Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

26.11.2014

Die Stimme seines Herrn

Was ist denn das, was hat uns die edition Friedenauer Brücke denn diesesmal beschert? Ein etwas blasiert blickender Hundewelpe auf dem Cover des neuen Buches: ist das nicht der Hund, den man schon vor hundert Jahren vor dem Grammophon der Stimme seines Herrn lauschen hörte?

Foto aus dem Titel des Buches „Jack“. Atelier Benade, Kassel

Dieser Jack Russell, wie die aus England stammende Rasse heißt, nachdem sich die führenden Hundezüchtervereine endlich darauf geeinigt hatten, diesem ehemaligen „Gebrauchshund“ den Rassestatus zuzubilligen?

Jack war der langjährige Familienhund bei Evelyn Weissberg und Hermann Ebling, und die Liebe zu diesem Tier war es auch, die Evelyn Weissberg dazu veranlasst hat, die vielen historischen Fotografien und Abbildungen, die sie im Laufe der Jahre von dieser Rasse gesammelt hatten, aufgestockt mit Leihgaben in einem wunderschönen Bildband herauszubringen, der folgerichtig JACK genannt ist.

Ein Buch nur mit Hundefotos? Ist das nicht etwas eintönig? Weit gefehlt! Die vielfachen Begabungen und Talente dieser Rasse haben dazu geführt, dass sie nahezu überall einsetzbar ist. Ehe dieser Terrierhund überhaupt einem gemeinsamen Ursprung zugeordnet wurde, stach er schon hervor als Tausendsassa auf allen Gebieten. Er konnte jagen und Tiere aus ihrem Bau heraustreiben, jagte Ratten in den Schützengräben des ersten Weltkriegs und war Kamerad der Soldaten an allen Fronten; er machte Zirkuskunststücke und war Kosehund niedlicher kleiner Mädchen. Man nahm ihn mit auf Reisen und bildete ihn auf Glückwunschkarten, Oblaten und Glanzbildern ab, machte Witzchen und Karikaturen, und nahezu jedes Fotoatelier schien einen Jack Russell in der Hinterhand zu haben, um Familienporträts mit ihm aufzuhübschen. Quer durch alle Schichten war er beliebt: königliche Familien ließen sich ebenso mit ihm ablichten wie Bürger- und Arbeiterfamilien, und so bietet diese Sammlung von Hundebildern einen kulturgeschichtlichen Überblick über gesellschaftliche Gepflogenheiten, Vorlieben, Moden des ausgehenden neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts: Die Hüte! Die Frisuren! Die Posen!

Und erst die Hunde! Stolz blicken sie in die Kamera im Kreis ihrer Familie, machen „Männchen“, tollen als Welpen herum, kuscheln sich in die Arme liebender Verehrer, thronen auf Polstermöbeln, lassen sich liebkosen. Einer sitzt elegant und gelassen neben seinem in der gleichen Haltung posierenden Herrn Prinz August Wilhelm von Preußen, und auf Schloss Balmoral stehlen sie gleich im Dreierpack Queen Victoria die Show. Auch Renée Sintenis hatte ihren Foxl, der gleichfalls zur Familie der Terrier gehört, hervorgegangen aus den anfänglichen mannigfachen Züchtungen je nach Bedarf. Bei uns war er der Modehund der dreißiger und vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Kein Ort, an dem er nicht anzutreffen war, man kam nicht an ihm vorbei.

All das spiegelt sich in den Bildern dieses Buches wieder. Man betrachtet sie mit Spaß und Interesse, freut sich über seine Gelehrigkeit, lässt sich Geschichten erzählen. Fotogen war und ist er allemal – mit Kindern wie mit Dandys und Familien. Der Hund für alle Fälle!  

Ein hübsches Buch hat Evelyn Weissberg uns da beschert, sorgfältig hergestellt, wie alle Bücher der edition Friedenauer Brücke, über 500 Abbildungen auf 240 Seiten schönem Kunstdruckpapier, fadengeheftet, mit Lesebändchen: ein Prachtband für jede Bibliothek und jeden Gabentisch!

Sigrid Wiegand


Jack
Ein kleines Album für einen großartigen Hund
ed. Friedenauer Brücke, 2014
Euro 32.-

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