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9.03.2019

Die gegenrevolutionäre Schreckenstat

In der Hauptstadt gaben diese Freikorps ihre Visitenkarte nach dem Ende des sogenannten Spartakus-Aufstands in der zweiten Januar-Woche ab ...

Gedenktafel vor dem Wohnhaus Cranachstraße 58. Foto: OTFW, Berlin

Der in der Zeit der Monarchie in den Denkmalstand erhobene Sprachmeister Goethe definierte Geschichte als einen „Mischmasch aus Irrtum und Gewalt“. Wie zutreffend diese Kennzeichnung war, sollte sich am Ende der Kaiserzeit erweisen, als aus dem Aufstand der Kieler Matrosen, des Heimatheeres und der Fabrikarbeiter nach viel Irrtum und Gewalt die erste demokratisch verfasste Republik auf deutschem Boden entstand. Diese Deutsche Revolution war zuerst antimilitaristisch, bevor sie sich im Zuge der Auseinandersetzungen auch der Frage zuwandte, wie denn der Friede im Inneren gestaltet werden sollte, nachdem der äußere in greifbare Nähe gerückt war.

Doch während in der Abschaffung der Diktatur des Krieges alle revolutionären Kräfte einig waren, gerieten sie über die Frage nach der Neugestaltung der inneren Ordnung schon bald in einen solchen Streit, dass wieder zu den Waffen gegriffen wurde. Während die in fünfzig Jahren zähen Überlebenskampfes groß und stark gewordene SPD mit der Übernahme der Regierungsgeschäfte den Weg zur verfassungsgebenden Nationalversammlung und damit zur Parlamentarisierung beschreiten wollte, hielten die nacheinander aus Abspaltungen hervorgegangenen Radikalen in USPD, Spartakus-Bund und zuletzt KPD die Machtkonzentration in revolutionären Organen für erforderlich, um auch die Herstellung sozialer Gerechtigkeit zu sichern. Und noch über diesen Streitern verorteten sich als Revolutionswächter die im Aufstand spontan entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte. Doch mochten sie auch noch so oft nach Einigkeit rufen, sie wollte einfach nicht ge-lingen.

Stattdessen kam es überall im Land zu schweren Unruhen mit vielen Toten und Verletzten. Die streitenden Parteien sahen sich zunehmend in der Gefahr, von den gewalttätigen Ereignissen überrollt zu werden. Auf die von der Westfront zurückflutenden Soldaten war kein Verlass mehr. Die Mannschaften verweigerten den Gehorsam und verlangten die Übertragung der Disziplinargewalt an ihre Soldatenräte. Die meisten gingen sogar einfach nach Hause, und viele nahmen ihre Waffen mit. Aber kein Staat kann nun mal ohne Ordnung funktionieren. Deswegen bedarf er bei kriegerischer Gewalt selbst der bewaffneten Macht. Es stellte sich also zum Ende des Jahres 1918 die Frage, woher diese Macht kommen sollte.

In dieser Lage kontaktierte die sozialdemokratische Revolutionsregierung die in Kassel neu formierte Oberste Heeresleitung und traf mit ihr die folgenschwere Übereinkunft zur Aufstellung von Freiwilligenverbänden. Und das funktionierte schneller als erwartet. Doch erwuchsen der Revolution gerade dadurch auch neue Konflikte. Denn in diesen in aller Eile aufgestellten Freikorps waren nun nicht mehr die antimilitaristischen Pflichtsoldaten des Kriegsendes zu finden, die den Aufstand getragen hatten, sondern gerade jene Kräfte, gegen deren obrigkeitsstaatlichen Militarismus sich die Revolution gerichtet hatte.

Es kommt
In der Hauptstadt gaben diese Freikorps ihre Visitenkarte nach dem Ende des sogenannten Spartakus-Aufstands in der zweiten Januar-Woche ab, als es aus einer Massendemonstration heraus spontan zur Besetzung des Zeitungsviertels gekommen war, bei dessen Rückeroberung wieder viele Tote zu beklagen gewesen waren. Als die Freikorps im Anschluss an diese Chaos-Tage den gesamten Süden und Westen der Stadt besetzten, wurden sie als ordnungsstiftende Macht von dem Reporter einer konservativen Zeitung folgendermaßen begrüßt: „Über den Potsdamer Platz zogen Truppen mit Offizieren, Truppen in der Hand ihrer Führer. Eine ungeheure Menschenmenge bildete Spalier und begrüßte sie mit begeisterten Hochrufen ... Mit Bewunderung blickten alle auf diese famose, tadellose, disziplinierte Truppe und ihre Führer.“

Mit ähnlicher Begeisterung blickte so manches monarchisch gebliebene Bürgerauge auch auf die Garde-Kavallerie-Schützen-Division bei ihrem Durchmarsch von Lichterfelde über Steglitz und Schöneberg nach Tiergarten, wo am 15. Januar 1919 im dortigen Hotel Eden jener Hauptmann Pabst sein Hauptquartier bezog, der auch noch im folgenden Jahr beim gegenrevolutionären Kapp-Putsch eine maßgebliche Rolle spielen sollte. Bereits am Abend desselben Tages gelang ihm ein sensationeller Coup, weil sein Nachrichtendienst das aktuelle Versteck zweier hochbedeutender Feinde seiner eigenen Gesinnung aufgespürt hatte. In der Nähe des Fehrbelliner Platzes, Mannheimer Straße 53, in der Wohnung des USPD-Mitglieds Marcusson, dessen Sohn selbst an dem in der Roten Fahne gefeierten Spartakus-Aufstand teilgenommen hatte, wurden die beiden Spartakisten und KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von einem Kommando seiner Truppe verhaftet und ins Hotel Eden überführt.

Und nun spielte sich eine unfassbare Tragödie ab. Anstatt von seinem Weisungsrecht als Militärbeauftragter der Revolutionsregierung Gebrauch zu machen und die Überführung der beiden Gefangenen in sichere Schutzhaft anzuordnen, wie es immerhin die Behörden der Kaiserzeit für angemessen gehalten hatten, überließ Zivilbefehlshaber Noske das weitere Vorgehen ausgerechnet jenem Hauptmann Pabst. Und der handelte brutalstmöglich. Nach der Vergewisserung ihrer Identität wurden beide unter entwürdigenden Umständen, durch gezielte Gewehrkolbenstöße verletzt, jeweils einem in Bereitschaft wartenden Mordkommando übergeben. Liebknecht wurde am Neuen See durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet und anschließend als „Leiche eines unbekannten Mannes“ ins Leichenschauhaus gebracht. Die nachfolgende Rosa Luxemburg wurde an der Lichtensteinbrücke in den Landwehrkanal geworfen, nachdem ihr in die Schläfe geschossen worden war.

Es kommt anders
In der Tagespresse des folgenden Tages aber stand eine Lügengeschichte von Hauptmann Pabst: Liebknecht sei auf dem Transport ins Moabiter Untersuchungsgefängnis bei einem Fluchtversuch erschossen worden; Rosa Luxemburg sei ihren Bewachern von einer wütenden Menschenmenge entrissen und verschleppt worden. Eine Ahndung dieser Verbrechen hat nie stattgefunden, es gab lediglich ein Militärverfahren, in dem die Täter über sich selbst zu Gericht saßen – mit dem entsprechenden Ergebnis. Über die moralische Niedertracht der Täter hinaus erschüttert auch ihre Befangenheit in dem Irrtum, sie könnten mit ihrer Tat die von den Ermordeten ausgehende Wirkungskraft auslöschen. Wie wir Heutigen aus unserem Überblick über die seither vergangenen einhundert Jahre wissen, ist genau das Gegenteil eingetreten. Der im Jahre 1999 verstorbene Publizist Sebastian Haffner stellt in seinem Buch „Die deutsche Revolution“ die Bedeutung ihres Martyriums sogar in die Nähe jenes von Golgatha: Beide Ereignisse hätten eine zum Zeitpunkt des Geschehens nicht erwartete Wirkung erzeugt.

Aber der verhängnisvolle Irrtum beginnt schon in der falschen Annahme, die Ermordeten wären die tragenden Säulen der Revolution gewesen. Doch haben sie weder die Revolution herbeigeführt, denn das war das spontane Werk der Soldaten und Arbeiter, noch hatten sie irgendeinen Einfluss auf deren Verlauf. Denn als alles begann, saßen sie im Gefängnis, und als die großen Debatten um den richtigen Weg der Revolution stattfanden, wurden sie in keinem der Parteigremien gehört. Ihre eigene Parteigründung, die kommunistische, war zum Zeitpunkt ihres Todes gerade zwei Wochen alt. So blieb ihnen zur Einflussnahme nur die Agitation in ihrer „Roten Fahne“, die anscheinend auch von ihren späteren Mördern gelesen wurde. Doch wurden sie seit der Gründung von Spartakus mit ihren flammenden Appellen schon damals zu Symbolen der Revolution.

Karl Liebknecht war wegen seines einsamen Mutes europaweit bekannt geworden, als er als einziger Reichstagsabgeordneter gegen die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt hatte. Und weil er im Jahre 1916 bei einer Rede auf einer Maidemonstration gerufen hatte: „Nieder mit dem Krieg – Nieder mit der Regierung.“ Woraufhin er für die restliche Kriegsdauer ins Zuchthaus eingesperrt wurde. Rosa Luxemburg wurde europaweit bekannt durch ihren Geist. Sie nahm an allen Theorie-Debatten der internationalen Arbeiterbewegung teil, die nach dem Tode von Friedrich Engels geführt wurden, und ließ sich auch von den Putschisten Lenin und Trotzki nicht beeindrucken. Auch ihnen gegenüber bestand sie auf dem Mehrheitsprinzip bei der Entscheidungsfindung. Umso tragischer mutet es uns an, dass diese beiden Revolutionäre von einer kleinen radikalen Minderheit gefällt wurden. Als Symbole. Herbeigerufen von der antimilitaristischen Revolutionsführung. Was für ein Mischmasch von Irrtum und Gewalt.

Ottmar Fischer

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