicht bei den Verantwortlichen in unserer eigenen Kommune, damit auch auf der vorgesehenen Wildblumenwiese auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz ein derart reichhaltiges Naturschauspiel möglich wird. Auf Seiten der Bürgerschaft ist der Wille zur Unterstützung eines solchen Projekts jedenfalls vorhanden. Das hat schon die BI Friedrich Wilhelm Platz in den letzten Jahren eindrücklich unter Beweis gestellt.

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