Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

28.03.2014

Diese alte Geschichte

Am Karfreitag ist die Johannespassion in der Kirche Zum Guten Hirten am Friedrich-Wilhelm-Platz zu hören.

Bach-Bild aus dem Jahre 1746 von Elias Gottlob Haußmann, Bachhaus Eisenach.

Vom Sprachkünstler Karl Kraus stammt der Satz: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner schaut es zurück.“ Gemeint ist nicht nur die lange Entstehungsgeschichte der einzelnen Wörter und Sprachen, sondern Sprache überhaupt, ja sogar deren Vorgeschichte rückt noch in den Blick. Und je länger man darauf blickt, desto klarer wird auch unsere Abhängigkeit von unserer Sichtweise. Denn unsere Kenntnis von der Welt hängt davon ab, wie wir sie in einzelnen Portionen „kenn-zeichnen“, also zum Zwecke des Erkennens, Merkens und Wiedergebens „zeichnen“, und wie wir diese Zeichen miteinander verknüpfen, zu Sätzen und Schlussfolgerungen. Demnach verändern wir die Welt mit unserer Vorstellung von ihr, ohne es zu bemerken. Entsprechend schwierig kann das mit der Verständigung werden. Da ist es schon mal hilfreich, wenn wir wenigstens die gleiche Sprache sprechen.

Unsere Menschen-Welt ist aber zugleich voll von Erscheinungen, die sich die Lückenhaftigkeit unserer „Wahr-nehmungen“ von der Welt für ganz besondere Zwecke zunutze machen. Man denke nur an die Werbebotschaften der politischen Akteure zum Zwecke des Machtzuwachses oder die der Warenhersteller zum Zwecke der Gewinnerhöhung. Wer sich aber nicht dazu überreden lassen mag, dass die unaufhörlich lächelnden Werbebotschaften dieser Welt die ganze Wahrheit enthalten, der wird nicht aufhören, nach dem verschwiegenen Rest zu suchen. Doch er wird beschwerliche Wege auf sich nehmen müssen, denn die lächelnde Unterschlagung der ganzen Wahrheit lauert überall. Sie hat ihren festen Platz nicht nur in der Kunst der Tönungen, sondern sogar in der Kunst der Töne, von der wir doch gewohnheitsmäßig annehmen, sie müsse unsere eigene Sicht und nicht die unserer Manipulatoren meinen.
Wenn es deutlich wird
Der Musik-Denker Theodor W. Adorno benannte als das entscheidende Merkmal für ein manipulationsbefreites Kunstwerk der Töne die darin hörbar werdende „Gewalt, mit der die kompositorische Intention einen Hohlraum sprengt“. Diese Sprengkraft gilt nicht nur der bequemen Hohlheit bei der von uns selbst inszenierten Wunscherfüllung, sondern mehr noch den hohlen Konventionen und ihrer Kontrolle durch die Mächtigen dieser Welt. Ärger ist also vorprogrammiert, nicht wenn es zu laut, sondern wenn es zu deutlich wird.

Das bekam auch Johann Sebastian Bach zu spüren, als er seine  sensationelle Vertonung der Leidensgeschichte des Jesus von Nazareth nach dem eher lichtvollen Johannes-Evangelium im Jahre 1724 in Leipzig zur Uraufführung brachte. Neben vielen Zuhörern empfand auch die Obrigkeit diese Musik als Provokation. Hier wurde nicht mehr einfach eine gebotene Sicht auf ein fernes Geschehen verlautbart. Hier wurde mit musikalischen Mitteln zum eigenen Erleben existenzieller Not aufgefordert, wodurch sich die eigene Lebenswirklichkeit als Parallele zum geschilderten Geschehen erschloss.

Möglich war dies geworden, weil Bach selbst die Begegnung mit dem existenziellen Kern dieser Leidensgeschichte gesucht hatte. So konnte er aus seiner eigenen Bewegtheit heraus jene Hohlräume sprengende geistige Gewalt entfalten, von der sich die Bequemen und Mächtigen gleichermaßen getroffen fühlen. Dazu war die Erfindung einer ganz eigenen Musiksprache erforderlich. Bach löste das Geschehen fast opernhaft in dramatisch bewegte Szenen auf. Einem Erzähler werden Akteure an die Seite gestellt, die in Arien wiedergeben, wovon ihre Zeugenschaft erfüllt ist. Chöre schildern all jene Gefühle des Staunens, Erschreckens und der Anteilnahme, zu denen wir Menschen fähig sind. Denn es geht um Liebe, Zuneigung und Vertrauen, aber auch um Verrat und Verleumdung. Es geht um diese rätselhafte Opferbereitschaft, um Not und Pein in Grenzsituationen, um Standfestigkeit und Treue auch in der Qual. Und wir spüren die ganze Zeit dankbar: Dies ist kein Werbespot und kein Verkaufsgespräch, hier glitzert kein Show-Business und es gibt auch keine Siegerehrung.

Glücklicherweise können wir Heutigen uns nun endlich auch ein zuverlässigeres Bild vom tatsächlichen Aussehen des Komponisten machen, denn es ist ein Pastell-Porträt von ihm aufgetaucht, dessen Spur sich bis zum ersten Bach-Biographen zurückverfolgen lässt und das der Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel in einem Brief erwähnt. An diesem Bilde fällt das kräftige Kinn mit einem  Nussknacker-Unterbiss auf. Es zeigt gleichsam im körperlichen Spiegel jene von Adorno berufene Gewaltfähigkeit zur Sprengung fest etablierter Hohlräume. Interessierte können dieses Bild noch den ganzen April über im Berliner Dom in Augenschein nehmen, bevor es dann seinen Platz im Bachhaus Eisenach einnimmt.

Zu hören ist die Johannespassion am Karfreitag in der Kirche Zum Guten Hirten am Friedrich-Wilhelm-Platz. Dann wird das Neue Barockorchester Berlin die bewährte Friedenauer Kantorei auf historischen Instrumenten begleiten. Und wieder zeigt sich, dass die Ferne gerade durch größere Nähe sichtbar wird, wie Karl Kraus feststellte. Denn es ist der distanzierende Klang der historischen Instrumente, der unsere zeitgenössischen Hörgewohnheiten zerbricht. Indem wir versuchen, dem Original nahe zu sein, entfernen wir uns von allem, worin wir uns bequem eingerichtet haben, und zugleich von dem, was uns die lächelnden Herrscher der Welt zuteilen wollen.

Am Rande einer Chorprobe hatte ich Gelegenheit mit dem Dirigenten Gerhard Löffler zu sprechen. „Wir versuchen hier, einen transparenten und an der Sprache orientierten Chorklang zu entwickeln“, sagt er. Und man sieht ihm während der Probe an, dass es ihm ernst damit ist. Jugendlich erhebt er sich auf einer Welle des geistigen Sehens weit über das Klavier in den Raum des kreisrunden Chors hinein, wie eine aus dem Wellental wieder in die Höhe strebende Galionsfigur eines mit kostbarer Fracht gefüllten Schiffes, erfasst den geforderten Takt und lenkt ihn mit kreisenden Bewegungen und die darin aufbewahrten Töne mit der geschlossenen Faust, bevor er sie zufrieden wieder öffnet, während der Wohlklang des Erreichten den Raum erfüllt. „Es ist das erste Mal, dass wir bei einer Aufführung von historischen Instrumenten begleitet werden. Die verwendeten Darmsaiten der Instrumente erzeugen einen viel weicheren Klang, darauf müssen wir achten“, sagt er. Ich stelle fest, die Sänger und Sängerinnen achten auch auf alles andere, was er an Hinweisen gibt und bin mir deswegen sicher, dass uns ein musikalisches Ereignis der Sonderklasse bevorsteht. Für kommende Aufgaben  sind übrigens weitere Sänger und Sängerinnen willkommen.

Ottmar Fischer

Karfreitag, 18.4.2014, 19.30 Uhr
Zum Guten Hirten
Neues Barockorchester Berlin
Friedenauer Kantorei
Dirigent Gerhard Löffler
Eintritt: 20,-/15,-/10,-€ (erm. 17,-/12,-/7,-€)

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