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29.05.2014

Die Heilkraft der Musik

Der rührige Kirchenmusikleiter der evangelischen Gemeinde „Zum Guten Hirten“, Gerhard Löffler, hat nun einen „Abend interreligiöser Kultur“ (Löffler) vorbereitet, der in seiner sorgfältigen Zusammensetzung aus gelesenen Texten und musikalischen Deutungen biblischer Aussagen in Beispielen aus verschiedenen Jahrhunderten eine Vorstellung von den geistigen Annäherungen von christlicher und jüdischer Tradition vermitteln möchte.

Jede Ausbildung von Identität geht zwangsläufig mit der Ausgrenzung des davon Unterschiedenen einher. Durch die Konstruktion des Eigenen entsteht auch das Fremde. Dieser Mechanismus ist uns besonders aus der Religionsgeschichte geläufig, doch wird er uns im Zeitalter des interkontinentalen Gütertauschs zunehmend lästig. Wir haben gelernt, das Gemeinsame stärker zu achten als das Trennende und reagieren mit Ablehnung auf religiösen Fanatismus.

Der rührige Kirchenmusikleiter der evangelischen Gemeinde „Zum Guten Hirten“, Gerhard Löffler, hat nun einen „Abend interreligiöser Kultur“ (Löffler) vorbereitet, der in seiner sorgfältigen Zusammensetzung aus gelesenen Texten und musikalischen Deutungen biblischer Aussagen in Beispielen aus verschiedenen Jahrhunderten eine Vorstellung von den geistigen Annäherungen  von christlicher und jüdischer Tradition vermitteln möchte.

Die Schauspielerin Hannelore Elsner muss hier wohl nicht noch vorgestellt werden. Sie setzt sich seit Jahren für das Kennenlernen jüdischer Kulturtradition in diesem Lande ein. Deswegen  hat sie gern zugesagt, an diesem Abend neben Lessings Ring-Parabel, diesem klassischen Vorschlag zu religiöser Toleranz, auch die „Modernen Psalmen“ des Komponisten Arnold Schönberg zu lesen, sowie aus Rose Ausländers Gedichtband „Die Musik ist zerbrochen“ vorzutragen, der dem Abend seinen Namen gibt.

Gesang aus der Ferne

In allen alten Völkern wurden zu bestimmten Anlässen besondere Gesänge angestimmt. Sie unterscheiden sich wohl nach Anlass und Inhalt, beachten aber immer die Redeform. Das kennen wir noch heute in der unterschiedlichen Praxis bei Hochzeitsreden oder Totenfeiern. Es wird aber auch ein Unterschied zwischen privaten und öffentlichen Anlässen gemacht. In der jüdischen Überlieferung sind 150 solcher Lieder im sogenannten Psalter erhalten. Die weitaus häufigsten Psalmen sind Klagelieder des Einzelnen, die aus der Anrufung Gottes, der Schilderung der Not, und  dem Vertrauensbekenntnis in die Hilfe Gottes bestehen.

Mit dem hymnischen Psalm 84 für Sopran (Sophie Harmsen), Chor (Friedenauer Kantorei), und Orgel (Professor Martin Lücker) von Louis Lewandowski (1821-1894) beginnt der Abend. Lewandowski fand als Chorleiter und Komponist der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands in Berlin bei seinen Bemühungen um eine Erneuerung religiöser Musik, etwa durch den Einsatz der Orgel, zu ganz ähnlichen Formen wie Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847).

Von Mendelssohn, der in seiner Zeit als Preußischer Generalmusikdirektor auch die Leitung des Berliner Domchors innehatte, hören wir zunächst in der Darbietung der Friedenauer Kantorei  den Psalm „Richte mich, Gott“, und später den Psalm: „Höre mein Bitten“ als orgelgestützten Dialog zwischen Sopran und Chor. Es darf an dieser Stelle auch Erwähnung finden, dass die Kantorei mit Leiter Löffler wieder bestens vorbereitet ist. Bereits in der Probe war die vierfache Stimmführung klar konturiert und die drei Tempovorschriften waren auch im Ausdruck präzise voneinander ab-gesetzt.

Doch die wackere Friedenauer Kantorei geht mit uns auch in die Spätrenaissance, an den Hof Gonzaga zu Mantua, wo Salomone Rossi im Jahre 1622 die vermutlich ältesten Vertonungen von Bibeltexten überhaupt veröffentlichte. Von Maurice Ravel hören wir „Kaddish“ (aramäisch=heilig), eine fast zeitgenössische Auseinandersetzung mit hebräischer Überlieferung für Sopran und Orgel. Und wir hören den wunderbaren Max Bruch, diesen unvergessenen Friedenauer Komponisten des „Kol Nidre“ (Bußgebet des jüdischen Versöhnungsfestes) für Violoncello  (Katharina Deserno) und Orgel. Und nicht zu vergessen Siegfried Würzburger, letzter Organist an der Frankfurter Synagoge mit seinem „Kol Nigre“ als Passacaglia und Fuge für Orgel (1933). Und angekündigt sei auch noch Ernest Bloch, der seine Wurzeln in der französischen Tonsprache des frühen 20. Jahrhundert hat, mit seiner achtminütigen Meditation für Violoncello und Orgel.

Doch sind der Worte nun genug gesprochen. Es folge die Musik.

Ottmar Fischer

Die Musik ist zerbrochen
Psalmen zwischen Synagoge und Kirche
mit Hannelore Elsner, der Friedenauer Kantorei und dem Kammerchor
Werke von Bloch, Bruch, Lewandowski, Mendelssohn und Rossi  
Texte von Ausländer, Lessing und Schönberg
So 15. Juni 2014, 20 Uhr
Kirche Zum Guten Hirten, Friedrich-Wilhelm-Platz
Eintritt: 20,- / 15,- / 10,-, erm. 17,- / 12,- / 7,- Euro

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