Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

22.12.2019

Die wilde Eiche und der Waschbär

An so einige tierische Nachbarn haben wir uns ja schon gewöhnt, hier mitten in Friedenau.

Foto: Rita Maikowski

Etwa an „unseren“ Fuchs, der gemächlich hinter uns hertrottet, wenn wir tatsächlich mal spät abends nach Hause kommen. In den Hinterhofgärten verschwindet er dann. Wo mag er wohnen? Oder die quirligen Eichhörnchen, die uns sommers beim Frühstück auf dem Balkon Gesellschaft leisten, halsbrecherisch übers Dach toben und an den Weinranken der Hauswände turnen. Jetzt im Herbst verstecken sie ihre Beutenüsse in den Blumenkästen. Die Vogelpopulation: Eichelhäher, deren Warnruf durch Mark und Bein dringt, die sich aber stimmlich auch zu virtuosen Leistungen aufschwingen können. Das Taubenpärchen, jedes Jahr nistet es in dem Knick der Dachregenrinne, gurrt was das Zeug hält und verteidigt den Nachwuchs vehement gegen die Krähen, die ebenfalls seit Jahren zu unserer gefiederten Nachbarschaft gehören. Neuerdings klopft auch ein Specht mit wachsender Begeisterung emsig und laut die Bäume nach Leckereien ab. Amseln, Spatzen, Rotkehlchen und Finken baden im Garten in dort bereitgestellten kleinen „Pools“ und haben dabei einen Mordsspass.

Und alle (natürlich bis auf den Fuchs) haben die beiden uralten, gewaltigen Eichen im Nachbargarten zu ihrem Spiel-, Kampf- und Balzplatz erkoren. Im Frühling ist das ein gewaltiges Spektakel, aber selbst jetzt im Herbst ist noch so einiges los. Klar, Erntezeit – da gibt es teilweise wieder Zoff. Soweit so gut – Naturalltag im Kiez.

Gar nicht alltäglich war das ohrenbetäubende Gekreische, das uns eines Morgens im Frühsommer bei Tagesanbruch weckte. „Unser“ Krähenpaar, das seit Jahren in der Nachbareiche nistet und auch in diesem Jahr wieder fürsorglich den Nachwuchs fütterte und hütete, war außer Rand und Band. Aufgeschreckt suchten wir nach dem Grund des Aufruhrs, es war wirklich kein normales Verhalten der schwarzen Rabenvögel – es klang alarmierend und dauerte an. Die Kräheneltern umflogen immer wieder die gewaltige Krone der Eiche, stürzten sich zwischen die Äste und drehten dann wieder ab. Es musste etwas geben, dass sie so beunruhigte. Vom Fenster aus entdeckten wir in den Ästen der schon belaubten Eiche zunächst nichts und frühstückten erst mal zu ungewohnt früher Stunde. Der Lärm hielt an. Irgendetwas musste passiert sein. Mittlerweile waren wir ebenfalls nicht mehr so ganz entspannt. Wir postierten uns auf dem Balkon (im dritten Stock!) und scannten noch einmal akribisch die Eiche. Und Bingo: In der großen Astgabel direkt vor uns hing: Ein Waschbär. Kopfüber, die Hinterbeine und der Schwanz auf unserer Seite. Ein Waschbär! In unserer Eiche! Kein Wunder, dass die Kräheneltern, deren belebtes Nest unweit dieser Bedrohung angesiedelt war, so in Panik waren.
Nachdem wir den Grund für das Getöse kannten, verfolgten wir gespannt das weitere Geschehen. Jetzt sahen wir auch, dass das Krähenpaar abwechselnd Schnabelangriffe auf das Hinterteil des kleinen Bären flog. Sturzflug zwischen die Äste, Gekreische, ein versuchter Pick und wieder weg. Absolut faszinierend. Es war schon schwierig zu entscheiden, wem denn nun unsere Sympathie gelten sollte: Dem attackierten putzigen Eindringling oder den um ihren Nachwuchs besorgten Vögeln. Letztendlich war das auch egal, eine Einmischung unsererseits schied ja aus.

Aber unsere Neugier war geweckt und wir machten uns über den Baumbesetzer schlau. Der Waschbär (Procyron lotor) gehört zur Familie der Kleinbären, ist ursprünglich in Nordamerika beheimatet, mittlerweile aber als invasive Tierart (Neozoen) auch in Europa weit verbreitet. Einige Exemplare entwichen aus Pelztierfarmen, die bis Mitte des 20ten Jahrhunderts auch Waschbären züchteten, oder sie wurden ausgesetzt. Die Waschbärenpopulation in Deutschland wird mittlerweile auf weit über eine Million geschätzt. Eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, dass die Ansiedlung in Deutschland auf lediglich zwei Waschbärenpaare zurückgeführt wird. Ausgesetzt am 12.4.1934 am hessischen Edersee, mit Genehmigung des Preußischen Landesjagdamts „zur Bereicherung der heimischen Fauna“.  Nun ja, diese Einschätzung hat sich seit längerem ins Gegenteil verkehrt. Mittlerweile gelten Waschbären, die in Europa kaum natürliche Feinde haben, als Bedrohung der heimischen Biodiversität. Dezimiert werden die Invasoren hierzulande hauptsächlich durch die Jagd, die Saison 2017/18 verzeichnete offiziell mehr als 172.000 erlegte Tiere. Die kleinen Raubtiere sind nachtaktiv und können nicht sehr gut sehen, insofern finden viele von ihnen auch ihr Ende bei Verkehrsunfällen.

Ihre Lieblingsschlafplätze sind Baumhöhlen in alten Eichen (!), die verstädterten Exemplare machen es sich ebenso in Garagen, Gartenhäuschen und Dachböden gemütlich. Und dort können sie ein ziemliches Chaos anrichten. Vertreibung hilft selten, da sie über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügen und zurückkommen. Am besten man trifft vorbeugende Maßnahmen, um die „Einnistung“ zu verhindern, z.B. Klettermöglichkeiten auf Dächer und zu Bodenluken entfernen.
Auch Mülltonnen finden die Allesfresser interessant, sie bieten genug Verwertbares.

Der Luftkrieg in unserer Eiche hielt noch den ganzen Tag an. Bei Einbruch der Dunkelheit war der Bär verschwunden, und wir haben ihn seitdem auch nicht mehr gesehen. Kein Wunder, einen gemütlichen Schlafplatz stellt er sich sicherlich anders vor.

Rita Maikowski

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