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22.12.2018

„Dieses Haus hat Zukunft!“

Wieder einmal gibt es Grund, sich mit dem Kleinen Theater am Südwestkorso zu beschäftigen.

Miss Daisy wird überredet. Foto: Kleines Theater

Die Stadtteilzeitung hat zum erstenmal 2003 anlässlich des 30jährigen Bestehens über das Kleine Theater am Südwestkorso berichtet, ein weiteresmal im Oktober 2005, als der Hausherr Pierre Badan, ein Schweizer Autor und Regisseur, alle Berlinerinnen und Berliner zu einem Tag der offenen Tür einlud. Der Senat hatte die öffentliche Förderung für diese Spielstätte ab 2007 streichen wollen, die Pierre Badan seinen Besuchern und künftigen Fans des Theaters noch einmal vorstellen wollte, um ihnen den drohenden Verlust vor Augen zu führen. Schließlich gelang es der Bezirkspolitik, eine Halbierung der Zuschüsse statt der vollständigen Streichung zu erreichen.

Als das Kleine Theater 1973 eröffnet wurde, prophezeite der bekannte Film- und Theaterkritiker Friedrich Luft: Dieses Haus hat Zukunft! Und er behielt Recht: Pierre Badan und seine Partnerin Sabine Fromm bespielten das Haus gemeinsam, nach dem Tod von Sabine Fromm Badan allein, insgesamt 30 Jahre. Der Kampf um die Zuschüsse hatte seine Kräfte erschöpft und das Ende seiner Laufbahn als Theaterleiter eingeläutet.

Seit März 2006 hat die Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin Karin Bares die Künstlerische Leitung und Geschäftsführung des Kleinen Theaters am Südwestkorso übernommen, mindestens einmal im Jahr inszeniert sie selbst am Haus. Im Januar 2019 wird sie ihr Dreizehnjähriges feiern. Ihr Ziel war es, das Theater „zu einem kleinen, exquisiten Schauspielertheater hinzuführen, in dem feinsinnig-gratwandernde Stücke ihre Berliner Erstaufführung erleben.“ Finanziert wird das Theater mit seinen 99 Plätzen zum großen Teil vom Senat über die sogenannte Konzeptförderung; alle vier Jahre wird entschieden, ob und wie es weitergeht.

Im Rückblick sagt sie heute: „Ich bin sehr froh, dass diese Berliner Traditionsbühne, die sich ja nun bereits im 45. Jahr befindet, erhalten geblieben ist.“ Über 130.000 Zuschauer haben das Theater in den vergangenen 12 Jahren besucht, die Vorstellungen sind voll, was Frau Bares auf das gefragte, klare Konzept der Bühne zurück-führt. Das Spielplanmotto lautet „Biografien“. „Wir sprechen in unserem Konzept auch von 'Lebenswegen/Lebensbrüchen', in denen Figuren auf ihrem Weg an einer Kreuzung stehen und durch Umbruchsituationen gehen.“ Es gehe nie um eine Nacherzählung, sondern immer um den Menschen in seiner Zeit und in seiner Gesellschaft. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind alle Stücke auf dem Spielplan Berliner Erstaufführungen oder sogar Uraufführungen.

Die Zuschauer kommen aus der ganzen Stadt nach Friedenau, aber auch aus dem westlichen und südlichen Umland, ergänzt durch viele Touristen, die im persönlichen Gespräch vor und nach der Vorstellung oft sagen, dass sie sich bei ihren Berlinbesuchen immer wieder auf diesen besonderen Ort freuen.

„Miss Daisy und ihr Chauffeur“
Am 2. November hatte nun die vielen schon durch den Film mit Morgan Freeman und Jessica Tandy bekannte Tragikomödie „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ ihre Berliner Premiere als Theaterstück unter der Regie von Pierre Sanoussi-Bliss im Kleinen Theater am Südwestkorso. Im Original heißt das Stück “Driving Miss Daisy“, was man im Deutschen nicht so kurz auf den Punkt gebracht ausdrücken kann. So entstand der etwas umständliche, wenig charismatische Titel „Miss Daisy und ihr Chauffeur“.

Als die 72jährige Witwe eines reichen jüdischen Textilfabrikanten einmal mehr einen Unfall mit ihrem Luxusauto verursacht hatte und die Versicherung den Vertrag nicht mehr verlängern wollte, bestand ihr Sohn gegen ihren Willen darauf, einen Chauffeur zu engagieren, den sie in der ersten Zeit konsequent ignorierte oder abschätzig behandelte. Dem nicht viel jüngeren Hoke, einem farbigen Mann aus Atlanta, Georgia, gelingt es mit humorvoller Gelassenheit, mit der Zeit ihr Vertrauen zu gewinnen. Er ist geduldig, ruhig  und setzt sich auf die Dauer durch. Sie lassen sich aufeinander ein und verbringen 25 Jahre miteinander, bis Miss Daisy mit 97 Jahren dement wird und von ihrem Sohn in ein Heim gebracht wird.

Das Drei-Personen-Stück – Miss Daisy (Ute Lubosch), Hoke (Pierre Sanoussi-Bliss) und Boolie, Miss Daisys Sohn (Matthias Freihof) – wird in seinem Spiel auf der kleinen Bühne unterstützt durch ein ausgeklügeltes Bühnenbild, das auf der einen Seite mit einem bequemen Sessel das Haus von Miss Daisy andeutet, auf der anderen Seite weisen zwei Autositze darauf hin, dass man sich nun unterwegs in der Stadt befindet. Gelegentlich taucht noch der Schreibtisch in Boolies Büro auf, an dem er seine Geschäfte abwickelt. Ein ganzes Leben kann man mit diesen Requisiten beschreiben. Der mittlerweile 85jährige Hoke wird am Ende von Boolie überredet, Miss Daisy im Heim zu besuchen, wo sie ihn für einen Moment zu erkennen scheint und als ihren besten Freund bezeichnet. Ein anrührender Moment, mit dem ein langes gemeinsames Leben zuende geht. Lebhafter Beifall für eine lebendige Inszenierung und ein einfühlsames Spiel.

Sigrid Wiegand