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Die gefiederte Intelligenz

Von Rita Maikowski. Beliebt sind sie nicht wirklich, unsere schwarz- oder grau-schwarz gefiederten, in Parks und baumbestandenen Höfen nistenden Mitbewohner.
Aaskrähen (Corvus corone), Nebelkrähen-Morphe. Foto: Pierre Selim - wikimedia

Auch in unserem Nachbargarten „wohnt“ seit mehr als 10 Jahren in der mächtigen Krone einer uralten Eiche ein Rabenkrähenpaar. Ihr Kreischen und Krächzen nervt, daher kommt übrigens auch ihr Name „Krähen“, der aus dem Indogermanischen stammt und lautmalerisch etwas abgewandelt ihrer „Sprache“ nachempfunden ist. Sie durchwühlen Blumenkästen und Gartenbeete, machen Dreck und wirken auf manche Menschen unheimlich, wenn nicht sogar bedrohlich. An Letzterem sind vermutlich die zahlreichen Mythen, Sagen, Märchen und nicht zu vergessen Hitchcocks Filmklassiker „Die Vögel“ schuld. Im Volksmund wurden sie als „Totenvögel“ oder auch „Galgenvögel“ bezeichnet, als Aasfresser ließen sie sich im Mittelalter auf den Körpern von öffentlich Gehenkten nieder. Dagegen fungierten für den germanischen Gott Odin seine Raben als Informanten, durch sie erfuhr er, was auf der Welt so passierte, er schätze ihre kognitiven Fähigkeiten. Die Christianisierung stürzte den heidnischen Gott und damit auch seine Helfer und Symbole. Seitdem gilt der Rabe in der christlichen Mythologie als Unglücksbringer. Der griechische Gott Apollon wiederum vertraute seinem Raben als Begleiter und Beschützer.

Mit den Raben sind sie eng verwandt, unsere Stadtkrähen, beide bilden die Gattung Corvus (mit über 40 Arten weltweit) und gehören zur Großfamilie der Rabenvögel (Corvidae), die wiederum insgesamt 115 Arten umfasst, zu denen auch z.B. Eichelhäher und Elstern gehören. Unbestreitbar gehören Rabenvögel zu den intelligentesten Vertretern der Fauna. Und – bei ihren Lautäußerungen kaum zu glauben – Krähen zählen auch zu den Singvögeln.

Ursprünglich in Feld, Wald und Bergen beheimatet, begannen die Rabenkrähen vor einigen Jahrzehnten sich in Städten anzusiedeln. Zunächst in weitläufigen Parks, dann zunehmend in bewohnten Gebieten, die mit Bäumen in Innenhöfen Schutz und eine gute Nistmöglichkeiten boten. Krähen sind anpassungsfähig und Allesfresser, sie ernähren sich von Insekten, Schnecken, Eiern anderer Vogelarten und kleinen Säugetieren, aber auch von Getreide, Nüssen und Abfall. Da sie außerdem sehr findig im Aufstöbern von Nahrungsquellen sind und sich sogar diverser Hilfsmittel bedienen können, um an schwerzugängliches Futter heranzukommen, bieten ihnen Wohngebiete mit Mülltonnen und Abfallkörben reichhaltige Auswahl. Stöcke dienen manchmal als Hebel und selbst kleine Drähte biegen sie sich zurecht, um etwas aus Behältern zu angeln. Ein besonderer Leckerbissen sind Walnüsse. Und hier zeigt sich die außerordentliche Intelligenz dieser Vögel ganz besonders: Immer wieder werden Krähen beobachtet, die aus großer Höhe die Nüsse auf harten Untergrund fallen lassen, um dann die geborstenen Schalen auszupicken. Noch raffinierter ist die Methode bei Rotphasen an Kreuzungen, wo sie Walnüsse vor die wartenden Autos fallen lassen. Dann warten sie ab, bis bei Grün die Autos über die Nüsse fahren, um beim nächsten Rot einen schnellen Festschmaus zu genießen. Haltbare Nahrungsmittel – die können sie von nichthaltbaren unterscheiden - verstecken sie im Herbst als Wintervorrat und finden sie treffsicher selbst durch zentimeterhohe Schneedecken punktgenau wieder. Für diese Intelligenzleistungen müssen wir sie zwar nicht lieben, aber zumindest respektieren.

Krähen können ein Lebensalter bis zu 20 Jahren erreichen. Sie leben monogam, bis an ihr Lebensende mit einem Partner. Während der Brutzeit von April bis Mai kümmert sich das Männchen um die Futterbeschaffung und auch nach dem Schlüpfen der Jungen verbleibt das Weibchen bei den Kleinen, um sie zu wärmen, das Männchen versorgt derweil das Gehege unermüdlich mit Nahrungsnachschub. Übrigens, der Ausdruck „Rabenmutter“ basiert auf einem Missverständnis. Krähenmütter (und auch die Väter) sind sehr fürsorglich. Es sind die Kleinen, die viel zu früh abenteuerlustig das Nest verlassen. Und dann hocken sie hilflos und aufgeplustert auf dem Boden und erwecken den Anschein, ihre Eltern würden sich nicht kümmern. Aber das stimmt nicht, sie werden weiterhin auch außerhalb des Nestes gefüttert und umsorgt.

Ein weiteres Vorurteil bedarf der Revidierung. Rabenkrähen sind zwar Nesträuber, Eier anderer Vogelarten gehören nun mal zu ihrem Nahrungsspektrum.  Aber dass die Population der kleineren Singvögel dadurch wesentliche Einbrüche erfährt, konnte bisher nicht belegt werden.

Nach der europäischen Vogelschutzrichtlinie und dem Bundesnaturschutzgesetz gehören Rabenkrähen zu den besonders geschützten Arten. Über geltende Ausnahmerichtlinien können sie nach den jeweiligen Jagdgesetzen der Bundesländer jedoch zur jagdbaren Art erklärt werden. Und davon wird rege Gebrauch gemacht, Jäger fürchten die Konkurrenz um ihr jagdbares Niederwild, Bauern um ihren Feldbestand. Die jährlich Abschussquote von Rabenkrähen geht in die Hunderttausende. Das betrifft natürlich nur die Krähenpopulation in freier Landschaft, unsere Stadtkrähen leben in Sicherheit vor Jägern. Vielleicht ist das ja mit ein Grund für den vermehrten Zuzug der Rabenvögel in die Städte, das wäre ja auch wieder ein Beweis ihrer Intelligenz.              

Rita Maikowski

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