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1.12.2021

Die Lola und das Aschenputtel

Unterschiedlicher hätten die beiden Schwestern nicht sein können, Elisabeth und Marlene Dietrich gehörten, trotz gleicher Erziehung und Lebensbedingungen, verschiedenen Welten an. Die eine entwickelte sich zur Diva, die andere zum Hausmütterchen. Wie kam es dazu? Von Maria Schinnen.

Die Schwestern Marlene (links) und Liesel

Als Marlene (Marie Magdalena) am 27. Dezember 1901 in der Sedanstraße 53, heute Leberstraße, geboren wurde, gab es bereits die zwei Jahre ältere Schwester Elisabeth. Ihr Vater war Polizeileutnant, die Mutter stammte aus einer wohlhabenden Juweliersfamilie. Die Mädchen wuchsen in einer geräumigen, gutbürgerlichen Wohnung mit Flügeltüren, Stofftapeten und Dienstmädchen auf. Die Mutter legte Wert auf repräsentables Aussehen, staffierte die Kinder hübsch aus und brachte ihnen Manieren und die preußischen Tugenden bei: Pflichtgefühl, Präzision, eiserne Disziplin und Gerechtigkeitssinn. Sie engagierte Privatlehrer, bei denen die Töchter Lesen, Schreiben, Geige und Klavier lernten. Marlene zeigte schon bald eine besondere musikalische Begabung. Sie musste nur ein bisschen auf ihrer Mandoline herumklimpern und schon stimmte die Mutter Lobeshymnen an: „Großartig, du hast Talent, meine Kleine, mein Sonnenschein, mein Pussycat!“. Liesel konnte sich noch so sehr auf dem Klavier oder der Geige abmühen und erhielt höchstens ein „Brav, Elisabeth!“ Hinzu kam ihr unterschiedliches Aussehen. Marlene mit ihrem Porzellangesichtchen, den rötlich-blonden Haaren, blauen Augen, der zierlichen Figur und den hübschen Beinen war wie eine Puppe, die man immerzu küssen mochte. Liesel fühlte sich dagegen dick und potthässlich. Nur den Vater schien das nicht gestört zu haben. Wenn er sie in den Arm nahm und sie mit „Meine Süße, wie hübsch du geworden bist“, begrüßte, fühlte sie sich glücklich und angenommen. Doch der schneidige Leutnant mit dem gezwirbelten Bart war leider nur selten zu Hause. Seine sittenstrenge, kühle Josephine war ihm im Laufe der Ehe zu langweilig geworden, und er suchte immer häufiger Prostituierte auf. Das rächte sich, denn schon bald infizierte er sich mit Syphilis, bekam Fieber, Geschwüre am ganzen Körper, Lähmungen und psychische Ausfälle. Er wurde in eine Anstalt für Gemütskranke eingeliefert, wo er 1908 auch starb. Für die achtjährige Elisabeth brach eine Welt zusammen. Tagelang schloss sie sich mit einer Fotografie ihres Vaters in ihr Zimmer ein und weinte sich in den Schlaf. Marlene weinte nicht. Sie war wie ihre Mutter, ein strenger Soldat, der nicht flennt und seine Gefühle beherrscht.

Elisabeth war eine eifrige Schülerin und tat alles, um von ihren Lehrerinnen gelobt zu werden. Lesen war ihre Leidenschaft. Die Bücher ließen sie in fremde Welten abtauchen, Abenteuer erleben, das Hier und Jetzt vergessen. Marlene wurde die Schule schon bald langweilig. Statt zu lernen, spielte sie lieber auf ihrer Mandoline oder Geige, bastelte, schmückte ihr Zimmer und stand stundenlang vor dem Spiegel. Täglich ging sie auf „Bummel“ und heckte mit Jungs aus der Nachbarschaft Späßchen aus. Den Junglehrern an ihrer Schule machte sie schöne Augen und forderte sie mit kessen Sprüchen heraus. Während der Sommerferien an der See bekniete sie ihre Mutter so lange, bis sie mit den Jungs am Strand spielen durfte. Sie war ihr „Leutnant“, kommandierte sie, ließ sie exerzieren und Fahnen schwenkend an sich vorbeimarschieren. Liesel baute stattdessen Sandburgen. Die Mutter sorgte sich um Marlene und bat Liesel, sich an die Fersen der Schwester zu hängen und Bericht über ihre „Dummheiten“ zu erstatten. Als brave Tochter tat sie das gewissenhaft, folgte ihr wie ein Wachhund. Ihr war nicht wohl dabei, aber es schien ja zu Marlenes Bestem. „Liesel ist ein entsetzlicher Tugendmoppel“, notierte Marlene in ihrem Tagebuch.

Tante Vally war Marlenes Vorbild in Sachen Eleganz. Sie war so anders als viele Frauen, die wie graue Mäuse durchs Haus huschten und sich bei Kaffee und Bienenstich ihre Langeweile vertrieben. Tante Vally kleidete sich nach der neuesten Mode, besaß teure Hüte, Handschuhe und tief ausgeschnittene Seidenkleider, extravagante rubinrote und moosgrüne Lederschuhe. Auch Tante Jolly mit ihren Glitzerkleidern und Zobelstolen, dem juwelenbesetzten Turban und dem teuren Schmuck kam für Marlene aus einer anderen Welt. „Eines Tages will ich auch so eine vornehme Dame sein“, nahm sie sich vor.

Die Weichen der beiden ungleichen Schwestern schienen gestellt. Die biedere Liesel wurde Lehrerin und genoss es, endlich wahrgenommen, geachtet und von den Kindern geliebt zu werden. Der Duft von Tafelkreide und Kinderschweiß waren ihr lieber als teure Parfums. Sie fand es auch nicht schlimm, bisher von keinem Mann begehrt worden zu sein, sie hatte ja ihre Fontane-Romane und Goethe-Gedichte. Marlene strebte nach einem Leben auf der Bühne, studierte Musik und wollte Sologeigerin werden. Doch eine vom ständigen Üben verursachte Sehnenscheidenentzündung ließ ihren Traum platzen. Nun versuchte sie es mit der Theaterbühne und sprach im Deutschen Theater vor. Doch der Theaterleiter Max Reinhardt sah kein großes Talent in ihr und lehnte sie als Schauspielschülerin ab. Um irgendwie über die Runden zu kommen und Geld zu verdienen, verkaufte Marlene zeitweise Handschuhe in Kommission, trat in Kabaretts auf, sprang als Tanzgirl in Revuen ein, probierte sich in schlüpfrigen Chansons und spielte die erste Geige in einem Stummfilmorchester. Auf Partys oder in Probenpausen verblüffte sie die Zuhörer mit ihrer „Singenden Säge“ und ließ wimmernde Vibratos entstehen. Auch als Komparse war sie tätig und erhielt sogar kleine Nebenrollen, bei denen sie ein paar überflüssige Worte zu sprechen hatte. Doch die Nebenrollen wurden zahlreicher, und hin und wieder sprang sie auch für eine ausgefallene Schauspielerin ein. 1923 heiratete sie den Regieassistenten Rudolf Sieber und bekam eine Tochter.

Zwei Jahre später heiratete auch Elisabeth und gab gezwungenermaßen ihren geliebten Beruf auf, um ganz für ihren Mann da zu sein. Nie im Leben hätte sie sich getraut, so wie Marlene, das Recht auf eigene Erwerbstätigkeit zur Bedingung zu machen. Ihren eintönigen Alltag unterbrach sie nur noch, wenn sie ihren Mann zu Premieren begleitete oder eine Aufführung ihrer Schwester besuchte.

Marlenes Durchbruch kam 1928. Der amerikanische Regisseur Josef von Sternberg suchte eine Tingeltangelsängerin für seinen Tonfilm „Der Blaue Engel“ nach dem Roman „Professor Unrat“ von Heinrich Mann. Er entdeckte Marlene in dem Film „Zwei Krawatten“ und engagierte sie als Lola. Damit initiierte Sternberg ihren Aufstieg zum Weltstar. Sie ging mit ihm nach Amerika, arbeitete in zahlreichen seiner Filme mit, wurde dann aber auch von anderen Regisseuren wie Hitchcock, Lubitsch, Welles und Wilder engagiert. Nun konnte sie das Leben führen, das sie sich immer gewünscht hatte. Sie genoss das Rampenlicht, sie genoss ihre Aufsehen erregenden Bühnenkleider, sie genoss das Bad inmitten ihrer begeisterten Fans. „Ich hatte keine Mutter, sondern gehörte einer Königin“, urteilte ihre Tochter Maria Riva. Und als Königin wollte sie in der Erinnerung bleiben: jung, schön, glamourös. Doch auch eine Diva altert und Marlene griff immer häufiger zu Alkohol und Tabletten. Ein letztes Mal trat sie 1979 für den Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ vor die Kamera. Dann zog sie sich vollends in ihr Pariser Appartement zurück, wo sie niemand besuchen durfte. Mit der Außenwelt hielt sie nur noch telefonischen Kontakt.

1992 starb Marlene Dietrich und wurde auf dem Friedenauer Stubenrauch-Friedhof nahe der Grabstelle ihrer Mutter beigesetzt.

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