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25.02.2014

Ein Musiker und Zeitzeuge aus Schöneberg

Es ist faszinierend, Coco Schumann zuzuhören. Der 89-jährige Musiker, der 1943 zuerst nach Theresienstadt, und ein Jahr später nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, sagt: „Ich jammere nicht, dass ich drin war, das ist nicht zu ändern – ich jubele, dass ich wieder rausgekommen bin.“

Coco Schumann am Schlagzeug in Theresienstadt, Bild aus dem NS-Propagandafilm von K. Gerron; Coco Schumann im Januar im Rathaus. Foto rechts von Hartmut Becker

Er erzählt von seinem Leben im Schöneberg der NS-Diktatur, und von dem, was als „kultureller Widerstand“ bezeichnet werden kann. Der Musiker widersetzte sich in seinem Alltag den strikten Gesetzen der Nationalsozialisten. Er ist ohne Stern in das Strandbad Wannsee gegangen, hat Ausgehsperren missachtet, und er hat Swing und Jazz, die unter dem NS-Regime als „undeutsch“ verbotene Musik, gespielt.

Die Musik hat ihm das Leben gerettet, sagt er. In vielen Konzentrationslagern gab es sogenannte Lagerorchester, die verschiedene Zwecke hatten. Der Klang der Musikanten sollte die Lebensbedingungen verharmlosen, daher wurde oft zu Ehren von SS-Größen oder ausländischen Besuchern gespielt. Manche, so wie Coco Schumann in Auschwitz-Birkenau, wurden am Eingang eines Lagers positioniert, um Panik und Unruhe unter den Neuankömmlingen entgegen zu wirken. Musik bot jedoch auch eine Flucht vor dem Alltag. Und neben dem psychischen, auch bedingt einen physischen Schutz – war eine Mitgliedschaft im Orchester doch eine zumindest zeitweise Absicherung gegen den willkürlichen Tod durch Gas.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges setzte Coco Schumann seine Musikkarriere weiter fort, sowohl im Orchester mit Helmut Zacharias als auch im Coco Schumann Quartett. Dabei spielte er unter anderem mit Marlene Dietrich in Berlin.

Coco Schumann sprach im Januar zur Eröffnung der diesjährigen Auflage der ständigen Ausstellung „Wir waren Nachbarn – Biografien jüdischer Zeitzeugen im Rathaus Schöneberg“. Für 2014 liegt der Fokus auf dem Ersten Weltkrieg. Es soll der Frage nachgegangen werden, welchen Einfluss der Krieg, der vor 100 Jahren begann, auf das Leben jüdischer Familien hatte. Ein Besuch lohnt sich daher selbst für diejenigen, die die Ausstellung schon einmal besucht haben. Zum Einen wurde die An-zahl der Porträts jüdischer Zeitgenossen erweitert, zum Beispiel um das von Coco Schumann. Darüber hinaus sind anlässlich des Themas kleine Vermerke an einige der Alben geheftet, die darauf hinweisen, dass der Erste Weltkrieg in der jeweiligen Lebensgeschichte eine Rolle gespielt hat.
 
Zuletzt soll hier auch auf den Termin am 14. Mai hingewiesen werden, an dem ab 18:00 Uhr Coco Schumanns neunzigster Geburtstag in seiner Anwesenheit im Rathaus Schöneberg gefeiert wird. Man sollte es sich nicht entgehen lassen, Coco Schumann zu begegnen und Zeuge seines Witzes und seiner Leidenschaft für die Musik zu werden.

Tania Röttger

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