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14.04.2011 / Orte und Plätze

Die junge Galeriemeile in der Kurfürstenstraße

Touristen verwechseln sie mit dem Ku’damm, die Berliner denken so-fort an den Straßenstrich – die Kurfürstenstraße. Die 1,5 Kilometer lange Straße verläuft vom Berliner Zoo bis zum Nelly-Sachs-Park, also von Charlottenburg nach Kreuzberg;
Christine Heinemann in ihrer Galerie RECEPTION in der Kurfürstenstraße
Tanya Leighton Gallery. Fotos: Hartmut Becker

sie trennt den nördlich liegenden Bezirk Mitte (Tiergarten) von Tempelhof-Schöneberg. Das Erscheinungsbild der Kurfürstenstraße ist nicht homogen. Großen-teils verläuft sie durch ein Wirrwarr von Bauten aus verschiedenen Dekaden der Berliner Nachkriegszeit.
Doch der östlichste Abschnitt der Kurfürstenstraße, etwa zwischen der Potsdamer Straße und der Dennewitzstraße, hat bis heute viele seiner Belle-Époque-Bauten erhalten können. Der Kiez machte bis vor einigen Jahren einen verlassenen Eindruck; die heruntergekommenen Häuser mit ihren zum Teil stillgelegten Hinterhofbetrieben weckten verblasste Erinnerungen an wilhelminische und Weimarer Zeiten. Über Jahrzehnte war der Durchschnittsbewohner hier entweder ein eingewurzelter Berliner oder ein angesiedelter Ausländer.

Die Veränderung der Situation im Altbaukiez der östlichen Kurfürstenstraße kam zuerst unbemerkt. Giti Nourbakhsch, Kunsthistorikerin mit Galerie im schicken Mitte, versuchte 2006 den Neuanfang in einer für sie entspannteren – und preiswerteren – Umgebung. Den fand sie auf dem Gelände der Baulücke Kurfürstenstraße 12. Im Hof könnte Nourbakhsch zwei ausgediente Werkstätten ausmachen. „Ich suchte neue Ausstellungsräume, weil der Bezirk Mitte sich so stark geändert hat. Die Gegend hier kannte ich aus meinen Studiumszeiten ganz gut. Sie ist urban und zentral, aber dafür relativ statisch. Das passte alles gut zu mir und meinem Konzept.“

Damals, meint Nourbakhsch, wurde sie in der Szene belächelt. „Man sagte mir, es würde sich niemand trauen, in eine Seitenstraße der ‚Potse’ zu gehen um dort Kunst anzugucken.“ Trotzend gründete sie dort ihre Galerie Giti Nourbakhsch. Ein halbes Jahrzehnt später wird die 45-Jährige von den nach ihr in den Kiez gezogenen Galeristen/innen als Entdeckerin und Pionierin in der Galeriemeile gefeiert. Auch privat steht Nourbakhsch zu ihrem Kiez; sie bewohnt einen Neubau am hinterm Teil des Grundstücks.

Kunst-Kollegin Christine Heidemann, 36, betreibt seit dem Herbst 2009 die Galerie Reception in der Kurfürstenstraße 5a. Die gebürtige Kielerin, die ebenfalls Kunstgeschichte studierte, wohnt seit neun Jahren in Berlin. Für sie spielte die Etablierung in das lokale Umfeld bei der Entscheidung, in der Kurfürstenstraße eine Galerie zu eröffnen, eine große Rolle. Heidemann betont, dass aus Tiergarten-Süd keine neue Mitte entstehen soll: „Klar, die Gegend ändert sich. Aber im positiven Sinne, und die Galerien tragen dazu bei. Wir Galeristen fügen uns hier ein, und werden von den Altbewohnern akzeptiert.“ Auch Heidemann wohnt in der Nachbarschaft; ihre Erfahrungen mit dem Kiez sowie mit ihrem Kunstgeschäft bezeichnet sie als „extrem positiv“.

Einen der imposantesten Eindrücke auf der Kunstmeile macht die Tanya Leighton Gallery. Die Räumlichkeiten in der Kurfürstenstraße 156 waren, so erzählt die angloamerikanische Namensgeberin die Galerie, ursprünglich für eine Freimaurerloge konzipiert; der Empfangsraum verfügt über 4,5 Meter hohe Wände, die mit dekorativen Stichkappen versehen sind. Ms. Leighton beschreibt die Kurfürstenstraßen-Szene als „super exciting, just as Berlin generally is“. Die 40-Jährige kuratiert hier seit 6 Jahren, davor in New York und Philadelphia. Im Juni 2008 er-öffnete sie ihre Berliner Galerie. Die Mutter eines jungen Sohnes betont im Gespräch, wie schwierig es in den USA sowie in Großbritanien sei, das Galeriegeschäft mit einer Familie zu vereinbaren – eine Doppelaufgabe, die für sie in Berlin durchaus zu gestalten ist.
In allen der drei Galerien sind zeitgenössiche Kunststile vertreten: Beispielsweise die Generative Kunst, in der der Entstehensprozess ebenso wichtig ist wie das Endwerk selbst, sowie die Appropriation Art, wobei aufgefundenes, jedoch sinnstiftendes Material weiterverwendet wird. Alle Ausdrucksformen des Kunstschaffens – von Malerei, Skulptur und Fotografie bis hin zur Installations- und Aktionskunst – sind in den wechselnden Programmen der Galerien zu finden.

Wie viele Galerien es in der Kurfürstenstraße – sowie in der kreuzenden Blumenthal- und Steinmetzstraße – gibt, weiß keine von den Galeristinnen genau. Zwischen 15 und 25, je nach Schätzung. Einige sind in ungenutzten Wohnungen untergebracht, andere in Hinterhöfen. Manche Galerie dient auch als Ateliers; dort wird nur kurzlebig oder sporadisch ausgestellt. Auf jeden Fall ziehen Jahr für Jahr – oder Monat für Monat – immer mehr Galeristen/innen und Künstler/innen in diese Gegend.

„Die Nische hier ist ausgezeichnet“, so bewertet Frau Nourbakhsch den östlichen Kurfürstenstraßen-Abschnitt. „Die Verkehrsverbindungen sind optimal, die Alltagsversorgung ist prima. Der Potsdamer Platz und das nebenstehende Kulturforum sind in Fußnähe. Was möchte man mehr?“

T. W. Donohoe


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