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2.02.2016

Die Geschichte hinter dem Namen

Der verhinderte Reformkaiser als Kronprinz und der erfolgreiche Reformkönig heißen Friedrich-Wilhelm!

Der 99-Tage-Kaiser Friedrich III. (1831-1888) in seiner Kronprinzenzeit, der gesuchte Ansprechpartner für die hier abgebildeten bürgerlichen Reformkräfte, im Gespräch mit Max von Forckenbeck, dem Oberbürgermeister von Berlin. Dahinter der Politiker Robert von Benda. Zwischen den beiden, der Archäologe Ernst Curtius. Im roten Talar ist der Pathologe Rudolf von Virchow zu sehen, der Dekan der Medizinischen Fakultät der Königlichen Universität. Zwischen diesem und dem Kronprinzen steht der Physiker Hermann von Helmholtz. Im Hintergrund sind die Maler Ludwig Knaus und Adolph Menzel zu sehen. Bild: [Ausschnitt] Anton von Werner (1843-1915), Kronprinz auf dem Hofball, Alte Nationalgalerie

Unsere Leser Wolfgang Pohl und Ewald Mahr haben uns darauf hingewiesen, dass nicht der preußische König Friedrich Wilhelm III. der Namenspatron für den Friedrich Wilhelm Platz gewesen ist, wie in unserer Dezember-Ausgabe zu lesen war, sondern der zum Zeitpunkt der Namensfindung um 1873 noch als Friedrich Wilhelm amtierende Kronprinz, der im Dreikaiserjahr als Friedrich III. für 99 Tage Deutscher Kaiser wurde. Bereits in seiner Kronprinzenzeit war er in der Bevölkerung sehr beliebt. Einerseits wegen seiner Erfolge als Befehlshaber in den Einigungskriegen, andererseits wegen seiner öffentlich bekundeten Neigungen zu einer nach englischem Vorbild reformierten preußischen Monarchie. Inwiefern ihm darin bereits vorgearbeitet war, mag ein kurzer Blick in die Geschichte zeigen.

Nach fünfhundertjährigem Dornröschenschlaf hat die Mark Brandenburg in einem fast unglaublichen Kraftakt aus ihrer kärglichen Kraut- und Rübenwelt zuerst das Kurfürstentum, dann das Königreich Preußen, und schließlich das Deutsche Reich hervorgebracht. Dabei setzte der erstaunlichste Teil dieser Entwicklung mit den militärischen Überspanntheiten des großen Friedrich ein, dem auf dem Fuße der große Kant in der Philosophie, der große Schadow in der Bildhauerei und der große Kleist in der Literatur folgten.

Dem furiosen Beginn folgte im Jahre 1806 jedoch mit der katastrophalen Niederlage von Jena und Auerstedt gegen die noch vom frischen Revolutionsgeist getragene Armee Napoleons ein jäher Absturz. Inzwischen regierte in Preußen Friedrich Wilhelm III. mit jener Luise an seiner Seite, die als damalige Königin der Herzen Popularitätswerte vom Ausmaß der Begeisterung für Lady Di aus unseren Fernsehtagen erreichte. Die Flucht des Königs-paars nach Ostpreußen und die der militärischen Niederlage folgende Staatskrise hatten jedoch unerwartete Folgen. Denn in den folgenden Jahren bis zur endgültigen Niederlage Napoleons im Jahre 1815 wurden jene berühmt gewordenen Stein-Hardenbergschen Reformen durchgeführt, die dem in seiner Existenz bedrohten Preußen nicht nur das Überleben sicherten, sondern auch zur Grundlage seines Aufstiegs zum bestimmenden Faktor in Deutschland wurden.

Wie es anfing

In der Rigaer Denkschrift von 1807 formulierte Staatskanzler Hardenberg nicht ohne Witz: „Die reine Demokratie müssen wir noch dem Jahre 2040 überlassen“, doch müssten „demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung“ wirksam werden. Seit den mit Hilfestellung des Freiherrn vom Stein durchgeführten Reformen regierte nun nicht mehr der König mithilfe von Beratern in einem Geheimkabinett, sondern ein nach Ressorts gegliedertes Staatsministerium dirigierte eine erstmals einheitliche Verwaltung mithilfe des Königs. Durch ein klares Regelwerk und die Bindung von Einstellungen an objektive Voraussetzungen wurde jenes disziplinierte Berufsbeamtentum geschaffen, das in der übrigen Welt Staunen erregte.

Das Oktoberedikt von 1807 hob die Erbuntertänigkeit der Bauern auf und führte die Berufsfreiheit ein. Und im Jahre 1810 wurde mit der Einführung der Gewerbefreiheit und der Beendigung des Zunftzwangs der Startschuss für jene beispiellose Entfaltung der Marktkräfte gegeben, die für die nachfolgende industrielle Entwicklung grundlegend wurden. Der Unterzeichner all dieser Reformen war Friedrich Wilhelm III.. Mit der Namensnennung jenes Platzes, um den sich nach den Plänen des Projektentwicklers Carstenn die zukünftige Landhauskolonie Friedenau gruppieren sollte, wurde durch die Namensgleichheit von Reformkönig und Kronprinz auch die Fortsetzung des unterbrochenen Reformkurses angemahnt. Bedeutsam für die Ortsgründer war zudem, dass in jener Reformzeit auch die kommunale Selbstverwaltung bereits eingeführt war, gedacht als Gegengewicht gegen die zentrale Bürokratie. Seither regeln die neu geschaffenen Stadt- und Landkreise ihre Angelegenheiten selber, wenngleich die Zusammensetzung der Parlamente, bis zur nächsten Reform nach der nächsten Katastrophe im Jahre 1918, an das Eigentum gebunden blieb: Wahlberechtigt waren Besitzer von Grund und Boden, Inhaber von Gewerbebetrieben, oder Einwohner mit einem Mindesteinkommen von einer Höhe, die weite Teile der Bevölkerung ausschloss [das Frauenwahlrecht kam erst ein Jahr später. Anmerk. der Sätzerin]. Außerdem mussten zwei Drittel der Stadtverordneten Hausbesitzer sein.

Daran war nun freilich in der seit 1871 entstehenden Landhauskolonie Friedenau kein Mangel. Denn Projektentwickler Carstenn verkaufte die von ihm erworbenen Ländereien des ehemaligen Ritterguts Deutsch-Wilmersdorf an den ei-gens zum Zweck der Weiterentwicklung gegründeten Landerwerb- und Bauverein, der sie ausschließlich an solche Interessenten weiterreichte, die ihren Familien ein Häuschen im Grünen errichten wollten. Und das waren in der Friedenauer Gründungsphase vor allem höhere Beamte und Gewerbetreibende. Diese bis zum Ende des Kaiserreichs tonangebenden Schichten bildeten denn auch den erstmals 1875 gewählten Gemeindevorstand. Vorsteher war der „Geheime expedierende Sekretär im Handelsministerium“ Rönne-berg. Und ihm zur Seite standen der „Geheime Rechnungsrat im Kriegsministerium“ Hacker so-wie der Handschuhfabrikant und „Königliche Hoflieferant“ Koppe als Schöffen.

Zwar hat Friedenau inzwischen seine Selbständigkeit wieder verloren und auch die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich geändert. Doch haben sich noch einige Gebäude aus der Anfangszeit und aus den nachfolgenden Bau-phasen erhalten, so dass es auch heute noch möglich ist, dem Geist der kommunalen Selbstverwaltung, so wie er von Friedrich Wilhelm III. ins Leben gerufen wurde, nachzuspüren. Als Begleitbuch für eine solche Spurensuche sei hier das sowohl informative wie unterhaltsame „Friedenau erzählt“ (vor allem Band 1) aus dem Verlag Friedenauer Brücke empfohlen.

Wir möchten an dieser Stelle unseren Lesern für die Zusendung historischer Platzansichten danken und gleichzeitig noch einmal dazu auffordern, uns geeignetes Bildmaterial für eine geplante Präsentation Mitte März zu übersenden. Dort wird die BVG ihre Umbaupläne für den U-Bahnhof vorstellen, die BI Friedrich-Wilhelm-Platz wird ihre Vorstellungen zur Verschönerung des Parks präsentieren, und die Stadtteilzeitung wird  den Stand der Bildfindung vorstellen, damit die mit der BVG verabredete Ausschmückung der U-Bahntunnel mit historischen Ansichten der Platzumgebung Wirklichkeit werden kann.

Ottmar Fischer

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