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12.09.2021

Die Rheinstraße – mehr als man glaubt

Von Sigrid Wiegand. Dass die Rheinstraße die Achse von Friedenau ist, darüber haben wir uns ja schon öfter ausgelassen; aber dass sie ein Teilstück der Bundesstraße 1 bildet, die von der niederländischen Grenze bei Aachen bis zur polnischen Grenze bei Küstrin führt, hat selbst eine alte Friedenauerin mit masurischen Wurzeln wie mich erstaunt.

Foto: Thomas Thieme

Meine masurische Großmutter Jette hatte es Anfang des 20. Jahrhunderts in ihren jungen Jahren von Lyck, der Hauptstadt Masurens, nach Berlin verschlagen. Ihre Herkunft hat mich als Kind im Krieg in ihre Heimat Masuren zu Verwandten geführt, um den Bomben in Berlin zu entgehen. Küstrin ist mir also als Bahnstation seit der Kindheit bekannt, wir haben sie oft auf unseren Reisen zur ostpreußischen Verwandtschaft auch vor dem Krieg passiert. Und als wir vor einigen Jahren mit dem Auto nach Masuren und von dort zur Kurischen Nehrung gefahren waren, sind wir direkt durch die Stadt gekommen, die nun bis zur polnischen Grenze im Küstriner Vorland Kostrzyn heißt.
Dieses Teilstück der B1 hört nun nicht in Küstrin auf, sondern führt weiter bis nach Eydtkuhnen an der ehemaligen deutsch-litauischen Grenze und war die längste je existierende deutsche Straße.
Unsere kleine Rheinstraße! Wer hätte das gedacht. Sie betritt an der Glienicker Brücke Berliner Boden und heißt hier Potsdamer Chaussee. Ich bin dort in den Tagen der Maueröffnung mit meinen beiden damals noch kleineren Enkelsöhnen hingefahren, um ihnen zu zeigen, wo ihre Großmutter, also ich, als Kind im Paddelboot mit ihren Eltern unter der Brücke hindurchgefahren gefahren war. In der Mitte der Brücke wurden wir von einem Volkspolizisten angehalten, der uns nicht nach Potsdam lassen wollte. Nun, sagte ich mit Westberliner Respektlosigkeit, wir kommen morgen wieder, dann ist der Spuk mit euch hier vorbei. Dann nahmen wir uns ein Stück der dortigen eingeschlagenen Mauer mit und zogen ab. Dieses Stück Mauer muss noch irgendwo bei mir rumliegen, wer weiß, wo. Wenn meine Familie einmal meine Wohnung ausräumen wird, werden sie sich über dieses Mauerstück wundern: „Was hat sie denn hier für eine Klamotte aufgehoben?“ Viel-leicht erinnert sich einer der beiden Enkel von damals, nunmehr gestandene Männer, daran.

Von der Glienicker Brücke aus führt die B1 als Königstraße bis zum Kronprinzessinenweg, unterquert die Brücke der Wannseebahn und führt als Potsdamer Chaussee durch Nikolassee und Schlachtensee bis zu der Stelle, wo die Wannseebahn sie zwischen Mexikoplatz und Zehlendorf überquert. Ab hier heißt sie bis zur Kreuzung Clayallee/ Teltower Damm Potsdamer Straße, von da an Berliner Straße bis zur Kreuzung Thielallee/Dahlemer Weg. Dort wird sie zu Unter den Eichen, führt am Botanischen Garten vorbei und heißt ab hier Schloßstraße, benannt nach dem Gutshaus, das dort lag und wie ein Schloß wirkte und später zum Schloßparktheater wurde. Die  Schloßstraße wurde zur lebhaften Geschäftsstraße, wie wir sie kennen, und führt diesen Namen bis zum Walther-Schreiber-Platz. Ab hier heißt sie Rheinstraße.
Die Rheinstraße als Glied in einer langen Kette! Bis zum 2. Weltkrieg eine lebhafte Geschäftsstraße, wurde ihr nach Kriegsende der Rang von der Schloßstraße abgelaufen, in den Dreißigern eher eine verschlafene Vorstadtstraße. Hier entstanden nach Kriegsende die Warenhäuser Wertheim und Karstadt, Peek und Cloppenburg und Leineweber eröffneten ihre Konfektionshäuser, und alle zogen sie die Käufermassen an. Hier konnte die Rheinstraße nicht mithalten und wurde zu der beschaulichen Wohnstraße, wie wir sie kennen und lieben. Aber sie ist ein Teilstück der B1!

Sie heißt ab dem Breslauer Platz Hauptstraße und ab der Grunewaldstraße wieder Potsdamer Straße, die Schöneberger Potsdamer Straße wohlgemerkt, nicht zu verwechseln mit der Zehlendorfer Potsdamer Straße! Es hat mich einige Mühe gekostet, das alles auszuklamüsern. Meine Kollegin Christine Bitterwolf hat vor einigen Jahren in der Stadtteilzeitung über die historischen Hintergründe berichtet, die zum Bau dieses Straßenzugs von Berlin nach Potsdam führten.
Natürlich ist das Stück Bundesstraße zwischen Aachen und Eydtkuhnen auch nur ein Teilstück der B1. Vielleicht ein andermal mehr!

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