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06.02.2022 / Gewerbe im Kiez

Die Ukraine - Nährboden der Inspiration

Von Cornélia Schmidmayr & Eva Schenk. Seit mehreren Wochen zieht die Ukraine die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Grund dafür ist das Wiederaufflammen der Spannungen im Osten des Landes.
Yuri Sivrin, Mädchen (2017), Acrylgemälde auf Leinwand, 1,90m x 1,40m

Auch wenn die politische Lage seit 2014 instabil bleibt, ist es bedauerlich, wenn die gegenwärtigen Ereignisse – so beunruhigend sie auch sein mögen – uns davon abhalten, einen anderen Blick auf dieses boomende Land zu werfen. Auf dem Gebiet der visuellen Kunst, der Street Art, der Musik, des Designs, der Mode hat die Ukraine eine Fülle an außergewöhnlichen kulturellen Orten zu bieten, an begabten Künstlern und Gestaltern, die darauf brennen, ihren europäischen Nachbarn ein anderes Bild ihres Landes zu zeigen. Gemeinsam errichten sie im Osten Europas ein dynamisches kulturelles Zentrum, auf das sich die anderen Europäer unbedingt stützen sollten, um solide Grundfesten für einen künftigen kulturellen Austausch zu legen.

In dieser Eigenschaft kommt den Deutschen und den Berlinern – bekannt durch ihre Offenheit, ihre Neugier und ihre Hinwendung zu Osteuropa – eine ganz besondere Rolle zu bei der Festigung einer kulturellen Brücke zwischen zwei Metropolen, die sich gleichen, aber auch zwischen zwei Regionen desselben Kontinents, die kulturell noch viel voneinander lernen können.

Die ukrainische Kultur und die Ukraine im Allgemeinen waren nicht immer so weit von der kulturellen und künstlerischen Szene entfernt, wie sie es heute zu sein scheinen. Die Ukraine war ein Nährboden der Inspiration und hat zahlreiche Künstler hervorgebracht. Voltaire lässt seine Leser durch die ukrainischen Steppen reisen (in Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden). Hauptsächlich durch dieses Werk – 1731 veröffentlicht – ist die Ukraine in der westeuropäischen Kultur aufgetaucht. Man kann vor allem die Legende des Kosakenreiters Masepa zitieren, der den englischen Romantiker Lord  Byron Anfang des 19. Jahrhunderts inspiriert hat und eine Reihe von literarischen, bildlichen oder musikalischen romantischen Werken in ganz Europa hervorgebracht hat.

Ebenfalls im 19. Jahrhundert lässt sich der berühmte französische Schriftsteller Honoré de Balzac in der Ukraine nieder. 1894 geht mit dem in Ostgalizien geborenen Joseph Roth einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller aus ihr hervor. Roths Lebenslauf gleicht dem anderer großer europäischer Literaten sehr, wie dem des 1857 in Berdytschiw geborenen Joseph Conrad, oder Paul Celans, geboren 1920 in Czernowitz. War die Ukraine bis 1991 an verschiedene politische Einheiten gebunden, in denen sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte ethnische, kulturelle, und religiöse Einflüsse von großer Verschiedenheit vermischt haben (Kosaken, Mongolen, Tataren, Osmanen, Polen, Litauer, Russen; römisch-katholisch, griechisch-katholisch, orthodox, muslimisch, jüdisch), ist es gerade die Vielfalt dieser Einflüsse, die ihre Kultur heute so faszinierend macht.

Vor allem um die Wende zum 20. Jahrhundert beginnt die ukrainische Kunst die europäische Kunst nachhaltig zu bereichern, im europäischen Kontext der Modernität mit ihrer Hauptstadt Paris. In weniger als 20 Jahren, ab 1870–1880, findet in den beiden Teilen der Ukraine, die zu dem Zeitpunkt unter der Herrschaft Österreich-Ungarns im Westen und Russlands im Osten stehen, eine Metamorphose des künstlerischen Ausdrucks statt. An deren Ursprung stehen die politischen und sozialen Umwälzungen, die zum Teil die Krise des Akademismus und die Geburt neuer Kunstströmungen erklären: Die Bewegung der Realisten mit Ilija Repin als aktivem Mitglied  wendet sich ab 1870  sozialen Fragen zu, ehe sie das Feld den Experimenten des Impressionismus und der Secession überlässt. Noch einen Schritt weiter geht im Anschluss daran die Avantgarde-Bewegung  mit ihrem Streben nach radikaler Transformation. Nur wenige wissen, dass das Geburtsland von Ilja Repin, Kasimir Malewitsch, Mychajlo Bojtschuk, Sonja Delaunay und Alexander Archipenko die Ukraine ist. Sie alle sind aufgewachsen im Kontakt mit der ukrainischen Kultur und haben mit Ausnahme von Repin und Delaunay ihre Abschlüsse in Kiew, Odessa oder Lemberg erhalten.

Seit der Pariser Schule und Avantgarde-Bewegung hat sich die ukrainische Kunst weiter angereichert. Das ganze 20. Jahrhundert über sind zahlreiche Strömungen und Schulen entstanden, haben sich durchgesetzt oder aber sind von anderen überlagert worden. Die ukrainische Kunstszene wird dominiert von jungen, dynamischen und gut ausgebildeten Künstlern. Auch wenn sie  in Kiew konzentriert ist, so gibt es doch im ganzen Land Ateliers, besonders in Odessa, Lemberg oder Charkiw. Was die ukrainische Kunstszene auszeichnet, ist gerade die Fähigkeit, tabula rasa zu machen, Regeln zu brechen, zu experimentieren, Wagnisse einzugehen, kurz: innovativ zu sein.

Sich für die ukrainische künstlerische Szene zu interessieren, bedeutet, eine Nation zu entdecken, in der jede Generation eine Hungersnot, einen Krieg, eine schwere Krise, oder eine Revolution erlebt hat, und deren Kunstgeschichtsschreibung auch jetzt erst noch im Entstehen ist. Es bedeutet auch, zu begreifen, dass die ukrainischen Künstler mit ihrer sich laufend erneuernden Kreativität und ihrem Erfindergeist in gleichem Maße den Strom der europäischen und internationalen Kunst nähren, wie es all ihre anderen europäischen Kollegen tun.

Eine Entdeckungsreise bietet die neue ArtEast Gallery, die im September in Friedenau eröffnet wurde (www.arteastgallery-bk.com). Zur Zeit werden Bilder der ukrainischen Fotografin Viktoria Sorochinski gezeigt. Ausstellungen und Reisen in die Ukraine können ein erster Schritt zum Kennenlernen dieses spannenden Landes sein.

ArtEast Gallery Berlin Kyiv,
Goßlerstr. 1, 12161 Berlin
Tel. +49 1520 5826249
Öffnungszeiten: Di. & Do. 16-19 Uhr / Freitag 10-18 Uhr

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