Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

26.11.2013

Die öffentliche Sache

Einen Tag vor Nikolaus kommt der berühmte Freudenbringer diesmal zu Jüngern der Schreibfeder. An diesem Tag überreicht Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) den mit 1.000 Euro dotierten Förderpreis des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg an die Redakteure der Stadtteilzeitung. Sie begrüße die Entscheidung der Jury sehr, sagt die Bürgermeisterin. Chefredakteur Lorenz Maroldt vom "Tagesspiegel" gratuliert der Redaktion mit dem nachfolgenden Artikel:

Lorenz Maroldt Foto: Onni Thieme

„Bei so viel Leidenschaft beantwortet sich die Frage der Ehre eigentlich von selbst. Natürlich sind die Redakteurinnen und Redakteure, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtteilzeitung Schöneberg aller Ehren wert! Sie leben das edle Motto, das auch den Tagesspiegel ziert, nicht unsere einzige Verbindung - Rerum Cognoscere Causas (1): Sie gehen den Dingen auf den Grund, sie machen die Res Publica (2) zu ihrer Sache und überlassen das öffentliche, das gesellschaftliche Leben nicht dem unbeachteten Zufall und schon gar nicht der Politik. Sie berichten, was sie erleben, und zwar dort, wo sie auch leben: in ihrem Bezirk, in ihrem Stadtteil, in ihrem Kiez. Sie kennen sich aus und sie sind bekannt, ihnen macht hier keiner was vor. Sie sind kritisch und emphatisch, sind Chronisten und Visionisten. Aber nicht abgehobene Weltverbesserer sind da am Werk, sondern bodenständige Platzverschönerer: Ohne sie wäre das Leben hier, die Rheinstraße rauf und runter und links und rechts davon, zwischen Schöneberg über Friedenau nach Steglitz und zurück, weniger liebenswert.

Klassischer Lokaljournalismus, wie ihn die Stadteilzeitung seit mehr als zehn Jahren betreibt, ist die starke Wurzel der Demokratie, und, ehrenamtlich wie hier gepflegt, eine Triebkraft des bürgerschaftlichen Engagements. Den Menschen, die diese Zeitung machen, ist nicht egal, was um sie herum geschieht. Sie zeigen mit ihrer Arbeit, dass sie dazu gehören, dass sie mitreden wollen. Sie sind die Stimme der Bürger und ihr Vorbild zugleich, sie sind das Gewissen des Bezirks und sein Gedächtnis.

Womöglich fragen Sie sich jetzt als Leserin oder Leser der Stadtteilzeitung, ob soviel Pathos nicht ein wenig übertrieben da-herkommt. Am Ende aller Enden ist das dann doch auch nur eine Zeitung, eine kleine zumal, die nur einmal im Monat erscheint, kaum zwanzig Seiten! Was kann denn die schon bewirken?

Eine ganze Menge! Die Stadtteilzeitung beschreibt die Gemeinschaft der Bürger, aus der sie kommt und über die sie berichtet, und sie stärkt sie so zugleich. Sie schafft etwas Verbindendes und damit etwas Verbindliches. Wie sollten die Bürger denn sonst ungeschönt erfahren, was die Bezirksverordneten besprochen und beschlossen haben? Wer sonst nimmt sich denn dafür die Zeit? Wo anders als hier werden noch die Künstler aus der Nachbarschaft vorgestellt, große Baupläne auch im Detail betrachtet, Gesetze und Verordnungen auf ihre tatsächliche Tauglichkeit für das wirkliche Leben überprüft?

Die Stadtteilzeitung ist zuverlässig, beständig, witzig, charmant, mal widerborstig und mal begeistert, lebendig und damit auch – belebend. Sie ist Schaufenster für Geschäftstreibende, ein Markt-platz, übrigens auch für die Politik. Sie ist Forum der Bürger. Sie ist: Kultur.

Nach mehr als zehn Jahren hat sich die Stadtteilzeitung längst als fester Bestandteil des Stadtlebens im Südwesten Berlins etabliert, so sehr, dass sie fast schon als etwas Selbstverständliches angenommen wird. Doch das ist sie nicht. Ich hatte das Vergnügen, die Kollegen der Stadtteilzeitung vor ein paar Jahren kennen zu lernen, als sie den Tagesspiegel besuchten. Ich durfte später dabei sein, als sie ihr Zehnjähriges feierten, im Nachbarschaftsheim in der Holsteinischen Straße. Und jedes Mal spürte und spüre ich aufs Neue eine journalistische Neugier und Leidenschaft, die besonders ist: besonders wichtig und besonders selten. Die Menschen, die hier recherchieren, reportieren, fotografieren und nicht zuletzt diskutieren, können sich zurecht geehrt fühlen. Sie dürfen sich aus diesem Anlass, aber nur ausnahmsweise!, auch ruhig einmal umarmen lassen - sogar von der Politik.“

Lorenz Maroldt

Anmerkung der Redaktion:
1) rerum cognoscere causas: den Dingen auf den Grund gehen
2) res publica: die öffentliche Sache

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