Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

1.03.2020

Die Kappung von Herrn Kapp

Von Ottmar Fischer Zu den mit unversöhnlicher Härte durchgesetzten Friedensbedingungen nach dem verlorenen 1. Weltkrieg gehörte neben Gebietsabtretungen und Reparationszahlungen auch die Reduzierung der Reichswehr auf 100.000 Mann.

Gedenkstätte Eythstr. nach der Sanierung des Gedenksteins durch den Verein und vor der Frühlingsbegrünung. Foto: Axel Seltz

Das Millionenheer der Kriegssoldaten war nach der November-Revolution 1918 zum größten Teil auseinandergelaufen. Doch gab es bei Inkrafttreten des Vertrags Anfang 1920 immer noch mehr als dreimal so viele Soldaten wie erlaubt. Zur Durchsetzung der zentralen Regierungsgewalt waren in den Nachkriegswirren sogenannte Freikorps zusammengestellt worden, die nun aufgelöst werden sollten. Die meisten Soldaten waren allerdings nur deswegen im Militärdienst geblieben, weil sie in der nur schleppend wieder in Gang kommenden Nachkriegswirtschaft keine Berufsperspektive zu finden meinten. Als die Reichsregierung daher am 29.2.1920 die Auflösung sowohl der Marinebrigade Ehrhardt als auch der in Schlesien operierenden Marinebrigade Loewenstein verfügte, kam es zum offenen Aufstand.

Die entlassenen Soldaten fanden einen Bündnispartner in einem gewissen Wolfgang Kapp, der noch ein Jahr vor Kriegsende zur Stärkung des Durchhaltewillens die „Deutsche Vaterlandspartei“ gegründet hatte und nun den Militärs einen politisch anschlussfähigen Rahmen bieten sollte. Das zeigte sich schon bald am Zulauf führender Politiker  nationalistisch denkender Parteien. Als auch der Vorgesetzte General Lüttwitz bei der Reichsregierung keine Rücknahme der Auflösung erreichen konnte, marschierte die unweit Berlins übende Brigade Ehrhardt in die Reichshauptstadt ein, besetzte das Regierungsviertel und rief den besagten Herrn Kapp zum Reichskanzler aus. Doch hatten die Putschisten nicht mit der Kraft der Demokraten gerechnet.

Weil die Reichswehr unter dem Vorwand, „Truppe schießt nicht auf Truppe“ die Verteidigung der Regierung verweigert hatte, wich die Reichsregierung vor der Gewalt nach Dresden und anschließend nach Stuttgart aus. Doch zuvor hatten die Regierungsparteien SPD, Zentrum (Nachfolgerin: CDU) und DDP (Nachfolgerin: FDP) ihre Mitglieder zum Widerstand aufgerufen und überdies auch die Gewerkschaften alarmiert, die daraufhin den Generalstreik ausriefen. Noch am Putschtag 13. März erschien in allen größeren Städten ein vom SPD-Vorsitzenden Otto Wels unterzeichneter Aufruf zum Generalstreik, der auch befolgt wurde. In Berlin kam es daraufhin zum Zusammenbruch der öffentlichen Dienstleistung, so dass der Publizist Sebastian Haffner in seinem Erinnerungsbuch „Geschichte eines Deutschen“ schrieb:

„An einigen Straßenecken in unserer Gegend gab es noch altertümliche Brunnen, die nichts mit den Wasserwerken zu tun hatten. Diese Brunnen erlebten jetzt große Tage. Zu Hunderten standen die Leute vor ihnen Schlange, mit Kannen und Eimern, und holten sich ihre Wasserrationen: ein paar rüstige junge Männer pumpten. Vorsichtig balancierte man nachher mit seinen vollen Eimern durch die Straßen, um nichts von dem kostbaren Naß zu verschütten:“

Neben der Unterbrechung der Wasserversorgung für Küche und WC gab es in den Haushalten darüber hinaus auch kein Gas und keinen Strom . Und es gab keine öffentlichen Verkehrs-mittel. Es gab kein Telefon und keine Post, die Läden blieben geschlossen und es gab auch keine Zeitungen, sodass im abendlichen Dunkel der Stadt und der Wohnung auch die Nachrichtenlage im Dunkeln blieb. Doch entscheidend für die Niederlage der Putschisten wurde die Gehorsamsverweigerung der Behördenbediensteten, wodurch keine Weiterleitung von Anweisungen erfolgen konnte. So blieben die Befehle der Putschisten bereits im Regierungsviertel stecken und der Spuk kam schon nach vier erfolglosen Tagen mit dem Abmarsch der Soldaten an sein Ende.

Das Schöneberger Blutopfer
Doch zuvor kam es in Schöneberg noch zu einer Schreckenstat. Eine Einheit der Putschisten schoss am Kaiser-Wilhelm-Platz auf eine sich hier aus Protest versammelnde Menge und tötete sieben Personen. Diese Untat einer wild gewordenen Soldateska ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Um dem entgegenzuwirken wurde am tatortnahen Nachfolge-Gebäude für das frühere Schöneberger Rathaus im Jahre 1987 eine Gedenktafel angebracht. Im Zuge von aktuellen Baumaßnahmen an diesem heute der städtischen Gewobag gehörenden Gebäude wurde die Gedenktafel jedoch entfernt.

In der Februar-Sitzung der BVV wurde nun ein gemeinsamer Antrag von Grünen, Linken und SPD beschlossen, die entfernte Tafel entweder wieder anzubringen, oder für den Fall der Unauffindbarkeit zu ersetzen. In der einvernehmlich geführten Debatte machte Axel Seltz (SPD) darauf aufmerksam, dass sich seit vielen Jahren ein eigens dazu gegründeter Verein um das Ehrengrab und den Gedenkstein für drei Schöneberger Opfer dieser Bluttat auf dem Lindenhof-Friedhof Eythstraße kümmere (www.kapp-putsch-grab.de). Und er lud die Bezirksverordneten zur Teilnahme an einer Gedenkveranstaltung des Vereins zur hundertjährigen Wiederkehr des Todestages der Kapp-Putsch-Opfer am dortigen Ehrenmal am 22. März um 11 Uhr „herzlich ein“.

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