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14.04.2011 / Orte und Plätze

Die Neue Zeit im Haus der „Neuen Zeit“

Anders als Friedrich Engels es in seinem Klassiker „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ 1845 beschrieben hat, anders als Karl Marx es in seinen Schriften vorausdefiniert hat, und anders als viele Gründer und Mitstreiter der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung es erwartet haben, ist das Massenelend nicht allgemein und noch schlimmer geworden.
Das ehemalige Arbeitszimmer von Karl Kautsky wird zur Kautsky-Bibliothek
Das Kautsky-Haus in der Saarstraße 14, jetzt Bildungsstätte und Bundeszentrale der SJD - Die Falen. Fotos: Thomas Protz

Nach einer UN-Studie hat sich die Armut im Weltmaßstab in den letzten zwanzig Jahren halbiert, auch wenn das viele Anhänger der alten Verelendungstheorie nicht wahrhaben wollen und zur Beweisführung gern auf den armen Obdachlosen verweisen, der im Winter mitten in der Zivilisation einen einsamen Erfrierungstod erleidet, oder auf die alleinerziehende Mutter, die sich seit Jahren keinen Urlaub leisten kann. Aber heute wie damals wird um den richtigen Weg aus der Not gestritten.

Viele Debatten von damals muten uns Heutige recht altertümlich an, etwa der Streit um Revolution oder Reform, doch wurden sie mit unerbittlicher Schärfe geführt. Alte Freunde wie die Theoretiker Karl Kautsky und Eduard Bernstein, die noch gemeinsam das marxistische Erfurter Programm der SPD entworfen hatten, gingen Jahre später im „Revisionismusstreit“ auseinander. Und Praktiker wie der sozialdemokratische Parteivorsitzende August Bebel und die spätere KPD-Gründerin Rosa Luxemburg zerstritten sich etwa in der Frage der Sinnhaftigkeit des politischen Massenstreiks.

Das Haus der Debatten
Diese leidenschaftlichen Debatten wurden jedoch nicht nur in der von Karl Kautsky gegründeten und von ihm geleiteten „Neuen Zeit“, in Büchern und Streitschriften geführt, sie fanden auch im Haus von Luise und Karl Kautsky eine ständige Heim-statt. Und was aus heutiger Sicht wohl am meisten erstaunt: Dieses Debattenhaus lag ausgerechnet in der bürgerlichen Landhauskolonie Friedenau. Die Familie Kautsky lebte hier insgesamt 27 Jahre, zunächst in der Saarstrasse 14, dann in der Saarstrasse 19, und schließlich in der Niedstrasse 14. Da die Kautskys ein gastliches Haus führten, gingen hier insbesondere Rosa Luxemburg und August Bebel ein und aus, denn beide wohnten nur wenige Fußminuten entfernt.

Luise Kautsky beherrschte fünf Sprachen und sorgte daher mit ihren Übersetzungen für den internationalen Gedankenaustausch innerhalb der Arbeiterbewegung. Und sie war eine enge Freundin Rosa Luxemburgs. „Wir fanden des Plauderns kein Ende“, berichtet sie uns. Oft geleitete sie ihre Freundin nach den langen Debatten noch freundschaftlich nach Hause und weiß zu erzählen, dass  diese der bürgerlichen Ruhe nicht nur mit politischen, sondern auch mit musikalischen Mitteln gern zu Leibe rückte: „Sie liebte es auch, ihrem revolutionären Drang in der mitternächtlichen Stille durch lautes Singen Luft zu machen. Oft holten wir uns strenge Verweise.“ In der schlafdurstigen Nachbarschaft gab es offenbar „ weder für Arien aus dem Figaro, noch für die Marseillaise und die Internationale das richtige  künstlerische Verständnis“.

Der Falkenhorst im Debattenhaus
In das mittlerweile denkmalgeschützte Gelbklinkerhaus der Kautskys in der Saarstrasse 14 ist nun die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken eingezogen. Dieser der Freizeit- und Bildungsarbeit verpflichtete Jugend-verband „bestand schon immer auf seiner Selbständigkeit“, wie der Berliner Landesvorsitzende der SPD, Michael Müller, in seiner Festansprache zur Eröffnung des Hauses sagte: „noch heute aber  gilt sowohl die Mitgliedschaft bei den Jusos als auch bei den Falken als SPD - Mitgliedschaft“.

Während im Freizeitbereich die alljährlich stattfindenden Zeltlager nach wie vor auf großes Interesse stoßen, soll im Kautsky-Haus aber vor allem eine internationale Begegnungsstätte entstehen. Neben Tagungen und Seminaren der Arbeiterjugendbewegung soll hier auch Bildungsarbeit stattfinden. In nur sieben Monaten ist dazu das alte Landhaus in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz zweckdienlich umgestaltet worden.
Über den größeren Räumen im Erdgeschoss wurden dazu unterschiedlich große Seminarräume eingerichtet, die bereits am Eröffnungstag von den Blauhemden der Falken mit sichtlicher Freude auch genutzt wurden, wie die staunenden Besucher durch die großen Glasscheiben der Räume sehen konnten. Et-was abseits ist eine Hausbibliothek im Entstehen, wo neben dem Archiv der Arbeiterjugendbewegung auch das Gesamtwerk Karl Kautskys eine Heimat finden soll. Und hier sollen private Sammlungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung sowie das Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung unterkommen.

Im Dachgeschoss, wo in der Zeit der wilhelminischen Dreiklassengesellschaft die Dienstboten in engen Behausungen wohnten, will nun der Bundesvorstand der Falken arbeiten. Da im ganzen Hause 120 Internet-Anschlüsse zur Verfügung stehen, glaubt der Vorstand ausreichend auch mit der übrigen Welt vernetzt zu sein. Der geplanten Öffnung zum Stadtteil soll zudem dienen, dass auch andere Organisationen das Haus nutzen können, sofern sie auf Non-Profit-Basis arbeiten.

Von Klampfe und Argument
Einer der Gründungsväter der Bundesrepublik, der Sozialdemokrat Carlo Schmid, unterbrach einmal seine Bundestags-rede und wendete sich an einen gegnerischen Abgeordneten mit den Worten: „Wenn Sie jetzt Ihre Zwischenrufe nicht endlich einstellen, dann antworte ich Ihnen!“ Ob die Falken mit dieser Drohung des angewendeten Arguments aus dem Kautsky – Haus in die Welt treten werden und ob sie das auch wahr machen, oder ob sie zur Zeltlagerklampfe die Gesänge der einst ebenfalls aus diesem Haus in die Welt heraustretenden Rosa Luxemburg bevorzugen werden, bleibt abzuwarten. Beides jedenfalls soll in diesem Hause gepflegt werden, ganz in der Tradition des Hauses. Ein dicker Wälzer von Carlo Schmid im ansonsten noch überschaubaren Sortiment in einem Regal der Bibliothek war jedenfalls nicht zu übersehen.

Ottmar Fischer

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