Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

27.08.2011 / Projekte und Initiativen

DIESMAL ANDERS, ABER WIE IMMER

Die Wunderwaffe dieses Wahlkampfes ist anscheinend der Wowimat. Dies ist der von seinen Anhängern gern Wowi gerufene Regierende höchstselbst als Wahlwerber für sich und seine Partei. Auf Riesenstellschildern reicht er mal Oma die Hand, mal darf ihm ein Kind seine Handpuppe ins Gesicht halten. Der Wowimat versteht einfach all unsere Wünsche. Und das bringt Stimmen.
Foto: Hartmut Becker

Dabei schien im Berliner Wahlkampf bereits alles gelaufen. Das Stimmungshoch für die Grünen hatte die frühere Friedenauerin Renate Künast zur Kandidatur gegen den früheren Tempelhofer Stadtrat Wowereit getragen. Und dem wurde bereits die sichere Niederlage vorausgesagt. Denn seine Partei rangierte in Umfragen zeitweilig sogar auf dem dritten Platz. Inzwischen sieht es aber wieder ganz anders aus. Nun hängen die Grünen im Stimmungstief, und Wowi tingelt als siegesgewisser Strahlemann durch die Bezirke. Und jetzt das: Im grünenden Wahlkampf der Grünen ging was schief.

EIN GRÜNES EIGENTOR

Die Grünen hatten mit Hilfe der Werbeagenturen newthinking und nest die Kampagne „Mitsprachestadt“ gestartet: Interessierte können online Probleme benennen, die behoben werden sollten. Und die erste Aktion funktionierte dann so:

Ein Interessierter meldet einen Unfallschwerpunkt für Radfahrer an der Schönhauser Allee. Einige Tage später kommt der Beschwerdeführer mit Renate Künast sowie der grünen Abgeordneten und dem grünen Stadtrat des Bezirks zusammen, und alles wird dann mitsamt Foto im Facebook-Album der Mitmachstadt vorgestellt.

Darauf meldet sich ein weiterer Interessierter und teilt mit, dass es ähnlich Schlimmes auch in der Potsdamer Straße gäbe. Man möge also hier bitte ebenfalls vorbeikommen. Darauf die Antwort der Grünen: „Es gibt in Berlin leider viel zu viele solcher Stellen. Es wird deshalb leider nicht möglich sein, jede fahrradunfreundliche Straße zu besichtigen. Mach doch einfach eine Aufgabe aus deiner Unzufriedenheit, dann erhältst du auf jeden Fall eine Antwort (und vielleicht auch einen Besuch):
<link http: gruene-berlin.de da-müssen-wir-ran external-link-new-window externen link in einem neuen>gruene-berlin.de/da-müssen-wir-ran.

Übrigens heißt der interessierte Bürger von der Schönhauser Allee Andreas Gebhard und ist Geschäftsführer der Werbeagentur newthinking, die die Kampagne erfunden hat. Veröffentlicht hat diese Geschichte mit weiteren, mittlerweile über zwanzig Einlassungen der Betroffenen und von Kommentatoren, Sebastian Koch unter: <link http: sebastiank.info blog von-der-schwierigkeit-eines-online-wahlkampfes external-link-new-window externen link in einem neuen>sebastiank.info/blog/2011/08/09/von-der-schwierigkeit-eines-online-wahlkampfes/


ONLINE IST IN MODE

Bereits im Frühjahr hatte die CDU die Berliner aufgefordert, über das Internet sowohl Probleme aufzuzeigen als auch Lösungen vorzuschlagen, die dann in das aktuelle Wahlprogramm eingearbeitet werden sollten. Der parteieigene Kanal cdu.tv meldete prompt 1000 Vorschläge.
Auch die SPD forscht im Internet nach Ideen und antwortet auf Fragen und Kritik. Zwar hat der sozialdemokratische Spitzenkandidat auf Facebook noch etwa ein Fünftel weniger Fans als seine grüne Herausforderin. Dafür führt seine Partei in den Umfragewerten vor den Grünen mit knapp 10%.

Die Linkspartei meint trotz angebotener Mitmach-Tools, dass die Kommunikation mit den Wählern nicht unbedingt auf öffentlichen Plattformen stattfinden muss. Ihr Online-Wahlkampfmanager sagt: „Die schreiben uns sowieso Mails, wenn sie etwas interessiert.“

Die FDP schließlich konzentriert sich laut eigener Aussage lieber auf den traditionellen Plakatwahlkampf, obwohl es natürlich auch einen Internetauftritt gibt. So kann man etwa gelb auf weiß zu dem vermutlich ewigen Schulthema lesen: „Wir würden auch beim Fußball die Idee einer Einheitsliga doof finden“.

Wer lieber das persönliche Gespräch mit dem Kandidaten sucht, der findet die Friedenauer Wahlkreisbewerber auf dem Breslauer Platz zur samstäglichen Marktzeit, manchmal auch in Begleitung eines der Bürgermeisterkandidaten für den Bezirk.

Wer aber Werbeaussagen gleich welcher Art misstraut, der greife zu einer guten Zeitung, denn dort ergreifen nicht die Akteure, sondern die Beobachter das Wort. Mit anderen Worten: Gehen Sie also nicht wegen, sondern trotz der Wahlwerbung zur Wahl!

Ottmar Fischer

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