Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

6.11.2021

Ein Haus, das fasziniert

Von Elfie Hartmann. Allein die künstlerische Gestaltung der Fassade dieses Hauses in Schöneberg ist imposant. Die auf glasiertem Klinker sowie Terrakotta angebrachte Kunst erkennt der aufmerksame Flaneur schon aus einiger Entfernung. Und manchmal sieht man sogar auch die ewig Eilenden unversehens innehalten.

Das besondere Eckhaus Goltzstraße Ecke Hohenstaufenstraße. Foto: Elfie Hartmann

Bis hinauf zum Dachsims sind vereinzelt Ornamente zu erkennen. Sie laden ein, näher zu kommen und langsamer zu gehen, um dann oft spontan zu verweilen. Und Dank der Kreuzung mit einer Ampelanlage ist es ohnehin unumgänglich, seinen Weg zu unterbrechen.

Das fünfstöckige Haus befindet sich an der Ecke Hohenstaufenstraße und Goltzstraße. Mehrere Male stand die Autorin schon dort, um die eigentliche Zielgebung des Tages kurzfristig und rigoros zu verwerfen und sich diesem Haus wiederholt erwartungsvoll zu nähern. Oft wurde dann neu zu interpretierende Symbolik entdeckt, die sich weiter zu erforschen lohnte oder auch nur zum Träumen einlud. Wie spannend kann eine Hausfassade sein? Und wer genau sollte denn da seit 1895, als gewisse Oppenheims nach Plänen von Richard Landé originalgetreue Abbilder der Köpfe von Berbern aus Terrakotta an der Hauswand anbringen ließen, so versteinert auf sein Umfeld schauen?

Schon der Eingang in der Goltzstraße mit dem reliefartigen Türschmuck lädt zum Rätseln ein. Zwei dem Barock ähnlich gestaltete Delfine scheinen einen Sockel auf ihren Schwanzspitzen regelrecht zu balancieren. Stilisierte Blätter einer Akanthuspflanze schmücken das gesamte Relief aus. Diese Blätter umranken einen kleinen Rahmen, in dem sich die Figur eines Sonnenanbeters niedergelassen zu haben scheint. Er wendet dem Betrachter jedoch wie abwehrend den Rücken zu. Darüber entspringt gleich einer Fontäne die geflügelte Herme. Eine Figur, an deren Flügelspitzen mit Kränzen umwundene Etagéren zu sehen sind. Oder stützen diese mit Früchten umrankten Säulen beidseitig ihre weiten Flügel? Imaginäre Sonnenstrahlen, ein Strahlenkranz gleich einer Krone auf ihrem Kopf verleihen der Gestalt etwas Geheimnisvolles. Genau so unnahbar wie anziehend wirkt ihr Blick auf einen aufmerksamen Betrachter, über den sie starr hinweg schaut. Sie ist eindeutig die Viktoria und scheint in die Unendlichkeit blicken zu können. Verschlüsselungen oder eigene Interpretationen findet man, wohin das Auge auch schweift. Selbst der Dachsims des Hauses ist mittig mit einem erdfarbenen, rosettenförmigen Ornament geschmückt, das die Balkone darunter an unsichtbaren Fäden wie eine filigrane Marionette zu halten scheint.

Die gesamte Front des fünfstöckigen Eckhauses besteht aus glasierten Klinkern, unterbrochen von einigen unbehandelten Ziegelsteinen. Selbst über den Simsen der Läden im Erdgeschoss wird der Betrachter kunstvoll angebrachte Symbolik entdecken können. In einer Reihe, angeordnet gleich einer Kette, sind die Kacheln versehen mit Blumenornamenten auf Halbkugeln. Sie werden jeweils unterbrochen von originalgetreu nachgebildeten männlichen Köpfen nordafrikanischen Ursprungs, durch ihre Kopfbedeckung erkennbar als Berber. Die Augen schauen ernst und unergründlich in die Ferne. Und als Gegenpol dazu könnten dann die milde lächelnden Gesichter als die Köpfe von Berberfrauen gedeutet werden, die jeweils mit einigem Abstand dazwischen angebracht sind und den Betrachter zum Fabulieren verleiten. Ist da aber auch ein wenig Spott in ihren Gesichtern zu erkennen? Einige Aussagekraft haben auf jeden Fall die vollen Lippen, die auf Lebensfreude und Sinnlichkeit hindeuten. Der reiche Kopfschmuck ist ebenfalls bemerkenswert. Er ist aus erdfarbenen Stoffbahnen kunstvoll gleich einem Kranz gewunden und wird mit dunklem Traubengehänge an den Seiten gehalten. Und immer wieder entdeckt man ein Rosenornament aus Terrakotta, eingebettet in eine Raute.

Bekannt ist, dass die Rose als Zeichen der Liebe zur Schöpfung das höchste Symbol der Freimaurer ist. Somit erschließt sich vielleicht auch die weitere am Haus künstlerisch umgesetzte Symbolik.

Die Schöneberger Buchhändlerin, Autorin und Verlegerin Susanne Twardawa (1952-2008) hat sich in ihrem Buch „Der Winterfeldtplatz in Berlin-Schöneberg“, motzbuch-edition 6, 2006, ausgiebig mit der Freimaurer-Symbolik an diesem Haus beschäftigt. „Im unbehauenen Stein sieht sich der Freimaurer selbst, dessen Lebenssinn ein lebenslanges Lernen beinhaltet“, schreibt Twardawa. Die Raute als Zeichen der Freimaurerei, die Kette als Symbol der Verbundenheit; die Strahlen der Sonne, die die Dunkelheit mit geistigem Licht erhellen; das Winkelmaß, das für Aufrichtigkeit, Geradheit und richtiges Handeln stehe, so Twardawa. „Die Rose ist als Zeichen der Liebe zur Schöpfung das höchste Symbol der Freimaurer.“

In allen Dekorelementen ist eine extrem sorgsame sowie zeitaufwändige Planung und Ausführung erkennbar. Die kunstvoll angeordneten geheimnisvoll anmutenden, Darstellungen an beiden Fassaden dieses Eckhauses in Schöneberg sind es, die so manchen davor verweilen und rätseln lässt ... So darf man ruhig und ohne Pathos dieses weithin sichtbare Eckhaus mit den ebenso kunstvoll gestalteten Einfassungen der Balkone zu einem der schönsten und bedeutungsvollsten, historischen Gebäude in Schöneberg zählen.

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden