Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

10.12.2020

Durstige Kehlen

Vor 100 Jahren: Aus dem Archiv Tempelhof-Schöneberg. Von Maria Schinnen.

Brennereigeräte. Foto privat

„Moonshine” heißt das Tarnwort, das in den USA für illegal gebrannten Schnaps verwendet wird. Es stammt aus der „Prohibitionszeit“ nach dem ersten Weltkrieg, während der das heimliche Brennen im großen Stil betrieben wurde. 1920 hatte das Land nämlich ein absolutes Alkoholverbot per Gesetz erlassen, um der vielen Alkoholiker Herr zu werden und sie auszunüchtern. Das gelang natürlich nicht, im Gegenteil: Widerstand und Erfindergeist wurden angeregt. Man brannte das begehrte Rauschmittel eben „schwarz“. Und damit das nicht aufflog, brannte man in der Nacht, also bei Mondschein und bevorzugte abgelegene Gegenden. Diese Kleinstbrennereien destillierten oft unfachgemäß, so dass der begehrte Stoff nicht selten größere Mengen Methanol enthielt, eine Substanz, die meist zum Tode führte. Tückisch ist nämlich, dass man die Vergiftung erst spät bemerkt. Zunächst stellt sich nur eine berauschende Wirkung ein. Über viele Stunden baut die Leber dann das Methanol ab, wobei Formaldehyd und Ameisensäure entstehen. Diese beiden Substanzen sammeln sich im Körper und es kommt zu einer gefährlichen Übersäuerung. Erst rund 24 Stunden später beginnen die Symptome: starke Übelkeit, Sehstörungen, Erblindung, Hirnschädigung, Zusammenbruch des Stoffwechsels, Organversagen, Tod. „Moonshine“ wurde für viele Amerikaner zum Sargnagel.

In Deutschland waren Herstellung und Genuss von Alkohol zwar nie verboten, doch wollte der Staat Handel und Konsum nach dem 1. Weltkrieg stärker kontrollieren. Deshalb trat am 1. Oktober 1919 das Branntweinmonopolgesetz in Kraft. Seither wurden Brennrechte nur noch eingeschränkt vergeben, meist an Landwirtschaftsbetriebe. Die maximale Brennmenge war pro Betrieb exakt festgelegt und das Gebrannte durfte nur an die Reichsmonopolverwaltung verkauft werden. Sie besaß eigene Verwertungsstellen, die das Hochprozentige mit hohen Steuern versahen und an Geschäfte und Apotheken verkauften. So schuf der Staat sich eine Goldgrube. Brennen ohne Brennrecht war seitdem nur noch für kleinste Mengen erlaubt und nur noch für die eigene Zunge. Doch ähnlich wie in den USA wurde der begehrte Stoff nun überall in Deutschland, auch in Berlin-Friedenau, hinter verschlossenen Türen heimlich produziert. Die Aufdeckung solcher „Schwarzbrennereien“ war für Polizei und Zoll äußerst schwierig. Der Friedenauer Lokalanzeiger griff daher zu einem brisanten Mittel. Im Dezember 1919 erschien folgender Artikel in den Ortsnachrichten:

Geheimküchen
Nicht die meine ich, wo noch insgeheim dicke Eisbeine, Erbsen und Sauerkraut, knuspriger Schweinebraten und dergleichen schöne Sachen zu haben sind. Nein die, wo zu nächtlicher Stunde bei verhängten Fenstern von ausländischen Köchen der deutsche Michel in der Bereitung des höllischen Tranks aus Brennspiritus, aber auch aus menschennahrungsnotwendigem Zucker, aus Marmelade, aus Melasse und sonstigen zuckerhaltigen Mitteln unterrichtet wird, während in den Parlamenten mit tausend Zungen beratschlagt wird, wie dem Volk geholfen werden könnte. In solcher geheimen Küche brodelt die Herdflamme, um das Wasserbad oder auch gleich den Kessel in die nötige Wärme zu bringen. Die Schatten der Söhne des fernen Ostens, Halb- und Ganzasiens, huschen geheimnisvoll an den Wänden entlang, und die Schattenspender greifen hurtig zu den Gefäßen um die Kochkessel von neuem zu füllen, wenn der beißende, zu Geist und wieder zu Körper verwandelte Trank den Geburtsort verlassen hat, wenn das methylhaltige, Erblindung und Tod bringende Gift fertig ist, um als „Bennabor“ oder „Bolschewiki“ auf die Gefoppten für teures Geld losgelassen zu werden. Draußen aber, vor verschlossenem Haustor ahnt der Grüne, der Zöllner nicht, er riecht es nicht, was drinnen vorgeht. Und die arme Hausfrau wundert sich, warum es keinen Zucker gibt, warum er so teuer ist, hintenherum für 12 Mark und darüber das Pfund, warum die Hefe nur für 5 Mark das Pfund heimlich gekauft werden kann, warum kein Brennspiritus zu haben ist, wo die Marmelade, der Kunsthonig bleibt!

Ihr, die ihr in den Häusern der Geheimküchen wohnt oder dort darum wisst, Ihr habt nicht den Mut euch selbst zu helfen und die geheimen Brennereien dem Hauptzollamt Berlin Mitte – Kleine Präsidentenstraße 7 – zu melden, obgleich ihr doch wisst, dass euer Name verschwiegen bleibt und ihr noch dazu, je nach Erfolg, Belohnungen erhaltet bis zu 1000 Mark und darüber für die Lösung der Preisaufgabe „Wo befinden sich Geheimküchen für Spiritus?“ Heran an die Lösung! Weihnachten naht, und Zucker, Hefe und Kunsthonig wachsen dem Festtisch zu.

Das Branntweinmonopolgesetz von 1919 wurde immer wieder neu gefasst, erstmalig 1922, letztmalig 2013. Insgesamt galt es fast 100 Jahre lang. Im Jahr 2018 wurde es abgeschafft, da die Bedingungen sich nicht mit EU-Recht vereinbaren ließen. Seither ist das private Brennen auch kleiner Mengen Schnaps verboten.

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