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02.12.2023 / Orte und Plätze

Die schweigenden Toten

Von Ottmar Fischer. Wenn auch der Oktober infolge der Klimaerwärmung erst in seinem  letzten Viertel die gewohnt vergoldete Richtung eingeschlagen hat, so bleibt doch der November wohl auch diesmal wieder seinem grau verhangenen Trauerkleid treu. Dies ist traditionell der Monat des Totengedenkens.
Kriegsgräber auf dem Mariendorfer Heidefriedhof. Foto: Kathrin Vogel

Und eingebettet in die Trauer um die verstorbenen Angehörigen gibt es, davon abgehoben durch staatsoffizielle Gedenkfeiern, den besonderen Volkstrauertag, der dem Erinnern an die durch staatliche Gewaltmittel ums Leben gekommenen Mitmenschen gewidmet ist, es seien dies nun Soldaten oder Zivilisten. Das war nach dem Ersten Weltkrieg noch anders, weil damals vor allem die Landstriche zwischen den Flüssen Marne und Somme in Frankreich von der Kriegsfurie heimgesucht worden waren und das deutsche Militär zum Waffenstillstand bereit war, noch bevor die Kriegszerstörungen deutschen Boden erreichen konnten. Im Zweiten Weltkrieg gelang es dem deutschen Militär aber nicht, den Volksverführer Hitler daran zu hindern, Deutschland als Trümmerwüste zu hinterlassen. Deswegen wird auch in diesem Jahr wieder mit einer feierlichen Kranzniederlegung auf dem Mariendorfer Heidefriedhof durch den Bezirksbürgermeister und den BVV-Vorsteher der gefallenen Soldaten und der zivilen Opfer gleichermaßen gedacht. Im letzten Kriegsjahr kamen hierzulande mehr Menschen ums Leben als in den vorangegangenen fünf Kriegsjahren zusammen, was dem Umstand geschuldet ist, dass kaum eine Stadt kampflos aufgegeben worden war. Auch Berlin nicht. Die vermehrten Opferzahlen machten zunehmend Notbestattungen erforderlich, auch um die Seuchengefahr abzuwenden. So wurden im Umfeld der zu Reservelazaretten umfunktionierten Krankenhäuser St. Josef und Wenckebach Massenbestattungen durchgeführt, weil die Friedhöfe bereits überbelegt waren. Als zu Beginn der fünfziger Jahre die Trümmerbeseitigung und der städtische Neuaufbau in Schwung kamen, stellte sich auch die Frage nach einem ehrenvollen Umgang mit den Opfern der Kriegshandlungen. Die 250 und 350 Toten aus den Notgräbern im Umfeld der beiden Lazarette wurden 1952 in Einzelgräber mit Namensnennung auf den ein Jahr zuvor fertiggestellten Mariendorfer Heidefriedhof umgebettet, der unweit des alten Dorfkerns nach Plänen des Architekten Kynast in einen Landschaftspark eingefügt wurde. Alle aufgrund der Kriegsumstände nicht mehr identifizierbaren Toten wurden in einem Sammelgrab beigesetzt, das mit einem 9,5m hohen Holzkreuz versehen wurde, was somit einer Haushöhe entspricht.

Haushoch das Elend
Und in der Tat wurden dadurch nicht nur die Berge von Leichen anschaulich symbolisiert und die Trauer um ihren gewaltsamen Tod bekundet, sondern auch die Schuld derjenigen weithin sichtbar gemacht und angeklagt, die dieses Elend über die Stadt, das Land und die Menschheit gebracht haben, so himmelschreiend wie des Kreuzes Höhe. Der Schock über dieses unfassbare Geschehen sitzt auch heute noch tief im Bewusstsein der Bevölkerung, obgleich immer weniger Zeitzeugen noch davon berichten können. Es wird Generationen brauchen, bis wir uns davon erholt haben werden. Umso bedeutender ist unsere Haltung zu dem neuesten Kriegsverbrecher einzuschätzen. Wieder hat ein Gewaltverherrlicher sich mit viel List und Heimtücke die Macht über ein ganzes Land erschlichen und droht es in den Abgrund zu führen. Gnadenlos nutzt er die erlangte Macht zu einem Überfall auf ein Nachbarland, ohne dessen Einverleibung er sein durch Größenwahn definiertes Wohl nicht glaubt sicherstellen zu können.

Noch nie haben die Deutschen zu irgendeinem Zweck so viele Spendengelder überwiesen wie zur Unterstützung der Ukraine in ihrem Freiheitskampf gegen den Gewaltherrscher Putin. Endlos ist die Liste der Hilfsorganisationen und Ehrenamtlichen, die ihre Kraft für die notleidende Bevölkerung der Ukraine einsetzen. Dazu gehören auch Initiativen in Friedenau und Schöneberg. Und auch die staatliche Solidarität ermüdet nicht, sondern umfasst inzwischen auch die Lieferung von Waffensystemen, die der Ukraine dabei helfen können, die militärischen Nachschublinien der russischen Invasoren derart empfindlich zu treffen, dass sie sich aus der Ukraine zurückziehen müssen. Die militärische Schwäche der russischen Armee verleitet den Staatsterroristen Putin zwar dazu, die ukrainische Zivilbevölkerung mit Bomben und Raketen in Angst und Schrecken zu versetzen, doch hat selbst der infernalische Angriff auf die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser, Strom und Wärme, auf Schulen, Krankenhäuser und Kirchen, den Freiheitswillen der notleidenden Bevölkerung nicht ins Wanken gebracht.

Dank der Unterstützung des vereinten Westens für die Ukraine wird der russische Angriffswille am Ende infolge der Erschöpfung seiner Kräfte zusammenbrechen. Und dann wird die russische Bevölkerung vor der Frage stehen, ob der Größenwahn eines ehemaligen Geheimdienstoffiziers all die gebrachten Opfer aufwiegen kann. Und dann wird es auch in Russland ein trauerndes Gedenken geben, das nicht mehr die fantasierte Staatsgröße, sondern das leidende Individuum in den Mittelpunkt stellt. Vor ziemlich genau hundert Jahren wurde auf dem Friedenauer Perelsplatz das erste Kriegerdenkmal Berlins nach den Leiden des Ersten Weltkriegs eingeweiht. Der in Feldgrau zu den Versammelten sprechende Pfarrer Förtsch fand damals neben dem Bedauern über die verschwundene nationale Größe auch Worte des Mitgefühls: „Eine ganze Flut von Gedanken und Erinnerungen stürmt auf uns ein. Klagen und Anklagen, Fragen und Rätsel, Hohes und Tiefes, Freud und Leid, und unsere Lippen möchten überströmen von dem, was uns das Herz bewegt. Aber aus diesem wogenden Hin und Her löst sich ernst und feierlich der Zug der Toten. Und in ehrerbietigem Schweigen stehen wir still vor den Gefallenen des Weltkriegs. All das Brausen und Staunen und Fragen und Klagen verstummt. Wir grüßen heute unsere Toten!“