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31.01.2017

Die zerbrochene Kaffeekanne

Die Kaiser’s-Märkte in Schöneberg gehen an Edeka.

Kaiser’s am Nollendorfplatz. Hier wurde das Aus für Kaiser’s unter den Nachbarn viel diskutiert. Foto: Thomas Protz

Kaiser's Kaffee Geschäft in Spandau. Aufn.: Illus-Kemlein 1947-48. Von Bundesarchiv, Bild 183-2005-0728-525 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Nach über zweijährigem Todeskampf ist nun das Ende der lächelnden Kaisers-Kaffeekanne ein-getreten. Doch bleiben alle noch bestehenden Berliner Filialen erhalten, je zur Hälfte unter der Flagge von Edeka oder Rewe. Im Verbreitungsgebiet dieser Zeitung gehen alle Läden an Edeka, denn das Bundeskartellamt hatte diskret darauf hingewiesen, dass hier andernfalls ein Marktübergewicht von Rewe entstehen könnte. Überhaupt sah die Wettbewerbsbehörde der Aufteilung der Kaisers-Märkte unter die beiden Größten im Lebensmittel-Einzelhandel nur mit Schmerzen zu. Wegen einer drohenden Marktübermacht hatte sie ja auch den kompletten Verkauf an den Marktführer Edeka untersagt, was dann Wirtschaftsminister Gabriel durch seine Ministererlaubnis auszuhebeln versuchte, und was wiederum Konkurrent Rewe zur Klage beim Oberlandesgericht Düsseldorf veranlasste. Und nachdem das Gericht den Zusammenschluss dann erst einmal untersagt hatte, setzte ein beispielloses Konferieren zwischen den Konkurrenten ein, die Gewerkschaft Verdi mischte mit und wieder der Wirtschaftsminister, wozu in der heißen Phase auch noch Ex-Kanzler Schröder als Vermittler hinzugezogen wurde. Schließlich wurde der Streit um die Beute ja auch vor dem Hintergrund der Tatsache ausgefochten, dass schon jetzt die großen Vier Edeka, Rewe, Aldi und Lidl zusammen 85% des deutschen Lebensmitteleinzelhandels beherrschen. Aber selbst der Rücktritt des Präsidenten der Kartellbehörde vermochte den Einigungswillen der Akteure aus Wirtschaft, Gewerkschaft und Politik nicht mehr aufzuhalten.

Zum 1. Januar ist nun das Verhandlungsergebnis wirksam geworden. Laut Edeka-Zentrale beginnt die Umstellung noch im Januar mit dem IT-Bereich, denn Kassen und Waagen müssen an das Edeka-System angepasst werden. Im fliegenden Wechsel kommt es dann zur Umstellung des Warensortiments, indem nach dem Abverkauf der Kaisers-Waren die entstehenden Lücken durch das Edeka-Sortiment aufgefüllt werden, was eine gewaltige Herausforderung für Disponenten und Logistiker werden dürfte. Und als Schluss dieser bis Mai andauernden Übergangsphase folgt dann noch die Umstellung in der Außendarstellung: Die freundliche Kaffee-Kanne kommt ins Museum der Einzelhandelsgeschichte. Da lohnt ein Blick zurück an den Anfang.

Am Anfang war die Bohne
Nach der Reichsgründung 1871, und zeitgleich mit der Entstehungszeit Friedenaus, setzte ein allgemeiner Aufschwung ein, der auch im Nahrungsmittelbereich zu großen Veränderungen führte. Beruhte bis dahin die Versorgung mit Lebensmitteln meist noch auf eigenem Gartenanbau und eigener Herstellung, oder erfolgte über Bauernmärkte, wie in Friedenau bis zur Jahrhundertwende auf dem Lautermarkt (heute: Breslauer Platz), so entstanden nun auch neuartige „Kolonialwaren“-Geschäfte, die interessante Waren jenseits des gewohnten Spektrums anboten. Dazu gehörte auch Kaffee, der damals seinen bis heute anhaltenden Siegeslauf als betörende Duftnote ferner Welten für immer größere Verbraucherschichten antrat. Und an dessen Anfang standen unternehmerisch denkende Aktivisten wie Josef Kaiser.

Der im Alter von 18 Jahren in das elterliche Kolonialwarengeschäft in Viersen eingetretene Jungkaufmann zog ab 1880 im Wechsel mit anderen Familienangehörigen von Haus zu Haus, um von seinem Karren aus neben anderen Waren auch Kaffeebohnen zu verkaufen, die dann von den Hausfrauen auf dem Herd gebrannt wurden. Da das nicht immer im gleichen Maße gelang, wie sich leicht vorstellen lässt, nahm Josef Kaiser diese Hinweise mit nach Hause und kam dabei auf die bahnbrechende Idee, die risikobehaftete Behandlung der gelben Bohnen in die eigenen Hände zu nehmen. Nach vielen Versuchen gelang ihm schließlich die Herstellung eines Gerätes zum gleichmäßigen Brennen der Bohnen. Eine riesige Marktchance tat sich auf, und Kaiser wusste sie zu nutzen. Er bot zum gerösteten Kaffee bald Dauergebäck und Süßes aus eigener Herstellung an. Und so konnte das als „Dampf-Kaffee-Rösterei von Hermann Kaiser“ firmierende Unternehmen bereits 1885 für den Betrieb von zwei mit Gasmotoren betriebenen Rösttrommeln erstmals einen Angestellten einstellen. Gleichzeitig wurden die ersten drei Filialen in Duisburg, Essen und Bochum eröffnet, und 1887 erfolgte bereits die Eröffnung einer Zweigniederlassung in Berlin, was der bald auch hier lächelnden Kaffeekanne zum Durchbruch verhalf.

Das Grundkonzept eines überschaubaren Sortiments in guter Standardqualität wurde zu einem unglaublichen Erfolg, zu dem Zehntausende von Verkäuferinnen in ihren einheitlich blauen Kitteln mit den auf allerhöchste Anweisung hin täglich gewaschenen weißen Kragen über all die Jahre maßgeblich beitrugen. Als Dank entstanden noch im Kaiserreich betriebliche Unterstützungs- und Altersversorgungskassen, eine eigene Sparkasse sowie eine „Julie-Kaiser-Stiftung“ für Wöchnerinnen. Aber der fürsorgliche Blick des Unternehmens richtete sich auch auf das Umfeld: Im Inflationsjahr 1921 stiftete das Unternehmen jeder Gemeinde mit einer Kaisers-Filiale 1000 Mark für die Armenkasse, und während der Weltwirtschaftskrise 1931/32 gab es für jede Filiale eine Lebensmittelspende von 50 Pfund.

Zwei Jahre nach dem Tod des Firmengründers (1950) entstand dann der erste Selbstbedienungsladen und mit ihm der Beginn einer neuen Zeit mit neuen Herausforderungen. Der verschärft einsetzende Konkurrenzkampf unter den neuen Wettbewerbsbedingungen als Vollsortimenter führte schnell zu ersten Zusammenschlüssen. Und so musste das Unternehmen im Jahre 1971 einer Übernahme durch die Tengelmann GmbH zustimmen. Gleichwohl blieb die Kaisers-Kanne in den angestammten Läden erhalten, ja zugunsten eines einheitlichen Marktauftritts wurde sie sogar auf den gesamten Norden ausgedehnt. Doch trotz zahlreicher Initiativen mit Zukäufen und Teilverkäufen, mit Umstellungen und Verschlankungen, ist es dem Unternehmen am Ende nicht gelungen, sich neben den vier Marktführern zu behaupten. Vielleicht verschwindet die Kaffeekanne aber doch nicht ganz: Es wird noch über eine Verwendung nachgedacht.

Ottmar Fischer

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