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16.09.2013

Ein Haus mit bewegter Geschichte

Was verbindet hochberühmte Persönlichkeiten wie den Mediziner Johann Sigismund Elßholz, die Naturforscher Alexander von Humboldt und Peter Simon Pallas, die Botaniker Karl Ludwig Willdenow, Heinrich Friedrich Link, Alexander Braun, August Wilhelm Eichler und Adolf Engler, den Dichter und Weltreisenden Adelbert von Chamisso, den Naturschützer Hugo Conwentz, den Höhlenforscher Benno Wolf mit dem Maler und Kunstpädagogen Philipp Frank, dem Maler Albert Maennchen, den Architekten Bruno Paul, Paul Thoemer und Rudolf Mönnich, den Gartenarchitekten Albert Brodersen und Georg Pniower und der Pädagogin Lina Mayer-Kulenkampff?

Eingangshalle Kammergerichtsgebäude. Foto: Thomas Protz

Sie alle hinterließen Spuren und Wirkungen auf dem Areal einer Grundfläche in Berlin-Schöneberg, das 1911 am hundertsten Todestag des Dichters als Heinrich-von-Kleist-Park eingeweiht wurde. Mehr als einhundert Jahre befand sich hier zuvor der Königliche Botanische Garten. Als dieser nach Steglitz umzieht, wird zwischen August 1909 und Sommer 1913 am westlichen Rand des Parks der Neubau für das Königliche Kammergericht erstellt.

Am 18. September 1913 wird das Haus dem Kammergericht in einem feierlichen Festakt in Anwesenheit des Prinzen August-Wilhelm von Preußen sowie zahlreicher weiterer Ehrengäste übergeben, verbunden mit der Hoffnung, es möge ein unverrückbarer Tempel der beständigen Gerechtigkeit sein und von Gewalt und Unrecht verschont bleiben.

Mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wird diese Hoffnung zerstört. Das Gerichtsgebäude wird Schauplatz der Umwandlung Deutschlands in einen Unrechtsstaat. Katastrophaler Tiefpunkt in der hundertjährigen Chronik des Gebäudes: Im Plenarsaal des Kammergerichts finden einige der  Schauprozesse des Volksgerichtshofs unter dem Vorsitz Freislers gegen die Verschwörer des 20. Juli 1944 statt.

Wenig mehr als ein Jahr später erlebt derselbe Saal erneut Justizgeschichte. Die Anklagevertreter der Alliierten Siegermächte übergeben hier dem Internationalen Militärgerichtshof die Anklageschrift gegen die Hauptkriegsverbrecher, nachdem es zuvor gelungen ist, die kriegsvölkerrechtlichen Grundlagen für dieses strafrechtliche Vorgehen zu schaffen.

Zur selben Zeit haben General Eisenhower, Marschall Schukow, Feldmarschall Montgomery und General de Lattre-Tassigny ihre Büros im ersten Stock des Gebäudes bezogen. Gemeinsam bilden die vier Oberbefehlshaber den Alliierten Kontrollrat für Deutschland, der seinen Sitz im Kammergericht erhält. Als der sowjetische Vertreter Marschall Sokolowski am 20. März 1948 die Sitzung des Kontrollrates im Kammergerichtsgebäude verlässt, beginnt die heiße Phase des Kalten Krieges, die kurz darauf mit der sowjetischen Blockade der Verkehrswege nach Berlin einen ersten Höhepunkt erreicht. Der Kontrollrat stellt seine Arbeit ein. Zurück bleibt das Berlin Air Safety Centre. Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands steuert und überwacht es den Flugverkehr von und nach Berlin.

Am 3. September 1971 und am 3. Juni 1972 wird im Plenarsaal des Kammergerichts noch einmal Geschichte, sogar Weltgeschichte, geschrieben. Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges schließen hier das Vier-Mächte-Abkommen und unterzeichnen das Schlussprotokoll dazu. Eine wichtige Etappe in der Überwindung der Ost-West-Konfrontation ist damit erreicht.

Mit der Wiedervereinigung bekommt das Kammergericht sein Haus zurück. Zugleich erhält der Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin hier seinen Dienstsitz.

Jürgen Kipp


Anmerkung der Redaktion:
Aus Anlass des 100sten Geburtstages des Kammergerichtsgebäudes erscheint im September im Berliner Wissenschaftsverlag das Buch „Einhundert Jahre – Zur Geschichte eines Gebäudes 1913 - 2013“ (Umfang ca. 400 Seiten) von Jürgen Kipp (Präsident des OVG Berlin-Brandenburg a.D. und Vorstandsvorsitzender des Nachbarschaftheim Schöneberg). Das Buch zeichnet die Beziehungen und Verbindungslinien nach, die vom Königlichen Botanischen Garten und dem Heinrich-von-Kleist-Park in das Dienstgebäude des Kammergerichts reichen und beschreibt die wechselvolle und einzigartige Geschichte des Justizgebäudes in der Elßholzstraße am Kleistpark über einhundert Jahre.
Mail-Adresse des Verlags: bwv(at)bwv-verlag.de

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